Single-Haushalte

Allein, aber nicht einsam

- Yvonne M. ist Managerin bei einem Großkonzern. Ihr Jahreseinkommen ist sechsstellig. Sie ist für 20 Mitarbeiter verantwortlich, vier Juniormanager hören auf ihr Wort. Aber wenn die 35-jährige Berlinerin abends in einer Bar einen gut aussehenden Mann kennenlernt, dann packt sie die Panik. "Sobald ich sage, was ich beruflich mache, verliert der Typ das Interesse", sagt Yvonne M. "Männer wollen bewundert werden - eine Frau, die im Job erfolgreicher ist als sie selbst, da kommt nicht jeder mit klar."

Dabei ist es nicht nur so, dass es Yvonne M. als Frau in einer Führungsposition schwerer hat, einen Partner zu finden - statistisch gesehen standen die Chancen, dass sie eine Führungsposition bekommt, sehr gut. Und zwar, weil sie alleine lebt. Das belegen die Ergebnisse des Mikrozensus 2011 über "Alleinlebende in Deutschland", die das Statistische Bundesamt gestern in Berlin vorstellt hat.

60 Prozent echte "Junggesellen"

Die Studie zeigt, dass sich die Lebenssituationen von alleinlebenden Männern und Frauen teilweise extrem unterschiedlich entwickeln. Während der Single-Haushalt für den einen karriereförderlich ist, schadet dieser dem anderen: Von allen Frauen im mittleren Alter (also ab 35 Jahren), die in einem Einpersonenhaushalt lebten, hatten 2011 gut 17 Prozent eine Führungsposition. Bei den Frauen, die mit Anhang leben, waren es nur 13 Prozent. Umgekehrt verhält es sich bei den Männern. Von denjenigen, die mit anderen einen Haushalt teilen, waren 26 Prozent in einer Chefposition - bei den Männer, die ihre Wohnung für sich haben, lag der Anteil dagegen bei 21 Prozent. Auch in anderer Hinsicht erscheint das Alleinleben für Männer wenig karriereförderlich: Von den 35- bis 64-Jährigen waren 74 Prozent erwerbstätig. Bei Gleichaltrigen, die nicht allein lebten, waren es 85 Prozent.

Spannend sind diese Erkenntnisse vor allem, weil die Anzahl der Einpersonenhaushalte insgesamt drastisch gestiegen ist. 15,9 Millionen Menschen in Deutschland leben allein, oder anders ausgedrückt: jeder Fünfte. Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil von 14 Prozent im Jahr 1991 auf fast 20 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. Hannover ist mit einem Anteil von 33 Prozent die Großstadt mit den meisten Alleinlebenden, Berlin, oft als Single-Hauptstadt gehandelt, kommt hier zwar nur auf Platz zwei, führt aber mit 31 Prozent die Liste der Bundesländer an. Hier lebt demnach fast jeder Dritte alleine. Dazu gehören neben Singles auch Paare, die in getrennten Wohnungen leben.

Eine sehr auffällige Entwicklung machen hierbei die Männer durch. Bei ihnen erhöhte sich die Quote der Alleinlebenden in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 80 Prozent. Führten 1991 noch elf Prozent von ihnen einen Ein-Personen-Haushalt, so waren es 2011 bereits 19 Prozent. Insgesamt leben 7,4 Millionen Männer in Deutschland allein. Dabei sind 60 Prozent der Alleinlebenden mittleren Alters (35 bis 64) echte "Junggesellen", wie es der Präsident des Amtes, Roderich Egeler, ausdrückt. Sprich: Männer, die nicht verheiratet sind oder waren. Die Quote der alleinlebenden Frauen indes ist in den vergangenen 20 Jahren nur um 16 Prozent gestiegen. Ihre Zahl liegt mit 8,5 Millionen zwar höher, aber das liegt vor allem an der höheren Lebenserwartung. Anders sieht es bei den Jüngeren aus: In dieser Altersgruppe sind die Alleinlebenden häufiger männlich. Erst ab einem Alter von 58 Jahren verkehrt sich das Verhältnis.

Die Macher der Studie haben auch den Lebensstandard untersucht. Und fanden heraus: Alleine leben bringt große finanzielle Probleme mit sich. Alleinlebende beziehen überdurchschnittlich häufig Hartz IV. Ihr Risiko, in eine finanziell prekäre Lage abzurutschen, ist fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Nur eine Gruppe ist noch stärker von Armut bedroht und betroffen - die Alleinerziehenden.

Die Gründe für das Alleinleben wurden von den Statistikern nicht abgefragt. Es dürfte aber auch eine Folge der wachsenden Individualisierung der Gesellschaft sein. Bei den Männern scheint sich dabei zeitverzögert eine ähnliche Entwicklung abzuzeichnen wie zuvor bei den Frauen: Je weniger verbindlich die traditionellen Familienbilder für sie werden, umso größer ist auch die Zahl jener, die andere Lebensformen erproben. Bei Frauen wächst hingegen offenbar wieder die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit: Mit Abstand am häufigsten teilten sich junge Frauen im Jahr 2011 ihren Haushalt mit ihrem Ehe- oder Lebenspartner (43 Prozent). Junge Männer wohnten hingegen am häufigsten noch im "Hotel Mama" (39 Prozent).

Am höchsten ist die Zahl der Einpersonenhaushalte dort, wo Infrastruktur und Angebot das Alleinleben besonders leicht machen: in den Großstädten. Allein heißt hier nämlich nicht unbedingt gleich einsam. Das schicke Junggesellenapartment ist in den Metropolen genauso im Trend wie die unkonventionelle Wohngemeinschaft und das Einfamilienhaus am Stadtrand. Hinzu kommt: "Großstädter sind aktiver im Kommunikationsverhalten", sagt Wiebke Neberich, Psychologin bei der Berliner Flirtplattform e-Darling. "Sie sind offener für neue Erfahrungen - nicht nur bei der Partnersuche."

Wer nicht allein leben möchte, der sollte Berlin hingegen meiden und aufs Land ziehen. Je kleiner die Stadt oder Gemeinde, so fanden die Forscher heraus, umso geringer die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. In Orten mit weniger als 5000 Einwohnern leben nur 14 Prozent allein. Allerdings sollte man anscheinend lieber in eine westdeutsche Gemeinde ziehen: Lebten in Westdeutschland im Jahr 2011 nur 19 Prozent der Menschen allein, so waren es in Ostdeutschland 23 Prozent. Betrachtet man die Entwicklung über den Zeitraum von 20 Jahren, so gibt es im Osten eine viel stärkere Tendenz zum Alleinleben. Hier hat der Anteil jener, die einen Ein-Personen-Haushalt führten, seit der Wiedervereinigung um 57 Prozent zugenommen, im Westen hingegen nur um 35 Prozent. Den stärksten Anstieg bei der Quote der Alleinlebenden gab es in Mecklenburg-Vorpommern (11,8 Prozent), den geringsten in Baden-Württemberg (2,0). In Berlin ist die Anzahl der Alleinlebenden seit 1991 um 8,7 Prozent gestiegen.

Pärchenkult in der Popkultur

Europaweit befindet sich Deutschland mit seinem Anteil von 19 Prozent an Alleinlebenden übrigens auf Platz zwei. Nur in Schweden bevorzugen noch mehr Menschen das Leben im Single-Haushalt. Auffällig ist, dass bei der Frage nach der Lebensform ein deutliches Nord-Süd-Gefälle erkennbar ist. Während in Ländern wie Schweden, Finnland und Dänemark ein hoher Prozentsatz den Rückzug in die eigene Wohnung bevorzugt, ist diese Art des Lebens in Ländern wie Portugal, Zypern und Malta kaum ausgeprägt. Europaweit liegt der Anteil der Alleinlebenden bei durchschnittlich 13 Prozent.

Auch in der Zukunft wird unsere Gesellschaft den Statistikern zufolge immer weiter "versinglen", zumindest, was die äußere Lebensform betrifft. Nach den Trendberechnungen des Statistischen Bundesamts werden im Jahr 2030 rund 23 Prozent der Bevölkerung in einem Einpersonenhaushalt leben.

Die Frage ist, wie die Gesellschaft damit umgehen wird. Unterbrochen von einer kurzen Hochphase, als Carrie Bradshaw, der Kolumnen schreibende Single-Star der Serie "Sex And The City", auf langen Beinen über deutsche Fernsehschirme stakste, wird der Alleinlebende eher als jemand gesehen, der auf der Suche ist. Singles werden diskriminiert, findet Michael Cobb, Professor an der Universität Toronto. Gerade hat der Wissenschaftler ein Plädoyer für eine neue Betrachtung von Alleinlebenden veröffentlicht. Darin behauptet er, dass die Popkultur einen übertriebenen Pärchenkult betreibe. In Serien und Kinofilmen würden Singles als unglücklich und bemitleidenswert dargestellt. Das führe nur dazu, dass sich Alleinlebende als Gescheiterte wahrnehmen. In gewissen Positionen, so argumentiert Cobb, könnten Männer nur als Familienväter eine Karriere machen. Ein amerikanischer Präsident ohne First Lady und Kinder? Undenkbar.

Da machen ebenfalls aktuelle Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden nicht gerade Mut. Sie belegen, dass die Anzahl der Scheidungen steigt - wenn auch nur leicht. 187.600 Ehen wurden 2011 geschieden, 0,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit gingen elf von tausend Ehen in die Brüche, vor zwei Jahrzehnten waren es sieben von tausend. Dafür halten Ehen heute im Schnitt 14 Jahre und sechs Monate, vor 20 Jahren waren es nur elf Jahre. Zumindest ein kleiner Lichtblick.