Eröffnungsfeier

London Calling

Wir wissen nicht ganz genau, wie viele Tiere Danny Boyle, der Regisseur der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, an diesem Freitagabend ins Stadion treiben will.

- Oder ob die künstliche Wolke, die Regen spenden soll, funktioniert. Nur zwei Generalproben hat es gegeben für das riskanteste Spektakel, das je zur Eröffnung einer olympischen Feier ausgeheckt wurde. Es soll die Insel darstellen, wie sie ist, wie sie war und was sie sein will. Im Stadioninneren der Nachbau einer typischen Countryside, komplett mit passendem Ensemble an Fauna und Flora. Kosten: etwa dreißig Millionen Euro. Exzentrik, dein Name sei England.

Womit wir in einem unübersehbaren Paradox dieser Spiele angelangt sind: Sie finden statt vor dem Hintergrund der tiefsten Rezession Großbritanniens seit mehr als fünfzig Jahren. Vor wenigen Tagen wurde es amtlich: Die Wirtschaft schrumpft, jetzt schon im dritten Quartal, das Land hat wenig zu lachen.

Wie anders war das noch in Singapur 2005, als London den Zuschlag erhielt. Das Land durchlebte einen lang anhaltenden Boom, Olympia-Kosten würde man, wenn nicht gerade aus der Portokasse, so doch buchstäblich spielend tragen können. Sieben Jahre später nun der harte ökonomische Aufprall. Das weckt Zynismus gegenüber dem Olympia-Spektakel, und das traditionelle Maulen der Briten vor vielen ihrer Großereignisse feiert Urstände.

Peinliche Verwechslung

Die 9,3 Milliarden Pfund Kosten! Die Einschränkungen im Londoner Stadtverkehr! Der Sicherheits-Overkill! Die Kommerzialisierung! Die Transport-Pannen im Vorfeld, und jetzt auch noch diese peinliche Verwechselung der nordkoreanischen mit der südkoreanischen Flagge, vor dem Frauenfußballspiel Nordkorea gegen Kolumbien!

Typisch, sagen die britischen Defätisten, genauso haben wir uns das ausgemalt. Dabei unterschlagen sie, dass etwa nach dem Olympia-Fiasko in Atlanta 1996, als wegen des permanenten Verkehrsstaus einige Athleten zu spät zu ihren Wettkämpfen kamen, das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschloss, die Spiele nur noch an solche Städte zu vergeben, die einen reibungslosen Verkehrsfluss für Sportler garantieren konnten. Die Londoner wussten also seit sieben Jahren, dass auch auf sie entsprechende Einschränkungen zukommen würden.

Genöle also. Bis der Startschuss fällt, hier und heute. Da wird sich ein anderes Britannien vorstellen, in seinem Hol's-der-Teufel-Enthusiasmus. Den konnte man schon erleben, als siebzig Tage lang mehr als fünf Millionen Menschen die Straßen säumten, den Lauf der olympischen Flamme quer durchs Land zu begleiten. Das große britische Reservoir an freiwilliger Motivation schenkt auch dem Olympiapark selber, Stratford, abseits der Sicherheitskontrollen seine fröhliche Prägung durch hilfsbereite Jugend.

Stratford. Mitten im Ostlondoner Hackney und Newham gelegen, den ärmsten Gemeinden der Metropole. Es heißt, auf der Underground-Reise etwa von der Oxford Street im Westen in Richtung East End verringere sich die Lebenserwartung der Bevölkerung an jeder Station um etwa ein Jahr. Was aber Stratford seit 2005 erlebt hat, ist wie die Geburt des Prinzips Hoffnung aus dem Geist des olympischen Aufbruchs. Ein riesiges bodenverseuchtes Areal wurde in einen blühenden Park aus Freiluft, Infrastruktur, Sportangebot und kommerzieller Regenerierung verwandelt, die jeden erstaunen muss, der dieses Gelände vor Jahren im Dornröschenschlaf seines Verfalls erlebte.

Vielleicht eine Spur zu groß

Das allein macht Jahrzehnte der Vernachlässigung noch nicht wett, weist aber über das kurzfristige Erlebnis der Spiele hinaus auf neue Chancen für Beschäftigung und Lebensqualität. Allein mit dem Olympia-Park erhält das Londoner East End zum ersten Mal in seiner Geschichte ein attraktives Naturangebot, nachdem stets das reichere, bürgerlichere West End privilegiert wurde mit schönen Parks und reichlich Grünflächen.

Man kann diese Stadt mit ihrem globalen Magnetismus nur beglückwünschen, dass sie inmitten einer horrenden ökonomischen Krise dem olympischen Auftrag treu geblieben ist und statt den Kritikern klein beizugeben, auf Groß - vielleicht eine Spur zu groß - geschaltet hat, was Regierungschef David Cameron nur Recht ist, der in etlichen Spitzengesprächen während der Spiele internationale Investoren nach England locken möchte. Carpe diem, nutze den Tag, lautet die Devise unter der Mehrzahl der Menschen. Der Alltag wird sie eh einholen, nachdem sie einen tiefen Schluck aus dem Kelch kurzfristiger Beglückung genommen haben. Der Alltag und die Hoffnung auf bessere Zeiten. May the games begin.