Verkehr

"Berlin ist eine Carsharing-Metropole"

Anbieter von Kurzzeit-Leihautos drängen auf den Markt in der Hauptstadt. Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft

- Ein Spaziergang durch Mitte kann zu einem Déjà-vu-Erlebnis werden. Nicht, weil sich die ewig gleichen Touristenmassen die Friedrichstraße entlangschieben und die ewig gleichen Schnappschüsse machen. Es sind die Autos, die einen denken lassen: "Hab ich den nicht gerade schon mal gesehen?"

Dabei ist es natürlich nicht derselbe weiße Smart oder dunkle Mini, der einen verfolgt. Aber es ist immer ein ähnlicher Wagen, der an einem vorbeirollt. Die Autos gehören zu den Flotten der großen Carsharing-Anbieter. Die Smarts zu Car2Go, hinter dem sich Autobauer Daimler und Vermieter Europcar verbergen, die Minis kommen von DriveNow, dahinter stecken BMW und Sixt. Das Konzept: Die Autos stehen am Straßenrand, wer als Kunde registriert ist, kann einsteigen und losfahren.

Durch dieses Konzept erlebt Berlin derzeit einen Carsharing-Boom: Die Stadt hat in Deutschland die meisten Anbieter, wie der Bundesverband Carsharing ermittelt hat. Sieben seien es momentan, einer wird im September dazukommen: Vergangene Woche kündigte die Bahn an, ihr bereits bestehendes Angebot Flinkster künftig durch flexibles "sharen" von Elektroautos der Marke Citroën zu ergänzen. Das Angebot wird dann als "Multicity" der achte professionelle Anbieter sein. "Berlin ist eine Carsharing-Metropole", sagt Andreas Leo von Car2Go.

Noch große weiße Flecken

Die Idee beim Carsharing ist simpel wie praktisch: Viele Nutzer teilen (Englisch: "share") sich ein Auto, statt selber eines zu besitzen. Dafür gibt es Vereine und Plattformen, die das Teilen von privaten Autos organisieren oder auch Firmen, die Autos zur Verfügung stellen. Allen Anbietern gemein: Wer sich registriert, kann die Autos ausleihen - egal ob für eine Stunde oder eine Woche. Bekannt wurde das System durch spezielle Stationen, an denen Leihautos parken und Kunden sie abholen können. Der Bezirk Pankow hat beispielsweise im vergangenen Jahr 35 Stationen für 82 Autos eingerichtet. Anbieter wie Car2Go und DriveNow sind nicht an feste Stellplätze gebunden. Über das Internet suchen Kunden das nächstgelegene freie Auto, das innerhalb einer vereinbarten Zone an der Straße geparkt werden kann.

Im bundesweiten Vergleich kann Berlin jedoch bei der Versorgung mit Teil-Autos noch zulegen - trotz der groß angelegten Marktauftritte von Car2Go und DriveNow. "Die neuen Anbieter sind mit einer hohen Zahl von Wagen präsent", sagt Willi Loose vom Bundesverband Carsharing. "Dennoch liegt Berlin momentan bei der Versorgung mit Sharing-Autos bundesweit nur an fünfter Stelle, verglichen mit der Bevölkerungszahl der Stadt." Demnach kommen 0,544 Sharing-Wagen auf 1000 Einwohner. Umgerechnet bedeutet das, dass es etwa 1900 Sharing-Autos in der Stadt gibt. Davon entfällt auf Car2Go, das im April mit 1000 Autos in Berlin startete, und dem seit Herbst 2011 aktiven DriveNow (500 Wagen) der Löwenanteil.

Die beiden Unternehmen haben damit für einen deutlichen Schub in der Berliner Sharing-Landschaft gesorgt - obwohl der nicht überall gleich stark ist. "Es gibt in Berlin eine besondere Konzentration von Carsharing-Angeboten etwa in Mitte oder Prenzlauer Berg. Dafür gibt es aber auch andere große Räume, wo mangels genügender Nachfrage auch kein Carsharing angeboten wird", sagt Loose.

Doch ob es dabei bleibt, dass es große weiße Carsharing-Flecken gibt, ist momentan noch offen. "Eine Erweiterung des Geschäftsbereichs schließen wir nicht aus", sagt beispielsweise Andreas Leo von Car2Go. Der Anbieter hat nach eigenen Angaben seit April rund 17.000 Kunden in Berlin gewonnen, etwa 20.000 Mal werden die Smarts in der Woche gemietet. Tendenz steigend. "Berlin ist der zurzeit am schnellsten wachsende Car2Go-Standort", sagt Leo.

Dass sich die Autobauer intensiv im Carsharing engagieren, hat handfeste Gründe: Die Prüfgesellschaft Dekra beziffert das Kundenpotenzial auf knapp drei Millionen Nutzer. Bis Ende 2011 waren es in Deutschland noch rund 260.000 Nutzer.

Berlin nimmt in diesem Markt zudem eine ganz besondere Stellung ein - hier ist die Zahl der zugelassenen Autos umgerechnet auf die Zahl der Einwohner so niedrig wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Das spiegelt einerseits die Möglichkeit wider, auch ohne Auto in Berlin mobil sein zu können. Andererseits: Spätestens wenn es mal zwei statt einer Kiste Sprudel sein sollen, wäre ein Auto eine bequeme Lösung. Da in Berlin jedoch nur 289 Autos auf 1000 Einwohner angemeldet sind, wie der Mobilitätsexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen errechnet hat, dürfte der Kreis möglicher Carsharing-Kunden besonders groß sein. Zum Vergleich: In anderen Carsharing-Hochburgen wie Hamburg sind 331 Autos auf 1000 Einwohner gemeldet, in München 350. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 472 Autos.

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Auto besitzen und Auto leihen wechselseitig: "Der Trend zu Carsharing lässt den Wunsch nach dem eigenen Auto nicht mehr so wichtig erscheinen", sagt Dudenhöffer. Und nur wer kein Auto hat, dürfte zum "Sharer" werden.