Forschungsstandort Berlin

"Wir sind ein herausragender Platz für Wissenschaft"

Forschungsstandort Berlin: Charité und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin planen die gemeinsame Zukunft - gegen Widerstand

- Am Anfang war das Wort Bundesuniversität. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) brachte es in die Debatte, um auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam zu machen: Wie kann der Bund in der Zukunftsfrage von Forschung und Lehre den in der Hoheit der Länder liegenden Universitäten langfristig unter die Arme greifen? Was soll geschehen, wenn 2017 die nächste Runde der Exzellenzinitiative ausläuft?

Als eines der größten Praxis-Projekte in Deutschland gilt eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), einem maßgeblich vom Bund geförderten Forschungsinstitut von internationaler Klasse, und der Berliner Universitätsklinik Charité. Beide Einrichtungen beschäftigen sich bereits mit gemeinsamen Projekten, wollen aber auch institutionell verschmelzen. Die Grundgesetzänderung, die dem Bund eine Finanzierung universitärere Forschung dauerhaft erlauben soll, hat das CDU/FDP-Bundeskabinett beschlossen. Im Bundestag fehlt jedoch wegen der Kritik von SPD und Grünen die nötige Zweidrittelmehrheit.

Unter der gegebenen Rechtslage, die dem Bund verbietet, dauerhaft Universitäten zu fördern, ist eine Fusion von MDC und Charité nur in einer komplizierten rechtlichen Konstruktion machbar. Über diese wird derzeit intensiv diskutiert. Sicher ist aber, dass die gemeinsame Einrichtung erhebliches Geld, die Rede ist von hohen zweistelligen Millionenbeträgen, vom Bund erhalten muss. Für Berlin wäre die MDC/Charité das wohl wichtigste wissenschaftspolitische Projekt, das bei der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten große Fortschritte verspricht.

Joachim Fahrun sprach mit dem Wissenschaftlichen Direktor des MDC, Professor Walter Rosenthal, über die Exzellenz des MDC und die angestrebte Fusion.

Berliner Morgenpost:

Professor Rosenthal, was ist der wichtigste Beleg dafür, dass Sie hier am MDC Weltspitze sind?

Walter Rosenthal:

Die wissenschaftlichen Arbeiten aus dem MDC werden regelmäßig in hochkarätigen Zeitschriften wie "Nature" und "Science" publiziert und zitiert. Außerdem lässt sich die Stellung des MDC durch internationale Rankings belegen. Eines ist beispielsweise von Thomson Reuters, einer im Wissenschaftsbereich bekannten Agentur. Die ordnet das MDC als einzige deutsche Einrichtung unter die 20 weltweit besten Forschungseinrichtungen im Bereich Genetik und Zellbiologie ein. Wir liegen auf Platz 14, vor renommierten Einrichtungen in den USA und Großbritannien.

Können Sie für Laien erklären, was das Besondere an der Forschung am MDC ist?

Wir beschäftigen uns mit den molekularen Grundlagen von Erkrankungen. Wir widmen uns den Grundkonzepten der Zell-Regulation, also Wachstum und Spezialisierung von Zellen. Diese Grundfragen sind auch für die Erforschung der Entstehung von Krankheiten und auch für die Behandlung von Krankheiten von Bedeutung. Die Stärke des MDC ist, dass es in der Grundlagenforschung anfängt und dann die Dinge in Richtung Anwendung in der Klinik treibt, gemeinsam mit unseren Partnern, vor allem der Charité.

Wo kommen Ihre Forscher her?

Nach der Neugründung des MDC vor 20 Jahren wurde ein Dutzend Topwissenschaftler berufen, die diesen Anspruch umgesetzt haben. Deshalb ist das MDC heute so attraktiv. Wir rekrutieren in erster Linie Wissenschaftler aus dem Ausland und können mit Angeboten aus den USA durchaus konkurrieren. So kommen auch Forscher aus Harvard an das MDC. Die sehen, dass das MDC ein herausragender Platz für Wissenschaft ist, denn wo schon Topleute sind, da geht man gerne hin. Unter unseren Nachwuchsgruppenleitern sind ein Viertel Ausländer, unter den Doktoranden ist der Anteil noch größer. Insgesamt arbeiten am MDC Wissenschaftler aus 50 Nationen. Unsere hervorragenden Forschungsbedingungen tragen ebenfalls zu unserem Erfolg bei.

Das Lamento, dass man in Deutschland als Spitzenforscher nicht vernünftig arbeiten könne, ist also eine Mär?

Das muss man differenziert sehen. Wir haben hier als Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft eine hervorragende Ausstattung, gute Rahmenbedingungen und eine sehr gute Infrastruktur. Das ist am MDC so, aber auch in Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft und anderen Forschungsorganisationen. In den Universitäten trifft das vor allem auf Inseln zu, Stichwort Exzellenzinitiative. Flächendeckend ist das für die Universitäten nicht der Fall. Deshalb ist die Forderung vollkommen berechtigt, die Grundausstattung der Universitäten zu verbessern.

Ist für Sie der Standort in Buch am Stadtrand ein Vorteil oder ein Nachteil?

Die Entfernung zum turbulenten Leben hat auch Vorteile. Das fördert die Konzentration auf die Arbeit. Die Ruhe und die Atmosphäre auf diesem schönen Campus werden von vielen sehr geschätzt. Aber es ist eine müßige Frage. Das MDC und der gesamte Campus haben sich in den vergangenen 20 Jahren außerordentlich erfolgreich entwickelt. Die Flurbereiniger, die in Berlin häufig am Werk sind und etwas Großes, Neues durch Zusammenlegung schaffen wollen, verkennen nicht nur, dass es dafür kein Geld gibt, sondern auch, dass gewachsene Strukturen erhaltenswert sind.

Wie wichtig sind für Sie Kooperationen mit Unternehmen und Kliniken vor Ort?

Für die Leute aus den Biotech-Firmen in Berlin-Buch ist es ein Plus, wenn es vor Ort eine Forschungseinrichtung wie das MDC gibt. Es ist auch für die Mitarbeiter des MDC sehr attraktiv, wenn sie sich auf dem Campus in Gebäuden des Biotech-Parks preiswert einmieten können. Bei uns laufen zurzeit drei konkrete Projekte zur Ausgründung. Wir vergeben jedes Jahr circa eine Million Euro an Gruppen, die sich auf eine Kooperation mit der Industrie oder eine Ausgründung vorbereiten wollen. Unsere exzellente Grundlagenforschung ist der Quell, aus dem die neuen Ideen kommen. Es wäre mittel- und langfristig Unsinn zu sagen, die Wissenschaftler sollten von der Grundlagenforschung in die angewandte Forschung gehen. Ich möchte Grundlagenforschern die Möglichkeit geben, zusätzlich auch angewandte Forschung zu machen, mit mehr Personal und zusätzlichen Ressourcen. Ich möchte aber keinen Grundlagenforscher zum Unternehmer bekehren. Das sind unterschiedliche Kulturen.

Aber aus dem großen Wissenschaftsapparat der Lebenswissenschaften sind in der Region nur sehr wenige erfolgreiche Unternehmen entstanden.

In den Lebenswissenschaften geht es ja meistens um eine Verbesserung von Diagnose und Therapie. Es gibt aber nichts Schwierigeres als eine Arzneimittelentwicklung. Das dauert zehn, 20 Jahre von der Entdeckung eines Wirkstoffs bis zur Marktreife. Dazu kommt, dass wir in Deutschland ganz schlecht an Risikokapital herankommen. Das ist ein echtes Handicap. Ein Team am MDC hat es aber trotzdem vor Kurzem geschafft, sich eine Option auf Risikokapital in zweistelliger Millionenhöhe zu sichern. Außerdem sind nach dem Hype der Jahrtausendwende viele Wissenschaftler vorsichtiger geworden. Damals konnte man ohne tragfähiges wirtschaftliches Konzept Geld bekommen, das dann verbrannt wurde.

Sie arbeiten eng mit der Charité zusammen. Jetzt entsteht mit 30 Millionen Euro vom Land Berlin das neue gemeinsame Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB) auf dem Campus der Humboldt-Universität. Ist das ein Verlust für Sie in Buch?

Nein. Die Systembiologie basiert stark auf mathematischen Ansätzen, wenn es etwa darum geht, die mit modernen Sequenziermaschinen entschlüsselten Genome zu analysieren. Dafür braucht man Bioinformatiker, Modellierer usw. Die Experten dafür sitzen am BIMSB und in Berlin-Mitte, deshalb ist Mitte eine hervorragende Umgebung. Das BIMSB ist auch eine Schnittstelle zwischen experimentell und theoretisch arbeitenden Gruppen, da es selbst auch Labore betreibt.

Wie kooperieren Sie mit der Universität?

Seit Sommer dieses Jahres ist das BIMSB auch ein wichtiger Baustein des sogenannten Interdisciplinary Research Institute der Humboldt Uni, also des IRI Nord, das im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wird. Wichtig ist natürlich, dass wir den Informationsaustausch zwischen Buch und Mitte aufrechterhalten. Es gibt ja neben denjenigen, die unter dem Dach des BIMSB ganz neue Wege in der Systembiologie gehen, viele Forschungsgruppen am MDC in Buch, die Anwender der Systembiologie sind. In jeder Gruppe braucht man heute einen Systembiologen. Das BIMSB ist Speerspitze dieser Entwicklung.

Sie wollen mit der Charité zusammengehen. Warum ist das sinnvoll?

Es geht nicht um Gigantismus, sondern um die Verbindung zweier starker Forschungspartner. Das MDC hat den Auftrag, Grundlagenforschung zu betreiben und die Erkenntnisse daraus in Richtung Klinik zu treiben. Das tun wir bereits in einem gewissen Umfang. So betreiben MDC und Charité auf dem Campus in Buch das Experimental and Clinical Research Center. Dort findet der Übergang zwischen dem zellbiologischen Labor und der Klinik statt, die sogenannte translationale Medizin.

Warum können Sie sich nicht einfach nur für dieses Projekt zusammentun?

Charite und MDC sind extrem daran interessiert, dem Auftrag der Translation noch wesentlich mehr Raum zu gewähren. Dafür brauchen wir einen anderen Rahmen, auch finanziell. Vor allem brauchen wir dazu eine institutionelle Basis. Auf einer Projektebene ist das nicht machbar. Beide Partner passen inhaltlich sehr gut zueinander. Das MDC ist breit aufgestellt mit seinen Schwerpunkten Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Erkrankungen des Nervensystems. Damit sind wir für eine Universitätsklinik ein interessanter Partner, weil wir eben nicht nur auf einem Gebiet Kooperationen anbieten können.

Das heißt, Sie bauen und investieren in der Nähe der Krankenbetten der Charité?

Wir wollen Forschungsbetten an den bettenführenden Standorten der Charité schaffen. Wir müssen außerdem moderne technische Infrastruktur für die klinische Forschung bereitstellen, die uns erlaubt, Hochdurchsatzmethoden auf allen Ebenen, also Gene, Eiweiße, Stoffwechselprodukte für klinische Fragestellungen einzusetzen. Das ist viel aufwendiger, als es sich anhört, und auch relativ teuer.

In Berlin denken ja viele, man wolle die Charité in ihrem vielerorts maroden Zustand lieber dem Bund andienen.

Das stimmt nicht. Wir wollen etwas Neues im Bereich der Forschung schaffen, was es in Deutschland noch nicht gibt. Unser Vorhaben kann aber nicht die infrastrukturellen Probleme der Charité lösen.

Das Kabinett hat beschlossen, das Grundgesetz zu ändern, damit der Bund die universitäre Forschung dauerhaft unterstützen darf. Es fehlt die Zustimmung des Bundestages. Muss die Grundgesetzänderung kommen, bevor Sie starten?

Nein. Unser Projekt kann unabhängig davon umgesetzt werden. Eine Änderung des Grundgesetzes ist dafür nicht erforderlich. Ich würde sie aber sehr begrüßen, denn langfristig ist es notwendig, dass sich der Bund institutionell an den Universitäten engagiert.

Sie sind also auch nicht unter einem Zeitdruck, um nicht in den Bundestagswahlkampf reinzulaufen?

Nein, es gibt aber ein starkes inhaltliches Motiv, bald anzufangen. Wir wollen Translation und klinische Forschung in einer neuen, umfassenden Weise betreiben. Nehmen wir das Beispiel Krebs: Krebs ist eben nicht nur der Ursprungstumor und vielleicht Tochtergeschwulste - Metastasen -, sondern geht mit Entzündungserscheinungen einher, die auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Bedeutung sein können. Solche systemischen Veränderungen bei Krankheiten können wir mit neuen Technologien erfassen. Um eine solche Forschung soll es künftig gehen.

Hat der Berliner Finanzsenator seine Einwände aufgegeben? Er wollte ja nicht die Charité einfach so an Sie, also quasi in Bundeshand geben.

Es geht nicht um eine Übernahme der Charité durch den Bund, sondern um eine institutionelle Verbindung beider Einrichtungen zum Zwecke der translationalen Forschung. Und da höre ich ein klares Ja von der Berliner Politik.