Gedenken

Ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen

Praktisch betrachtet wäre es nur ein neu beschriftetes Verkehrszeichen.

Angebracht nach der "Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung", die Unterkante mindestens zwei Meter über dem Straßenniveau, beidseitig beschriftet, Schrift nach DIN-Norm 1451, Teil 2. Doch eine Umbenennung der Berliner Zimmerstraße in "Peter-Fechter-Straße" wäre in jeder Hinsicht ein wichtiges "Zeichen". Sie wäre nicht nur ein weiteres, bedeutendes Signal gegen das Vergessen und für die lebendige Erinnerung an die "Mauer der Schande" ("Time") und die Verbrechen der SED-Diktatur. Sie würde diesen Verbrechen auch nicht nur einen öffentlich sichtbaren Namen und ein Gesicht geben. Besser als jedes Mahnmal und jede noch so gute Ausstellung würde diese Straße den Namen Peter Fechter auch automatisch mit in die Welt hinaustragen - in die Telefonbücher, in die Stadtpläne, in die Reiseführer. Sie würde das Andenken an sein Schicksal in den Alltag hineinholen und damit wachhalten.

Die Umbenennung der Straße und die Unterstützung für dieses Vorhaben durch alle wichtigen Parteien wäre zudem ein gutes Zeichen für eine entideologisierte Erinnerungskultur. Denn die historische Erinnerung ist bekanntlich nicht in Allgemeinen Verwaltungsvorschriften und nach DIN-Normen geregelt. Sondern sie ist geprägt von gesellschaftlichen und politischen Interpretationen. Gerade in Berlin haben die tiefen ideologischen Gräben aus den Zeiten des Kalten Krieges eine würdige Erinnerungskultur bis heute immer wieder erschwert.

Die Folgen sind beschämend: Das Grab des letzten Maueropfers Chris Gueffroy wurde mehrfach geschändet, und eine Plastik zu Ehren von Peter Fechter 2011 zerstört. Politisch geriet die Umbenennung von Straßen und Plätzen nach Opfern der Teilung immer wieder zur Farce. Es mussten nach dem Fall der Mauer erst 20 Jahre vergehen, ehe 2009 in Altglienicke mit der Lutz-Schmidt-Straße die erste Straße in Berlin nach einem Maueropfer benannt wurde. 1987 war er dort bei einem Fluchtversuch erschossen worden. 2004 war die Benennung einer Brücke nach Chris Gueffroy vom damaligen rot-roten Senat mit der fragwürdigen Begründung abgelehnt worden, dass Brücken in Berlin nur nach Frauen benannt werden dürften. Erst 2010 wurde die Chris-Gueffroy-Allee eingeweiht. Es bleibt zu hoffen, dass der Bezirk Mitte für die "Peter-Fechter-Straße" eine Ausnahme von einer ähnlichen Regelung macht. Es darf in unserer wiedervereinigten Hauptstadt nicht sein, dass es zwar eine Karl-Liebknecht-Straße und einen Ernst-Thälmann-Park gibt, aber keine Peter-Fechter-Straße - von einem "Platz der Deutschen Einheit" ganz zu schweigen.

Die Umbenennung der Zimmerstraße wäre ein starkes Zeichen. Noch besser wäre es, wenn es nicht bei diesem Zeichen alleine bliebe. Mindestens 136 Menschen sind nach aktuellem Forschungsstand zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer ums Leben gekommen, darunter alleine 96 DDR-Flüchtlinge. Hinter diesen kalten Zahlen verbergen sich Menschen, ihre Schicksale und das ihrer Familien, die teilweise bis heute leiden.

Peter Fechter und Chris Gueffroy sind die bekanntesten Mauertoten. Es würde dem Gedenken an die Verbrechen der SED guttun, wenn mehr Namen der Opfer ins öffentliche Bewusstsein rücken würden. Ich denke an dieser Stelle etwa an Lothar Schleusener und Lutz Hartmann: Kinder im Alter von nur 13 beziehungsweise zehn Jahren, die 1966 an der Grenze erschossen wurden.

Je mehr Namen in Erinnerung bleiben, desto stärker rücken bei der Erinnerung an die Mauer die Menschen in den Vordergrund und nicht das Bauwerk und seine strategische Bedeutung im Kalten Krieg. Es ist unerträglich, dass es immer noch Leute wie den ehemaligen DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler gibt, die den Bau der Mauer noch heute als Friedenswerk rechtfertigen. Dabei war sie nichts anderes als ein in Beton gegossenes Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Symbol der Feigheit der SED-Machthaber vor dem eigenen Volk; Betonköpfe, die sich in ihrer Verzweiflung nicht anders zu helfen wussten, als ein ganzes Volk einzusperren. Am Ende war die Kraft der Freiheit stärker als Beton und Stacheldraht - wie fast immer in der Geschichte.

"Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler", hat Ingeborg Bachmann einmal gesagt. Mit Blick auf den Wissensstand vieler Schüler in Deutschland über Demokratie und Diktatur eine fast schon prophetische Aussage. Nach einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin bewerten knapp die Hälfte der Jugendlichen den Nationalsozialismus und knapp zwei Drittel die DDR nicht als Diktaturen oder sie waren sich unsicher. Das wiedervereinigte Deutschland wird nur von gut 60 Prozent ausdrücklich als Demokratie eingestuft. Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, hat dabei darauf hingewiesen, dass es für viele Schüler heute einfach nicht vorstellbar sei, dass Deutschland einmal geteilt und die DDR abgeriegelt war.

Und letztlich ist ja auch unfassbar, dass heute vor 50 Jahren junge Deutsche auf zwei 18 Jahre alte Landsleute geschossen haben, die nicht mehr wollten als ihre Freiheit. Der eine 18-Jährige, Peter Fechter, kam dabei unter dramatischen Umständen ums Leben. Die Erinnerung an ihn und sein Schicksal gilt es zu bewahren. Deshalb unterstütze ich aus vollem Herzen die Aktion "Eine Straße für Peter Fechter".

Der Autor Hermann Gröhe ist seit Oktober 2009 Generalsekretär der CDU. Er plädiert im Rahmen der Morgenpost-Aktion "Eine Straße für Peter Fechter" dafür, die Zimmerstraße in Mitte nach dem Maueropfer zu benennen.