Interview

"Wer nach Berlin kommt, ist glücklich darüber"

Georg Classen, gelernter Diplompädagoge, bietet seit den 80er-Jahren Existenzsicherungsberatung für Flüchtlinge an.

- Seit 2001 arbeitet der 56-Jährige für den Flüchtlingsrat Berlin. Bei der Urteilsverkündung in Karlsruhe war Classen mit Vertretern anderer Organisationen vor Ort. Mit ihm sprach Jule Bleyer.

Berliner Morgenpost:

Herr Classen, wie sehr freut Sie das Urteil?

Georg Classen:

Das ist schon ein riesiger Erfolg. Das Gericht hat klargemacht, dass das Grundrecht für Deutsche und für Ausländer gleichermaßen gilt. In diesem Punkt gibt es nicht mehr zweierlei Menschenrechte. Die Bundesregierung hatte die Leistungen 1993 mit 440 D-Mark willkürlich sowie viel zu niedrig angesetzt und seitdem nicht angepasst - dieser Missstand wird endlich behoben.

Wie ist derzeit die Lebenssituation der Asylbewerber in Berlin?

In Berlin ist sie noch relativ gut, weil die Betroffenen nur zu Beginn Sachgutscheine und Essenspakete bekommen - nach drei Monaten erhalten sie Bargeld, das sie sich selbst einteilen können. In anderen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg ist das anders. Auch werden die Asylbewerber in Berlin nicht wie in manchen Flächenstaaten sozial isoliert und mitten auf dem Land in einsamen Kasernen untergebracht. Wer nach Berlin kommt, ist glücklich darüber. Allerdings ist die medizinische Versorgung hier oft ein Problem, auch, weil Amtsärzte die Fälle oft monatelang prüfen. Zudem wird es für die Betroffenen immer schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden - die Zahl der Sammelunterkünfte steigt stetig. Mittlerweile sind es 15.

Wie ist die Situation in den Unterkünften?

Sehr unterschiedlich. In einer der zwei Aufnahmeeinrichtungen beispielsweise herrschen katastrophale Zustände, die sanitären Anlagen sind renovierungsbedürftig, die Menschen wohnen teilweise zu acht in einem Zimmer, es gibt keine Gemeinschaftsräume.

Die Erhöhung der Leistung ist ein erster Schritt - was müsste sich in der Asylpolitik noch ändern?

Das Wichtigste ist ein Recht auf Arbeit. Die Flüchtlinge sind zwar dankbar für die Fürsorge, aber sie wollen sich selbst versorgen - nur dürfen sie das nicht. Zwar dürfen sie zur Schule gehen, aber danach keine Berufsausbildung beginnen. Das macht die Betroffenen auf Dauer regelrecht krank.