Berliner Spaziergang

Die Botschafterin eines gewissen Herrn Luther

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Margot Käßmann, Pastorin

Als Margot Käßmann erzählt, dass sie von ihrer Wohnung in Friedenau mit dem Fahrrad zur S- Bahn und dann mit dieser hinaus hier an den Schlachtensee in Zehlendorf gefahren sei, frage ich spontan, ob sie denn keinen Dienstwagen mehr habe? Immerhin sei sie nun doch Botschafterin der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für das Luther-Jubiläumsjahr 2017. Ihr "Nein" verbindet sie mit einem Lachen, das mehr befreiend denn verkniffen klingt. Ach ja, da war ja was an jenem kalten Februarabend vor zwei Jahren. Da überfuhr sie mit ihrem Dienstwagen eine rote Ampel, hatte mindestens zwei Gläser Rotwein zu viel getrunken und nur einen Tag danach ihre Abdankung vom höchsten evangelischen Kirchenamt als Ratsvorsitzende der EKD und als Bischöfin der Landeskirche Hannover verkündet.

"Der liebe Gott hat eine Menge Humor, dass ausgerechnet mir so etwas passiert. Aber es war einfach blöd von mir ..." War's wohl. Frau Käßmann hatte noch nie einen Punkt in Flensburg, höchstens ein Knöllchen wegen Falschparkens, und für die Kinder galt das Versprechen: Mutter zahlt jedes Taxi, bevor wir uns unter Alkoholeinfluss ans Steuer setzen. Dumm gelaufen, sagt man da wohl. Dabei soll es denn auch sein Bewenden haben mit ihrem, so Frau Käßmann, "dümmsten Fehler".

Ihrer Popularität hat all das keinen Abbruch getan. Wann und wo immer sie predigt, sind die Kirchen voll, ihre Vorträge bestens besucht, ihre Bücher verkaufen sich unverändert gut. Was macht diese Predigerin, einem Star im schwarzen Talar gleich, so interessant, so anziehend, so beliebt bei so vielen Menschen? Sonst mit Antworten schnell zur Stelle, denkt Frau Käßmann jetzt länger nach, während wir in der Mittagszeit unsere Wanderung auf dem Uferweg entlang des 2,4 Kilometer langen und bis zu neun Meter tiefen Sees starten. Als sie ihre Gedanken sortiert hat, sprudelt es nur so aus ihr heraus. "Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die mit Belastungen leben, ohne dass sie einen Ort haben, um darüber zu reden. Früher waren das die Pastoren, heute die Therapeuten. Aber nicht jeder traut sich zu dem einen oder dem anderen. Wenn ich da helfen kann - ob in einer Predigt, im persönlichen Gespräch oder mit meinen Büchern, dann ist das gut; und auch berührend."

Und ihre ganz persönliche Lebenserfahrung - welche Rolle spielt die? Margot Käßmann hat nicht nur eine in Deutschland bislang einmalige Kirchenkarriere hingelegt, sie hat auch noch vier Kinder groß gezogen, hatte Brustkrebs, ist geschieden. Ja, sagt sie, sie sei sicherlich eine Bischöfin mitten aus dem Leben, mit Sorgen und Problemen, wie sie so viele andere Menschen auch kennen. Das macht sie authentisch und erleichtert zweifellos die Identifikation mit dem, was sie predigt, schreibt oder im Fernsehen sagt, ist also Teil ihrer Anziehungskraft. Oder anders formuliert: Margot Käßmann ist ungebrochen populär, weil sie so vielen Menschen aus dem Herzen spricht.

Umstrittene Persönlichkeit

Sie bestätigt das sogleich noch einmal selbst. "In meinem Buch 'In der Mitte des Lebens' schreibe ich über einen sterbenden Freund, scheiternde Beziehungen und Krankheiten. Das sind zentrale Themen für ganz viele Menschen. Dabei fließt sicherlich auch Biografisches, aber nichts Privates ein. Und wenn mir Menschen dann sagen, Ihr Buch hat mir geholfen, dann bin ich mit mir im Reinen."

Denn es ist ja nicht so, dass die resolute Frau Pastorin, die sie auf Lebenszeit bleibt, in und außerhalb der Kirche unumstritten ist. Sie sei intellektuell unterbelichtet, sagen die einen, andere halten ihr Profilierungssucht vor. Scharfe Kritik löste ihre Aussage in der ZDF-Neujahrspredigt 2010 aus, in Afghanistan habe sich nichts zum Guten gewendet. Die eher zierliche Frau mit der Liza-Minelli-Frisur, dem festen, entschlossenen Blick und der natürlichen Ausstrahlung ohne jede weihevolle Pose ficht das nicht an. Im Gegenteil. Es weckt eher ihre kämpferischen, auch humorvollen Instinkte. Sie habe immerhin, sagt sie, promoviert. Und sicherlich sei auch ihre Doktorarbeit längst auf mögliche Plagiatsstellen hin untersucht worden. "Offenbar ohne Befund", fügt sie mit unüberhörbarer Genugtuung hinzu. Und natürlich gebe es auch innerhalb der Kirche Neider und Gegner. "Ist doch klar, dass sich mancher freut, wenn eine, die so erfolgreich ist, auf die Nase fällt. Auch in der Kirche geht es ganz menschlich zu. Aber es gibt eben zugleich auch den Anspruch, dass man vergeben kann ..." Ist ihr Letzteres widerfahren? Sie sagt, sie könne sich nicht beschweren.

Und das Urteil über Afghanistan - ein Rückfall in Politisierung und Polarisierung der Kirche wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren? Sie habe die Skandalisierung dieses Satzes nie verstanden. Eigentlicher Anlass waren Neujahrskarten mit der Botschaft "Alles wird gut". "Das fand ich blöd, weil nicht alles gut wird. Ein Christ kann auch unerschrocken dorthin schauen, wo nicht alles gut ist." In der Dresdner Frauenkirche habe sie deshalb daran erinnert, dass eben nicht alles gut sei, wenn Kinder in Armut aufwachsen, wir unseren Lebensstil wegen des Klimawandels nicht ändern und dass in Afghanistan auch nichts gut sei, "weil die Fantasie für den Frieden fehlt, weil alle nur mit ihren Waffen herumhantieren ..."

Und der Vorhalt, sie habe an ihrer kultartigen, gar messianischen Rolle eifrig mitgefeilt und dann allzu auffällig genossen? "Ich finde den Wirbel um mich eher belastend. Ich bin ja nicht anders als andere. Allerdings war ich in einer besonderen Funktion. Aber klar, ich habe mich auch gefreut, wenn die Kirche voll war. Vor zwei Wochen habe ich in Torgau gepredigt. 600 Menschen sind gekommen. Das ist doch großartig. Deshalb bin ich auch wieder in den kirchlichen Dienst gegangen. Ich will das ja nicht für mich. Ich will für meine Kirche, dass es gute, lebendige Gottesdienste gibt." Als sie noch Landesbischöfin in Hannover war, wurde während ihrer Predigt sogar geklatscht und gelacht. Eine in Berlins Gotteshäusern schwer vorstellbare Leichtigkeit.

Wir haben das Restaurant "Fischerhütte" erreicht und nehmen auf der Terrasse mit Blick auf den von dichtem Baumbestand umsäumten See Platz. "Das glaubt einem ja niemand aus einer anderen Großstadt, dass man hier in Berlin so im Grünen sein kann" schwärmt Margot Käßmann.

Radeln, wandern, schwimmen

Sie bewegt sich gern in der Natur, wandert, fährt Rad oder schwimmt, in Berlin jetzt auch im vom Sonnenlicht glänzenden See vor uns. Der Ort unseres Spaziergangs ist also gut gewählt. Wie die Wohnung in Friedenau nach dem Aus in Hannover. Für Berlin sprach unter anderem die Anonymität einer Millionenstadt. "Ich finde es wunderbar, dass sich hier niemand für mich interessiert." Koketterie oder falsche Erwartung? Natürlich zieht sie auch ohne Talar und Beffchen im schwarz-weißen Sommerkleid Blicke auf sich und wird später auch kurz von einem weiblichen Gast angesprochen. Margot Käßmann ist eine Persönlichkeit von öffentlicher Bekanntheit; ob sie es will oder nicht. Sie weiß damit zu leben. Kann aber auch stumm wie ein Fisch werden, wenn es um Privates geht. So, als dieser Tage von einer neuen Beziehung mit einem Schmuckdesigner gemunkelt wurde. Dazu werde sie sich nicht äußern, beschied sie.

Nachdem wir Pfifferlinge und Wasser bestellt haben, kommen wir zu dem ehrwürdigen Herrn, der der Grund für unsere Verabredung ist. Denn eigentlich will sie ihre Medienpräsenz zurückfahren. 2017 wird es 500 Jahre her sein, dass Martin Luther am 30. Oktober in Wittenberg seine Thesen gegen den Ablasshandel, also die Vergebung aller Sünden gegen Bares, an die Kirchentür nagelte. Der Auftakt zur Reformation und eher ungewollt zur Spaltung der Christen in evangelische und katholische Gläubige. Für die Vorbereitung dieses Jubiläums ist Margot Käßmann von der EKD-Spitze um ihren Nachfolger Präses Nikolaus Schneider zur Luther-Botschafterin berufen worden.

Die Kirche und die Bischöfin haben sich wieder gefunden. "Das ist neudeutsch eine Win-win-Situation. Ich finde es gut, dass ich wieder an die Kirche angebunden bin. Für die Kirchenleitung andererseits ist es sicherlich gut, wenn ich in ihrem Auftrag predige und Vorträge halte", sagt Margot Käßmann. Es gibt auch die Meinung, die EKD wolle - zugespitzt formuliert - Frau Käßmann, die Unberechenbare, aber schwer Ersetzbare, mit der Berufung im Zaum halten.

Wie dem auch sei, die EKD hätte schwerlich eine bessere PR-Botschafterin für das Jahrhundertjubiläum finden können. Was, Frau Käßmann, sagt uns Luther heute? "Das ist eine lange Geschichte. Ich will versuchen, es kurz zu machen. Luther hat streng an der Bibellektüre eine Position gefunden, von der er überzeugt war, sie gegenüber allen staatlichen und kirchlichen Autoritäten mit bestem Gewissen durchhalten zu können. Diese Freiheit des Gewissens des Einzelnen, für seine Überzeugung einzustehen, hat letztlich zur Demokratie geführt und zu den individuellen Menschenrechten. Und von Luther stammt die Idee der Volksschule, der Bildung für alle und damit der Bildungsgerechtigkeit, heute wieder ganz aktuell. Oder die Freiheit des Christenmenschen. Freiheit, die einerseits niemand untertan ist, andererseits jedermann untertan. Für Luther ist persönliche Freiheit also immer verbunden mit der Verpflichtung für das Gemeinwesen. Freiheit ist eben nicht nur ichbezogen. Das vergessen heute viele."

Bei aller Ehrung und Verehrung sollen Luthers Schattenseiten nicht übersehen werden. Seine Gegnerschaft zu den Bauernaufständen gegen die fürstlichen Herren oder sein Antijudaismus. Aber die Luther-Kritik wird nicht etwa im Zentrum der Jubiläumsfeiern stehen.

Die wichtigsten Fragen

Welche Botschaft soll denn vom 500. Luther-Jahr ausgehen? Darüber werde noch beraten, im November dazu die Synode der EKD tagen. Aber Frau Käßmann wäre nicht die, die sie ist, hätte sie nicht schon längst eine Idee. "Luthers Bekenntnis zum Leben, seine Aufforderung, die Angst hinter sich zu lassen, bei Gott einzukehren und in einem dritten Schritt in die Welt aufzubrechen - das müssten wir neu übersetzen in unsere Zeit. Es gibt doch heute so viele Menschen, die sich fragen: Hat mein Leben überhaupt noch einen Sinn? Wozu lebe ich? Es gibt ja nicht nur die Erfolgreichen im Lande. Wir müssen im Sinne Luthers deutlich machen: Das vermeintlich kleine Leben ist genau so viel wert. Niemand muss sich ständig für sein Leben rechtfertigen."

Da ist Margot Käßmann wieder ganz bei sich. Die Kümmerin um die Schwachen, Kranken und Benachteiligten. Die Trösterin und Mutmacherin in schwierigen Lebenslagen, die Seelsorgerin. Als ich sie frage, ob sie sich gar als Kummerkasten der Nation verstehe, lacht sie. Diesen Titel habe sie für sich noch nicht vernommen. Aber so ganz daneben sei er nicht. Sie selbst habe viel von ihrer Mutter gelernt. "Reiß dich zusammen, Margot" hieß es, wenn etwas nicht so lief, wie Klein-Margot wollte. Als Erziehungsziel heute gar nicht so schlecht, sagt sie. "Viele sagen doch so schnell, sie seien überfordert, das gehe nicht, man sei am Ende. Aber es geht immer weiter. Losgehen, überleben, neu anfangen - davon muss die Lebenseinstellung geprägt sein." Margot Käßmann, das Energiebündel, weiß, wovon sie spricht. Sie hat sich öfter als gewünscht im Leben zusammenreißen müssen. Mit Erfolg. Für ein solches Lebensvertrauen will sie Menschen Mut machen.

Die Pfifferlinge sind längst verspeist, wir sind auf dem Rückweg zum S-Bahnhof Schlachtensee, als ich einen Blick voraus wage und frage, wo denn die feierlichen Höhepunkte im Jubiläumsjahr 2017 geplant sind? "Einer in Berlin, da ist nämlich der Evangelische Kirchentag geplant, und direkt im Anschluss eine große Open-Air-Veranstaltung in Wittenberg."

Margot Käßmann macht den Eindruck, dass sie den Verlust des Bischofsamts ganz gut verwunden hat und die gewonnene Freiheit, öfter zu tun, was ihr Spaß macht, genießt. Dennoch erlaube ich mir beim Abschied die Frage, ob es noch Momente gibt, in denen sie ihren Rücktritt vom höchsten Amt bereut, das die Evangelische Kirche zu vergeben hat? "Ja - als der Papst im vergangenen Jahr Deutschland besucht hat. Da hätte ich ihm doch gern gezeigt, dass eine Kirche von einer Frau geleitet werden kann ..."