Interview

"Wir wollen eine Selbstvertretung von Künstlern sein"

Meik Michalke, selbst Musiker, ist dabei, eine eigene Verwertungsgesellschaft zu gründen.

- Im Fokus der "C3S - Cultural Commons Collecting Society" steht die Creative-Commons-Musik, bei der Urheber der Öffentlichkeit selbst Nutzungsrechte an ihren Werken einräumen können. Auf die Idee kam Michalke über OpenMusicContest.org e. V., einem gemeinnützigen Verein zur Förderung freier Kunst, dem er vorsitzt. Hauptberuflich arbeitet der 38-Jährige als Diplompsychologe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mit ihm sprach Jule Bleyer.

Berliner Morgenpost:

Herr Michalke, was haben Sie gegen die Gema?

Meik Michalke:

Ich habe nicht direkt etwas gegen die Gema, ihr fehlen aber ein paar Funktionen. Verschiedene Seiten haben jahrelang versucht, die Gema dazu zu bringen, diese einzuführen. Doch sie hat sich immer geweigert.

Was sind das für Funktionen?

Im Wesentlichen die Unterstützung von Creative-Commons-Lizenzen. Bei der Gema können Künstler nur ihr Gesamtrepertoire lizenzieren lassen, die Verträge sind also personen-, nicht werksgebunden. Viele Künstler wollen der Gema deshalb nicht beitreten - diesen wollen wir ein einheitliches Lizenzierungsmodell anbieten.

Aber Sie haben auch Kritik an der Gema.

Wir halten die Gema für undemokratisch. Nur fünf Prozent der Künstler haben ein Mitspracherecht, und zwar die Urheber, die von der Gema am meisten profitieren. Deshalb wollen wir eine Verwertungsgesellschaft sein, die sich als Graswurzelbewegung versteht: eine Selbstvertretung von Künstlern, die selbst entscheiden, wie ihre Urheberrechte vertreten werden.

Was wollen Sie sonst noch besser machen?

Wir wollen zum Beispiel mehr Transparenz schaffen. Bei der Gema ist beispielsweise der Schlüssel, nach dem die Lizenzgebühren ausgeschüttet werden, vollkommen intransparent. Viele Gema-Mitglieder verstehen diesen selbst nicht. Wir wollen technische Möglichkeiten für ein effizienteres Abrechnungssystem nutzen: So sollen DJs ihre kompletten Set-Listen mit technisch einfachen Mitteln komplett einreichen können, damit wir eindeutig ermitteln können, welcher Künstler wie oft gespielt worden ist - und die Gebühren entsprechend weiterreichen. Das wäre sehr viel fairer als das System der Gema, die mit Pauschalen arbeitet - von denen die ohnehin viel gespielten Künstler profitieren.

Die Gema plant ein neues Tarifsystem, gegen das die Clubbetreiber derzeit Sturm laufen. Können Sie deren Sorge verstehen?

Ich habe nichts mit der Gema zu tun, deshalb will ich dazu gar nicht viel sagen. Ich sehe das Problem aber weniger in den konkreten Summen, die jetzt fällig werden. Viel schlimmer finde ich, dass man die Änderungen nicht im Vorfeld in beiderseitigem Einverständnis geklärt hat.

Wir weit sind Sie und Ihre Mitstreiter mit der Gründung?

Die Anzahl der Interessenten, die uns über soziale Netzwerke kontaktieren, liegt im vierstelligen Bereich. Das ist mehr, als wir beim Start im Mai erwartet haben. Im Laufe der kommenden Monate wollen wir beginnen, wirkliche Absichtserklärungen einzuholen und die Anträge dann Ende des Jahres beim Patentamt einreichen. Das Gründungsverfahren dauert dann aber sicher noch eineinhalb bis zwei Jahre.

Überlegen Sie schon, wie Sie zum Beispiel mit YouTube über die Nutzungsrechte verhandeln wollen?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Noch sind wir ja ein paar Leute, die das Ganze in ihrer Freizeit auf die Beine stellen wollen. Über konkrete Tarife und Lizenzsysteme sollen dann ja auch die Künstler entscheiden. Das wird ein fließender Prozess, in den wir dann auch Verbraucherschützer einbinden werden.

Aber die Gema sollte sich schon mal warm anziehen?

Wir sind kein Anti-Gema-Projekt, wir wollen sie nicht ersetzen. Aber wir sehen einen Bedarf bei vielen Künstlern, den wir decken möchten. Damit greifen wir nicht den Gema-Kuchen an - obwohl es natürlich spannend ist, was passiert. Und für welche Art der Verwertung sich die Künstler letztendlich entscheiden.