Bonitätsrating

Warum Deutschlands Zinsen niedrig bleiben

Euro-Krise: Moody's droht Bund mit einem Entzug der Bestnote. Die Bundesregierung gibt sich betont gelassen - Philipp Rösler aber erntet Kritik

- Kein ökonomisches Urteil sorgt für ähnlichen Donnerhall wie das einer Ratingagentur. Zwar gehört es seit Ausbruch der Finanzkrise zum Standardrepertoire politischer Forderungen, dass der Einfluss von drei großen Bonitätswächtern schrumpfen soll. Doch angesichts der Euro-Krise hat ihr Wort derzeit mehr Gewicht denn je. Schließlich haben ihre Herabstufungen die Schwierigkeit der Krisenländer in den vergangenen zwei Jahren immer wieder befeuert. Doch wie kommt Moody's dazu, sich jetzt ausgerechnet Deutschland vorzuknöpfen, ein Land, dem Investoren zurzeit Geld zu Negativzinsen leihen? Die Berliner Morgenpost beantwortet die dringendsten Fragen.

Was stört Moody's an Deutschland?

Die Verfassung der deutschen Volkswirtschaft und der hiesigen Staatsfinanzen spielen für den Warnschuss der Ratingagentur keine Rolle. Im Gegenteil, die Stärke der Unternehmen und die Tradition einer stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik werden sogar als maßgebliche Gründe dafür genannt, dass die Topnote "Aaa" zunächst bestehen bleibt. Den negativen Ausblick begründet Moody's allein mit den Risiken der Euro-Krise.

So werde ein Euro-Austritt Griechenlands, der zu Schocks für das gesamte Währungsgebiet führen würde, immer wahrscheinlicher, argumentiert die Ratingagentur. Diese Schocks würden Deutschland auch deshalb relativ hart treffen, weil die hiesigen Banken stark in den meisten Krisenländern Europas engagiert sind. Darüber hinaus verweist Moody's auf die enorm gestiegenen Haftungsrisiken, die Deutschland im Rahmen der Euro-Rettung übernommen habe. Allerdings kritisieren die Bonitätswächter nicht die gemeinsame Haftung an sich - sondern vielmehr den "reaktiven und abwägenden" Ansatz des europäischen Krisenmanagements, der aus ihrer Sicht dazu geführt hat, dass immer größere Rettungsschirme nötig werden.

Wie wahrscheinlich ist jetzt eine Herabstufung Deutschlands?

Dazu macht Moody's keine konkreten Angaben. Allerdings nennt die Agentur eine Reihe von Faktoren, die Deutschland tatsächlich den "Aaa"-Status kosten könnten. So könnte die Staatsverschuldung etwa dann aus dem Ruder laufen, wenn Banken des Landes in großem Stil gestützt werden müssten. Auch den Austritt eines Euro-Landes aus der Währungsunion nennt Moody's als einen maßgeblichen Risikofaktor, da dies eine Kettenreaktion von Schocks auf den Finanzmärkten und Druck auf die Staatshaushalte auslösen könne. Umgekehrt wäre die Gefahr einer Herabstufung gebannt, wenn der Druck auf die europäischen Peripherieländer nachlassen sollte und sich die Wirtschaft in Europa insgesamt stabilisiert.

Muss Deutschland bei schlechterem Rating höhere Zinsen zahlen?

Die Theorie ist eindeutig: Je schlechter die Kreditwürdigkeit eines Landes ist, desto mehr Zinsen muss es zahlen, um sich Geld an den Kapitalmärkten zu besorgen. Anleger wollen schließlich einen finanziellen Ausgleich für das von der Ratingagentur festgestellte höhere Risiko haben. In der Praxis verhält sich die Sache allerdings anders. Gemeinhin geht kaum ein Volkswirt davon aus, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach einer Herabstufung auf "Aa1" mit sehr viel höheren Zinsen locken muss. Denn Deutschland wird auch nach einer Herabstufung seinen Ruf als sicherer Hafen innerhalb Europas behalten, in den Investoren gerne ihr Geld bringen. Die große Sehnsucht nach Sicherheit führte in den vergangenen Wochen wiederholt zu der Situation, dass Anleger bereit waren, dem Bund für die Emission neuer Schuldtitel Geld zu geben, statt Zinsen zu nehmen. Es mag grotesk klingen, doch ausgerechnet die gestiegene Nervosität wegen einer möglichen Herabstufung der Bonität Deutschlands könnte nun dazu führen, dass die Zinsen niedrig bleiben. Umgekehrt gilt: Wenn sich die Schuldenkrise entspannt, die Ratingagenturen möglicherweise einzelne Länder der Euro-Zone wieder besser beurteilen, wird die Flucht in deutsche Staatsanleihen wohl nachlassen, und Schäuble muss wieder mehr Zinsen für neue Schulden zahlen.

Was passierte anderswo nach einer Herabstufung?

Der Automatismus, dass eine schlechtere Note der Ratingagenturen mit höheren Zinsen einhergeht, wurde zuletzt von den Vereinigten Staaten außer Kraft gesetzt. Vergangenen August schlug die Ratingagentur S&P zu und nahm den USA nach 70 Jahren die Bestnote "AAA". Die Rekordschulden und die Unfähigkeit der Politik, wirksame Sanierungsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, wurden damals als Gründe genannt. Hat dies dem Land geschadet? Nein. In dieser Woche fiel der Zins für zehnjährige US-Staatsanleihen auf den niedrigsten Wert seit dem 19. Jahrhundert. Auch Japan ist sein "AAA" längst los. Über die Refinanzierung seiner Schulden muss sich dieses Land allerdings keine großen Sorgen machen. Die Zinsen für zehnjährige japanische Staatsanleihen liegen sogar um etwa einen halben Prozentpunkt unter denen der Bundesanleihe.

Warum kommt Finnland ungeschoren davon?

Finnland gönnt Moody's weiterhin einen stabilen Ausblick. Zu verdanken haben das die Nordeuropäer maßgeblich ihren eher kleinen und auf den Heimatmarkt fokussierten Banken. Von ihnen gingen nur geringe Risiken für den Staatshaushalt aus. Dazu kommen eine geringere wirtschaftliche Verflechtung mit dem Rest der Euro-Zone sowie eine solide Haushaltspolitik. Außerdem kommt den Finnen nun zugute, dass sie gegen den Widerstand der europäischen Partner eine Art Pfandrecht für ihre Krisenhilfen durchgesetzt haben. Spanien musste Finnland im Gegenzug für die Unterstützung Sicherheiten im Wert von bis zu 770 Millionen Euro abtreten. Diese Summe entspricht etwa 40 Prozent des finnischen Anteils am 100 Milliarden Euro großen Paket zur Rettung der spanischen Banken. Ähnlich war Finnland zuvor mit Griechenland verfahren.

Warum zeigen sich die Kapitalmärkte so unbeeindruckt?

Die einfache Antwort lautet: Weil die drohende Herabstufung niemanden überraschte. Ein oft gehörter Vorwurf an die Adresse der Ratingagenturen lautet, dass diese nur nachvollziehen, was ohnehin bereits sichtbar ist. Als besserer Indikator werden deshalb die Preise für Kreditausfallversicherungen gesehen, sogenannte Credit Default Swaps. Der Preis für die Absicherung gegen einen deutschen Zahlungsausfall ist in den vergangenen Wochen gestiegen. Anleger sahen bereits mit jedem weiteren Hilferuf eines Schuldenlandes aus dem Mittelmeerraum die möglichen Lasten für Deutschland steigen.

Was bedeutet eine Herabstufung für Privatanleger?

Privatanleger sollten sich bei ihren Entscheidungen nicht auf Ratingnoten verlassen. Dies hat die Finanzkrise immer wieder gezeigt. So hatte die US-Investmentbank Lehman Brothers noch bis kurz vor der Pleite im September 2008 die Note "AA", was als sorgenfreie Bewertung galt. Am Ende hatten Zehntausende Sparer wertlose Zertifikate im Depot. Auch bei Spanien, Italien und Griechenland hinkten die Herabstufungen hinter den Kursverlusten der Staatsanleihen her.