Prozess

"Rache, Hass, Eifersucht"

Justiz: Morgen könnte im Fall Mehmet Y. das Urteil gesprochen werden. Das Verfahren gegen den Doppelmörder aus Wedding verlief oft bizarr

- Als der Schwurgerichtsvorsitzende Olaf Arnoldi den Fall übernahm, war schon klar, dass er in einigen Wochen an das Kammergericht wechseln würde, um dort einen Strafsenat zu übernehmen. Das ist inzwischen geschehen, doch Arnoldi muss weiter zum Berliner Landgericht fahren, weil ein Fall weitaus länger dauert als geplant: der Prozess um den mutmaßlichen Doppelmörder Mehmet Y. Am Dienstag könnte das Urteil gesprochen werden.

Was der 25-Jährige getan hat, ist unstrittig: Am Morgen des 4. August 2011 schoss er in der Kolberger Straße in Wedding mit einer Pistole zwölf Mal auf einen blauen Mitsubishi, in dem seine Ex-Frau Feride und Angehörige ihrer Familie saßen. Feride und ihr Vater blieb unverletzt. Getötet wurden ihre Mutter und ihre Schwester Leyla. Schwer verletzt wurde ihr Bruder Ferite, der hinterm Lenkrad saß. Der Kurde mit türkischem Pass habe "aus Rache, Hass, Eifersucht und Verärgerung wegen des Verlustes seines Aufenthaltsstatus" gehandelt, heißt es im Anklagesatz. Er habe seine Ex-Ehefrau sowie deren Familie töten wollen, weil er sie "für die Trennung und die nicht akzeptierte Scheidung verantwortlich" machte.

Für die Ermittler waren das dann auch klar zwei Morde und drei Mordversuche. Staatsanwältin Heike Hagedorn beantragte am 2. April eine lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Für den folgenden Prozesstag war das Urteil geplant. Dazu kam es nicht. Mehmet Y. wusste es zu verhindern. Ob es so von ihm gewollt war oder ob er sich tatsächlich psychisch nicht steuern kann, ist der Knackpunkt dieses Prozesses - der geprägt und verzögert wird vom Verhalten des Angeklagten.

Dazu gehören auch die Turbulenzen am 2. April, als der Prozess eigentlich beginnen sollte, Mehmet Y. aber plötzlich seinen Verteidiger ablehnte. Angeblich habe ihn der Anwalt zu selten in der Haftanstalt besucht, so die mit Fistelstimme vorgetragene Begründung des Angeklagten. Auch habe der Anwalt von Mehmet Y. entworfene Schriftsätze angeblich nicht weitergegeben. Richter Arnoldi sah diese Erklärung als nicht stichhaltig an und versuchte, Mehmet Y. das auch in aller Ruhe klarzumachen. Vergeblich. Mehmet Y. schrie mit greller hoher Stimme: "Dieser Mann hat nicht mehr mein Vertrauen", gestikulierte, blieb stehen, obwohl er sich setzen sollte und versuchte immer wieder, die Sicherheitszelle im Verhandlungssaal zu verlassen.

Ausdrücke wie "ehrloses Schwein"

Sein Anwalt beantragte, ihm zumindest einen zweiten Pflichtverteidiger zur Seite zu stellen. Eine "vernünftige Verteidigung" sei aufgrund des Verhaltens des Mandanten nicht möglich, sagte er. Es folgte ein zweiter Prozessauftakt am 2. Mai. Mehmet Y. hatte sich durchgesetzt. Sein erster Anwalt war geschasst. Das Gericht ging auf sicher, stellte ihm die beiden Wahlverteidigerinnen Ria Halbritter und Yosma Karagöz zur Seite. Außerdem den Anwalt Mirko Röder als Sicherungs-Pflichtverteidiger, den der Angeklagte nicht mehr ablehnen kann, falls ihm plötzlich auch diese Verteidigerriege nicht mehr gefallen sollte. Anfangs wirkte es so, als könnte dieses Trio tatsächlich beruhigend auf ihn einwirken. Dieser Eindruck hielt sich jedoch nicht lange. Noch am gleichen Tag zischte Mehmet Y. ein paar Worte in Richtung Zuschauerbänke, wo Ha-lil C., sein ehemaliger Schwiegervater, saß. Es sollen Ausdrücke wie "ehrloses Schwein" gewesen sein.

Halil C. war außer sich. Der 45-Jährige hat bei dem Mordanschlag Frau und Tochter verloren. Sein ganzes Leben, sagte sein Anwalt Matthias Zieger, sei "ein einziges Desaster". Und dieser Mann musste sich nun von dem Täter beschimpfen lassen. Öffentlich, vor einem Gericht und vor Zuschauern. Auch Halil C. ist Kurde. Es folgte ein heftiger, ungestümer Wortwechsel. Arnoldi musste nachdrücklich für Ruhe sorgen. Diese Situation gab es auch an anderen Verhandlungstagen. Nicht immer nur ausgelöst von Mehmet Y., sondern auch von Halil C. oder dessen Sohn Fe-rite C., der durch einen Schuss von Mehmet Y. im Gesicht schwer verletzt wurde. Beide, das ist während des Prozesses immer wieder zu spüren, empfinden das Verhalten des Angeklagten als unerträglich. Beide gehen davon aus, dass Mehmet Y. seine psychischen Störungen nur simuliert: seine verzögerten Antworten, seine Lethargie, seine Wutanfälle, in deren Folge er auch mal seinen Kopf gegen die Panzerglasscheibe der Sicherheitszelle schlägt oder mit seinen Fäusten auf den vor ihm stehenden Tisch trommelt.

Ist Mehmet Y. nun tatsächlich psychisch stark gestört oder nicht? Für Anwalt Röder scheint die Sache klar: Man müsse ja auch das ganze Verhalten sehen, sagt er. Und nicht nur das unberechenbare Benehmen vor Gericht, zu dem auch ein für die Anwesenden schier unerträglicher sechsstündiger Monolog des Angeklagten gehörte. Ein Konglomerat aus vor Selbstmitleid triefendem Gejammer, Liebesschwüren für seine Ex-Frau und Vorwürfen gegen andere, vor allem gegen Halil C., den es kaum noch auf seinem Platz auf der Bank der Nebenkläger hielt.

Dazu gehörte auch die sehr eigene Sicht des Angeklagten auf seine Tat, die quasi versehentlich geschehen sei: "Ich hatte in der Nacht vor dem 4. August kaum geschlafen", gab Mehmet Y. zu Protokoll. "Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut und nicht mehr geborgen im Leben. Ich hatte Ängste." Er wisse nicht, warum das gerade an diesem Tag so war. "Aber es war mir irgendwie klar, dass ich Feride sehen und mit ihr sprechen musste." Er habe das Auto nur aufhalten wollen. Umbringen oder verletzen wollen habe er niemanden, im Gegenteil.

"Gerade meine Schwiegermutter und meine Schwägerin haben mir gegenüber nie ein böses Wort verloren", hieß es in der Erklärung. "Und mit meinem Schwager hatte ich ein gutes Verhältnis." Erwähnt werden müsse in diesem Zusammenhang aber auch, so Röder, dass der Angeklagte schon lange vor der Tat in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Und dass er damals offenbar schon Wahnvorstellungen hatte, imaginäre Ängste, Bedrohungsgefühle.

Ein Beispiel für die psychische Konstellation sei nicht zuletzt die Wohnung. Ermittler fanden nach der Festnahme von Mehmet Y. an Fenstern und Türen Schriftzüge in türkischer Sprache: "Mein Baby, mach mich nicht zum Flüchtling der Liebe", "Liebste, ich warte jeden Tag auf dich mit großer Hoffnung", "Vergiss ja nie, ich lebe für dich".

Mit dem Kochtopf geschlagen

Und zu berücksichtigen, so Anwalt Röder, sei ebenso das Verhalten des Angeklagten in der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Mehmet Y. hatte dort am 5. Dezember 2011 einem schlafenden Zellengenossen nachts mehrmals wuchtig einen Kochtopf gegen den Kopf geschlagen. Das schwer verletzte Opfer war Ali T., der später von einer Moabiter Strafkammer wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Der 21-Jährige hatte am 17. September 2011 im U-Bahnhof Kaiserdamm den Koch Giuseppe Marcone grundlos angegriffen. Als Marcone fliehen wollte, wurde er auf dem Kaiserdamm von einem Auto erfasst und starb noch am Unfallort.

Mehmet Y. hatte äußerst merkwürdige Begründungen für diese brutale Attacke gegen den Mitgefangenen. Mal soll Ali T. angeblich von Halil C. beauftragt worden sein, ihn umzubringen. Dann gibt es auch die Erklärung, Ali T. habe Mehmet Y.s Ex-Frau beleidigt. Ali T. indes kannte weder Halil C. noch Feride oder andere Mitglieder der Familie.

Norbert Konrad, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Krankenhauses der Berliner Vollzugsanstalten, sieht das Verhalten von Mehmet Y. zwiespältig. Er attestierte ihm in seinem Gutachten zwar eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Der Gutachter ging aber nicht davon aus, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt, als er die Schüsse abgegeben hatte, in seiner Steuerungsfähigkeit stark eingeschränkt gewesen sei.

Die Stimme gab einen Befehl

Anders sei es bei der Attacke mit dem Kochtopf gegen Ali T. in der Untersuchungshaftanstalt. In diesem Fall könne davon ausgegangen werden, dass der unter Anpassungsstörungen leidende Mehmet Y. eingeschränkt schuldfähig oder sogar schuldunfähig sei. Das widersprach der Einschätzung der Verteidigung. Die wollte den Psychiater Karl Kreutzberg, Chefarzt in der forensischen Psychiatrie, mit einem zweiten Gutachten beauftragen. Das wurde vom Gericht mit dem Hinweis auf Konrads Kompetenz zwar abgelehnt. Gleichzeitig wurde Kreutzberg jedoch vor Gericht gehört. Er wies darauf hin, dass die Einschätzung seines Kollege Konrad, angesichts der Ausgangssituation, durchaus nicht falsch sei. Er, Kreutzberg, habe mit dem Angeklagten inzwischen in der Haftanstalt weitreichende Gespräche führen können. Dabei seien unter anderem "ein Kontroll- und ein Waschzwang" zur Sprache gekommen und "ein tiefes Bedrohungsgefühl". Auch von einer imaginären Frauenstimme war bei diesen Gesprächen die Rede, von der Mehmet Y. zuvor noch nie berichtet hatte: "Halte den Wagen auf, sonst ist die Frau weg, du wirst sie nie mehr sehen", soll ihm diese Stimme angeblich zugeraunt haben. Als er vor dem Wagen stand, in dem Feride saß. Sekunden, bevor er die tödlichen Schüsse abgab.

Kreutzberg sah im Ergebnis dieser Gespräche Hinweise auf eine seit zwei, drei Jahren beginnende Schizophrenieerkrankung. Er empfahl eine Unterbringung des Angeklagten in der Gefängnispsychiatrie- den Maßregelvollzug. Ob er sicher sein kann, dass ihm der Angeklagte auch die Wahrheit gesagt habe, fragte Richter Arnoldi. Nein, das konnte Kreutzberg nicht. Ein Angeklagter mit dieser Intelligenz sei durchaus in der Lage, auch erfahrene Gutachter zu täuschen, sagte er.

Und so scheint für den nächsten Prozesstag am 31. Juli alles möglich zu sein: Ein schnelles Urteil, aber auch eine weitere Verlängerung, weil von der Verteidigung erwogen wird, nun ein dritten Experten hinzuzuziehen. Der müsste dann einschätzen, ob dem Gutachten von Konrad zu folgen ist oder dem von Kreutzberg. Aber vielleicht wird Mehmet Y. ja auch noch einmal was ganz anderes erzählen.

Für Richter Arnoldi eine ungünstige Konstellation. Auf seinem Schreibtisch im Kammergericht sollen sich inzwischen die Akten stapeln. Dennoch muss er weiter nach Moabit zum Landgericht fahren - um sie möglichst gerecht und revisionsfest zu beenden: die Strafsache Mehmet Y.