Interview

"Nur noch ein Abziehbild seiner glanzvollen Tage"

Das Tacheles ist eine Attraktion für Besucher gewesen. Joachim Fahrun sprach mit Burkhard Kieker, dem Chef der Marketinggesellschaft VisitBerlin, über das Ende und die Folgen für Berlins Image.

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Berliner Morgenpost:

Herr Kieker, jetzt schlägt das letzte Stündlein des Kunsthauses Tacheles. 300.000 Leute haben das Tacheles jedes Jahr besucht. Wo soll man diese Leute jetzt hinschicken?

Burkhard Kieker:

In die Fotogalerie C/O im Postfuhramt. Das ist das nächste Projekt, was in der Oranienburger Straße gefährdet ist. Das C/O hat das Tacheles an Bedeutung in der Welt der Kunst längst abgelöst.

Ja, aber nicht als Touristenattraktion.

Das Tacheles steht noch in einigen veralteten Reiseführern. Ansonsten ist es nur noch ein Abziehbild seiner früheren glanzvollen Tage. Ich habe selbst im Keller in einem Klub getanzt, der "Ständige Vertretung" hieß. Da kam man nur durch die Kohlenluke rein.

Die guten alten Zeiten. Die sind jetzt aber unwiderruflich vorbei, oder?

Es gibt ja andere Orte, an denen getanzt wird in Berlin. Ich kann nicht die großen Krokodilstränen vergießen über das Tacheles. Mir machen eher Entwicklungen wie beim C/O Sorgen, das ja wirklich künstlerisch bedeutend ist. Das Tacheles hat vom Ruhm vergangener Jahre gelebt.

Dennoch rennen dort Horden junger Leute rein und staunen ...

Ich will nicht hoffen, dass das Aus für das Tacheles losgelöst von seiner eigentlichen Bedeutung ein Fanal ist für Gentrifizierung in Berlin.

Aber muss man sich nicht grundsätzlich überlegen, wie viele solcher Orte man in Berlin erhalten sollte, um nicht den Nimbus der Stadt als cool und unangepasst aufs Spiel zu setzen?

Unbedingt. Wenn man das letzte Stückchen Wildheit wegsaniert, dann werden wir irgendwann Schwierigkeiten haben. Aber davon sind wir weit entfernt. Meine einzige Sorge im Zusammenhang mit dem Tacheles ist, wie das medial rüberkommt, ob die Leute den Eindruck bekommen, Berlin saniert sich zu Tode. Obwohl das inhaltlich nicht stimmt, hat der Fall das Potenzial, missverstanden zu werden.

Wie wichtig ist denn das Wilde für den Berlin-Tourismus und den Wirtschaftsfaktor Tourismus?

Es gehört zum Markenkern von Berlin. Allerdings kann man das nicht künstlich herbeiführen. Es entsteht an Orten wie dem "Kater Holzig" oder an kleineren Orten, auch was sich in Kreuzkölln an Galerienszene bildet. In dieser Beziehung ist Berlin wie der Dschungel: Werden und Vergehen, das eine geht, das andere kommt. Das Tacheles war eine absolute Ikone, eine Ikone der 90er-Jahre. Der zerstörte Halbbogen des ehemaligen Kaufhauses war ein Symbol des zerbombten Berlin. Ich hoffe, dass ein neuer Investor das auch kulturell nutzt. Aber Berlin ist nicht nur cool und hip, sondern auch die Stadt des Wandels.

Aber in Alt-Mitte ist der ökonomische Verwertungsdruck zu groß, um ein Tacheles als Reminiszenz an alte Zeiten zu erhalten?

Man muss sich fragen, was für eine Stadt gefährlicher ist: wenn Leute mit dem Reiseführer dort hinlaufen und nicht finden, worauf sie hoffen. Oder ob das einfach woanders ist, an der Potsdamer Straße zum Beispiel, nur nicht so zerbombt.