Berliner Spaziergang

Der atemlose Weltgelehrte

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Barrie Kosky, neuer Intendant der Komischen Oper

Mit einem heftigen Schwung öffnet sich die Eisentür am Bühneneingang. Barrie Kosky schießt schwankend heraus. So muss Usain Bolt aussehen, wenn er schlafwandelt. Die Sonne scheint grell, der Künstler blinzelt, sagt "Hallo" an der Angesprochenen vorbei und rennt weiter, gefolgt von einem fröhlich vor sich hin stolpernden Cockerspaniel.

Barrie Kosky (45), gebürtiger Australier, in Berlin lebender, extrem impulsiver Opernregisseur. Für gewöhnlich kleidet er sich im Schwule-Designer-in-der-Metropole-Look, heute aber erscheint er überraschend konventionell: Khakihose, blau-weiß gestreiftes Hemd, weiß-blaue Sneakers. Die Frisur leicht wirr - Probenzeit ist nun mal keine Zeit für Friseurtermine -, die sonst so opulent beringten Finger sind nackt. "Der Schmuck würde mich bei der Arbeit stören", erklärt er atemlos, während er über den Hof rennt. Wir nehmen die Verfolgung auf.

"Wie war Ihre Probe?" Aber Kosky ist schon um die Ecke auf die Behrenstraße gebogen. Irgendetwas läuft hier falsch. Vielleicht hat ihm ja jemand unsere "Spaziergänge" als Wettlauf verkauft? Es deutet alles darauf hin. Aber eigentlich reicht es nicht, wenn Reporter und Fotograf hinter dem Protagonisten herhetzen. "Äh, Entschuldigung, könnten wir ..." Nein. Für fremde Regieanweisungen ist er gerade nicht empfänglich. Nicht jetzt, wo die Ziellinie seines fünfmonatigen Probenmarathons gerade in Sicht kommt. Am 16. September, zum Start der Spielzeit 2012/13, bringt Barrie Kosky eine Mehrfach-Premiere: Drei Monteverdi-Opern an einem Tag, ein Zwölf-Stunden-Spektakel mit 200 Künstlern. Ein Kraftakt. Für Journalisten bleibt gerade nicht die rechte Muße übrig.

Doch dann stoppt eine rote Ampel einen Schwung. Der richtige Moment für die erste Frage: "Warum beginnen Sie die Spielzeit mit Monteverdi?" Kosky lächelt und holt mit beiden Armen zur Erklärung aus. "Monteverdi sagt in einem Takt, wozu Wagner eine ganze Oper braucht. Er urteilt nicht über seine Charaktere. Er ist wie Shakespeare." Barrie Kosky redet, wie er rennt, und ignoriert ganz nebenbei, dass ihm hier gerade niemand unterstellt hatte, Wagner-Fan zu sein. "Ich liebe ,Tristan und Isolde', aber bei Wagner fühle ich mich, als hielte ich mich illegal in einem fremden Land auf", sagt Kosky. Er scheint die Reporterin jetzt erstmals richtig wahrzunehmen. "Mir fehlt das Visum für seine Musik." Wir stürmen die Kreuzung.

2003 gab Kosky sein Debüt an der Komischen Oper Berlin. "Le Grand Macabre" von György Ligeti, eine apokalyptische Groteske aus dem Jahr 1978, ein Werk voller Genitalfixierung, Trash und Fäkalfreude - und ein Erfolg. Schon da offenbarte Barrie Kosky diesen Widerspruch, der seine Kunst ausmacht: eine tiefe Intensität, von der er sich mit einer unbeirrten Leichtigkeit treiben lässt. Kosky fasziniert die Weite des Menschlichen. Er misst sie in jede Richtung und mit jedem Mittel aus. "Sympathischen Größenwahn" bescheinigte ihm jüngst die "Berliner Zeitung". Auch wenn manche vielleicht den Begriff anders auslegen, würden selbst seine Kritiker es ihm nicht absprechen: Was dieser Mann seit neun Jahren auf die Bühne der Komischen Oper bringt, ist großes Theater.

Schocken reicht nicht mehr

Seit 2007 lebt Kosky in Schöneberg. In der neuen Spielzeit übernimmt er als Nachfolger von Andreas Homoki die Intendanz in dem Haus an der Behrenstraße. Dann wird es nicht mehr reichen, zu schillern und zu schocken. Dann muss sein Hang zu Genialem, Widerlichem und zu Albernheiten in Verwaltung, Geschäftsführung, Politik umgesetzt werden. Berlin hat drei Opernhäuser, und alle wollen sie Publikum und öffentliche Gelder. Bald wird es an Barrie Kosky liegen, ob das kleine, schnelle Haus sich gegen die beiden staatstragenden großen Schwestern durchsetzt. Ist er bereit dafür? Er lacht: "Ich werde in den nächsten fünf Jahren fast keinen einzigen Tag freihaben."

Als der Anruf von Staatssekretär André Schmitz kam, ob Kosky der nächste Intendant der Komischen Oper werden wolle, da hatte sich der Australier eigentlich ein paar Wochen Zeit nehmen wollen. Immerhin ist es eine große Verantwortung. Aber Schmitz dachte anders darüber. "Er sagte Nein, Sie haben genau vier Tage Zeit." Doch im Grunde hatte sich Kosky ohnehin längst in Position gebracht. Er hatte seine Leute um sich geschart, Menschen, die sich für seine Vorliebe zu exzentrischen Details begeistern können. Wie die überzeugende Konsistenz von Bühnensperma für "Le Grand Macabre". Oder die perfekte Mischung des Apfeldufts, der durch die "Hochzeit des Figaro" strömte. Auch wenn er gerade den Kopf woanders hat, kann man ihn wunderbar interviewen. Das liegt an seiner Vorliebe für Metaphern. Überschriften-Sätze wie "Monteverdis Werke sind die DNA der Oper" oder "Operetten sind Champagner" sagt er ganz beiläufig. Die Arbeit des Librettisten Lorenzo da Ponte mit dem Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart erklärt er mit den Marx Brothers. Die Seele Österreichs mit dem Kellerverlies von Fritzl.

Wir werden wieder aufgehalten. Der Cockerspaniel macht sich daran, das zu tun, was Berliner Hunde auf Berliner Bürgersteigen so tun. "Blumi", sagt Kosky und zückt die Kottüte. "Wie heißt er?", fragt der Fotograf. - "Blumfeld." - "Ach." - "Nicht nach der Band, nach Kafkas Erzählung." Bei Kosky geht es gerne mal um die ganz große Geistesgeschichte, da wird er seinen Hund ja nicht Fips nennen.

Der italienische Komponist Claudio Monteverdi ist in der Tat eine spannende Wahl für einen Neuanfang. Immerhin gilt sein 1607 uraufgeführtes Singspiel "Orpheus" als erste Oper der Musikgeschichte. Der Mythos des Orpheus wiederum ist die europäische Urerzählung von der Macht der Dichter und Sänger. Und Barrie Kosky wäre nicht der Mann, der er ist, wenn er sich nicht in diesen Moment der Kulturgeschichte einschreiben wollte. Seine Monteverdi-Trilogie der Opern "Orpheus", "Odysseus" und "Poppea" soll nichts weniger als eine "Neuschöpfung" werden. Die Leerstellen, die Monteverdis Material lässt, hat die aus Taschkent stammende Komponistin Elena Kats-Chernin mit "einer eigenwilligen Instrumentierung versehen". Das heißt: Jazz, Klezmer, Tango oder Ragtime mischen sich in die Barockoper. "Im Grunde wird es eine Uraufführung", sagt Kosky.

Wir sind jetzt am Stelenfeld angekommen. Koskys Großmutter väterlicherseits kam 1935 aus Ungarn nach Australien, der Großvater kam nach der russischen Revolution aus Russland. Die Mutter seiner Mutter kam aus Polen und deren Vater aus England. Jüdische Mystik und Glauben spielen auch in seiner Arbeit oft eine Rolle. Aber auch jüdische Lebenskultur beschäftigt ihn: In dem kleinen Band "On Ecstacy" (Melbourne University Press 2008), widmet Barrie Kosky der Küche der bereits erwähnten polnischen Großmutter eine eigene Erzählung. "Ihre Hühnersuppe war der Caravaggio unter den Suppen. Der Rainer Maria Rilke der Suppen. Der Arturo Benedetti Michelangeli der Suppen." Das Buch beginnt mit einer Definition von "Ecstacy", aus der man Koskys künstlerisches Konzept herauslesen kann: "1. Heftige Freude oder Begeisterung; 2. Ein derart intensiver Zustand, der einen fortreißt, jenseits rationaler Gedanken und Selbst-Kontrolle; 3. Trance, Rausch oder Verzückung mit mystischer oder prophetischer Erhöhung."

Am Denkmal für die ermordeten Juden Europas liegt die Frage nahe: Was bedeutet dem Nachkommen diese offizielle Erinnerung? "Ich bin kein Fan von künstlerischen Denkmälern", sagt Kosky. "Ein Kinderkrankenhaus, das wäre eine bessere Erinnerungsstätte." Dann setzt er sich auf eine niedrige Stele, und der Fotograf macht sich ans Werk. Die Sonne brennt vom Himmel herab, der Hund versucht vergeblich, die Hitze wegzuhecheln. "Hot Dog", sagt Kosky und strubbelt dem Tier übers Fell. Ob der Hund mal hochschauen könnte? Blumfeld? Eher nicht. Kosky lacht über die vergeblichen Animationsversuche. Nein, Tricks habe er ihm nicht beigebracht. "Der Hund ist, wo der Hund ist", erklärt er, und es ist einer der wenigen Momente, wo man hört, dass Koskys Muttersprache eigentlich Englisch ist.

"Die Zeit für Dogmen ist vorbei"

Fremdsprache, auch das ist eine Neuerung von Barrie Kosky in einem Haus, in dem traditionell auf Deutsch gesungen wird. Unter Kosky wird nun individuell entschieden, in welcher Sprache gespielt wird. Bei der geplanten Kinderoper "Ali Baba und die 40 Räuber" des Berliner Komponisten Taner Akyol, das wissen wir jetzt schon, wird man auch Türkisch hören. "Die Zeit für Dogmen ist vorbei", erklärt Kosky. Dieser Haltung verdanken sich viele seiner Regieeinfälle. Mozarts "Hochzeit des Figaro" beispielsweise inszeniert er 2005 kurz entschlossen als eine jüdische Hochzeit. "Ich wurde immer wieder danach gefragt, worin besteht der dramaturgische Ansatz, es muss doch einen dramaturgischen Grund dafür geben. Gibt es aber nicht. Warum sollte denn Figaro Christ sein?", dreht Kosky die Beweislage um. Ja, warum?

Wir biegen in die Glinkastraße ein, hier liegt das Weinlokal "Nö", wo sich das Premierenpublikum trifft. Das Telefon klingelt, wir haben den Fotografen unterwegs abgehängt. Kosky lacht. Langsam, Schritt für Schritt, löst sich seine Anspannung. Er verfällt jetzt auch wieder in seine liebste Sprachwendung, mindestens einmal im Satz "hör mal", unterzubringen. Wir wählen einen Tisch draußen.

Kosky hat seine Karriere in Australien begonnen, als 19-Jähriger hat er zum ersten Mal "Orfeo" inszeniert, die Oper, von deren Probe er gerade kam. Wie unterscheidet sich das deutsche Publikum von dem in Australien? "Die Zuschauer hier sind enthusiastisch und neugierig, Sie sind offen für viele verschiedene Abenteuer", sagt Kosky, "im Vergleich zur angloamerikanischen Kultur ist das deutsche Publikum radikal."

Doch diese Offenheit liegt nicht daran, dass es den Leuten egal wäre, was auf den Bühnen passiert. "Oper ist ein sehr wichtiger Teil der deutschen Identität", sagt Kosky. Allerdings kann es dazu führen, dass man Inszenierungen zu ernst nimmt: "Was mich in Deutschland nervt, das ist diese Trennung von U- und E-Kultur. Die deutsche Kultur ist sehr hierarchisch, sie ist eine Leiter, ganz oben sind Schopenhauer und Kant und Hegel und Nietzsche und unten Jazz, Unterhaltung und Pop-Kultur. Aber ich glaube, Kultur ist eine Landschaft." Und in der kann es gerne mal bunter zugehen. "Die Deutschen haben diese seltsame Vorstellung, dass Unterhaltung eine schmutzige Sache ist."

Das will Kosky jetzt ändern. Er will etwas zurückholen, was die Nationalsozialisten vertrieben haben und vernichten wollten. Das Haus, das 1947 als Komische Oper eröffnete, war von 1898 bis zum Jahr der Machtergreifung das "Metropol-Theater". Revuen und Operetten bestimmten das Repertoire. Fritzi Massary feierte ihre ersten großen Erfolge, ihr Mann Max Pallenberg trat auf, so wie Richard Tauber, der "König des Belcanto". "Das Metropol-Theater war im Grunde ein jüdisches Theater, weil die Mehrheit der Sänger, Komponisten und Regisseure Juden waren.", erklärt Kosky. Doch dann kamen die Machtergreifung und der Holocaust. "They killed the clowns", sagt Kosky. "Was Deutschland verlor, war der Gewinn von Broadway und Hollywood."

In den nächsten Jahren nun bringt Kosky Stücke aus der Metropol-Zeit wieder auf die Bühne. Paul Abrahams "Ball im Savoy" zum Beispiel, der in Berlin uraufgeführt wurde. Oder Kurt Weills "Die Sieben Todsünden". Belehren will Kosky durch diese Wiederbelebung nicht. "Ich bringe diese Stücke nicht als historisches Lehrstück zurück", erklärt er. "Ich halte wenig davon, dass wir hier sitzen und sagen, ach, die armen toten Juden. Nein, wir sollen sagen: Diese Musik ist grandios." Dass es allzu historisch wird, das befürchtet bei Barrie Kosky ohnehin kaum jemand. Dazu verwendet er zu gerne Begriffe wie "Bollywood Operetta". Was fasziniert ihn eigentlich so am Musiktheater? "Es ist so verrückt. So oft macht es keinen Sinn. Oper ist die großartigste Zusammenführung aller Kunstformen."

Der Himmel kippt. Aus den Wolken, die sich über uns zusammengezogen haben, fallen erste Tropfen. Aber Kosky ist jetzt voll da. Er erzählt von seinen Plänen, von dem Verbinden von Orientalischem und Jüdischem, von Klassik und Jazz. Gerade in dieser Erneuerung wird er die Tradition von Walter Felsenstein und Andreas Homoki fortführen. Wenn das eintritt, worüber er jetzt fantasiert, dann bleibt die Komische Oper das, was sie immer war: einzigartig und unverwechselbar.

Es fängt an zu gießen, Kosky bestellt ein Taxi, Blumfeld muss noch zu Hause abgeliefert werden, er selbst geht ins Musical. Wie sagte er noch? "Was ist falsch daran, manchmal zu spüren, wie schön das Leben sein kann?"