Geld

Der Preis der Musik

Urheberrecht: Im Tarifstreit zwischen Gema und Clubs rücken die Künstler in den Hintergrund. Warum ist eine gerechte Lösung so schwer?

- Wer alle gleich behandeln will, ist auch nach Feierabend noch im Dienst. Wenn die Mitarbeiterin der Gema abends in eine Kneipe geht, dann bleibt sie oft vor dem Ständer mit Flyern stehen, die Konzerte ankündigen. Sie greift sich dann einige, um die Namen der Veranstalter in den Computer einzugeben. Vielleicht ist ja ein "schwarzes Schaf" dabei, wie sie sagt, einer dieser Organisatoren, die nicht angemeldet haben. Eine Bar vielleicht, die eine Band engagiert hat, die Schlagersongs nachspielen. Man vertrete eben nicht nur Rechte der Urheber, sondern sei gesetzlich auch zur Kontrolle verpflichtet.

Es ist noch nicht lange her, da kannten nur Künstler und Veranstalter die Gema. Gründlichkeit und Hartnäckigkeit, das müssen die Prinzipien der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte sein, wie sie mit vollem Namen heißt. Bundesweit 1,5 Millionen Veranstaltungen rechnet sie jährlich ab. Nun kennt sie jeder Internetbesucher, der vergeblich versucht, sich online Musikvideos anzuschauen - und spätestens seit einigen Wochen auch jeder Berliner Clubbesucher. Denn sollten die neuen Tarife der Gema ab 2013 gelten, haben das berühmte Berghain und viele weitere Clubs angedroht, zu schließen. Die Gema ist in diesen Tagen wohl auch deshalb dickköpfig, weil sie an vielen Fronten kämpft. Etwa mit dem Videoportal Youtube, das gigantische Gewinne einfährt, aber kaum Zugeständnisse an die Urheber machen will. Was also ist der angemessene Preis für Musik?

Berlin Schöneberg, Gema-Bezirksdirektion. An der Wand hängt ein züchtiges Nacktposter des Liedermachers Rainald Grebe. Die Dame, die darunter sitzt, ist für "ernsthafte Musik" zuständig, kurz "E-Musik". Gerade tippt sie das Programm einer Musikschule in die Datenbank. Sie scannt das Heft und klebt einen Strichcode auf den Zettel. Derzeit vergisst man schnell, wer noch an Urheber zahlen muss: Alle Theater und die Philharmoniker, weil Dirigent Simon Rattle gern zeitgenössische Klassik aufführt. E-Musik wird höher vergütet als U-Musik, das steht für Unterhaltung. "Es dauert eben länger, eine Symphonie zu komponieren als einen Popsong", sagt die Mitarbeiterin. Die Werke Beethovens und Wagners sind frei, das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod der Komponisten.

Eine lange Zeitspanne also, um die sich die Gema kümmern muss. Die Mitarbeiter lesen Veranstaltungstipps in der Presse und im Internet. Einfacher sind die Bedingungen nicht geworden. Drei von zehn Bezirksdirektionen wurden geschlossen. Die Erträge aus dem Tonträgergeschäft sinken, die Erlöse aus dem Internet sind "erschreckend niedrig", wie der Vorsitzende Harald Heker sagte. Die Bezirksdirektionen, wo jene engagierten Mitarbeiter arbeiten, die auch Flyer aus Kneipen mitnehmen, erwirtschaften rund 300 Millionen Euro. Ein Drittel des Jahresergebnisses. Das Geld, abzüglich der Betriebskosten, wird an die Urheber ausgeschüttet.

Das klingt nach Druck. Doch die Erhöhung der Tarife will man bei der Gema nicht als überhastete Maßnahme verstanden wissen. Die Reaktion der Clubs ist dennoch heftig. Das Berghain, der bekannteste Club in Berlin, hatte indirekt angedeutet, im Falle der Einführung im Januar 2013 schließen zu wollen - weil die Betreiber nach eigenen Angaben das 14-fache an Gema-Gebühren zahlen müssten. Offiziell äußern sie sich nicht. Solche Drohkulissen gehören zu Tarifverhandlungen dazu, aber in der Szene werden sie ernst genommen. "Ich kann mir schon vorstellen", sagt Johannes Fabian vom Kater Holzig, "dass sie keine Lust haben, unter einem solchen Kostendruck noch weiter zu arbeiten." Er selbst sehe für den "Kater" auch keine Perspektive, sollte die Erhöhung eingeführt werden. Wie im Berghain dauern auch im "Kater" die Partys manchmal länger als 24 Stunden. "Wir können nicht zehn Euro für ein Bier verlangen, nur um die Gema-Gebühren zu bezahlen."

Gebühren und 36-Stunden-Partys

Auch bei der Gema zeigt man sich betrübt über die gescheiterten Verhandlung unter zwei faktischen Monopolisten: ihnen selbst und dem Gaststättenverband Dehoga, dem gewichtigsten Bündnis der Veranstalter, der so etwas wie der natürliche erste Verhandlungspartner ist. Dennoch sind Hotels, Großraumdiskos und Clubs wie das Berghain, die keine Musik aus den Charts spielen, keine natürliche Allianz, sie haben wenig gemein. Aber den großen Verband dürfte es freuen, dass so bekannte Clubs mit Schließung drohen.

Der Berliner DJ und Produzent Mijk van Dijk ist jemand, der beides kennt, die Clubs und die Gema. Beide zahlen seinen Lebensunterhalt - und im aktuellen Streit kann er beide verstehen. "Das Problem ist wohl", sagt er, "dass bei der Gema im engeren Kreis der Entscheider fast niemand sitzt, der sich mit Clubkultur von heute auskennt." Die Mitglieder in den Gremien seien häufig über 60 Jahre alt. "Man kann ihnen schon vorwerfen, dass sie sich nicht genug um den Teilbereich Clubs informiert haben." Sonst wäre es nie zu dieser Erhöhung gekommen, sagt er.

Martin Schweda von der Gema aber ist noch weit von der 60 entfernt. Wer in das Büro des Berliner Bezirksdirektors geht, läuft an einem Kontrabass vorbei. "Leider spiele ich selber kein Instrument", sagt er. "Der ist nur Dekoration." 2008 wurde Schweda von einem anderen großen Unternehmen abgeworben, seitdem arbeitet er für die Gema. Jetzt, wo die Gesellschaft nicht mehr nur Veranstaltern und Künstlern bekannt ist, gibt es der Öffentlichkeit viel zu erklären. Die Gema hat aber kein großes Budget für Marketing, sie kann keine TV-Spots senden wie die Gebühreinzugszentrale GEZ. Schweda ist entschlossen, zu erklären.

"Es geht nicht darum, dass schrumpfende Geschäft mit Tonträgern durch höhere Tarife zu kompensieren", sagt er. Vielmehr hätten viele Veranstalter selbst eine neue Struktur gefordert: Nämlich, dass kleine Veranstaltungen weniger bezahlen müssen und größere mehr. Zehn Prozent der Eintrittsgelder für den Urheber, darum gehe es im Kern, das sei in anderen Ländern längst normal. "Einige haben bisher zu viel bezahlt und andere zu wenig." Ja, es stimme: Auf einige Clubs komme eine deutliche Steigerung zu. Der neue Tarif ist stärker nach Clubgröße und Eintrittspreisen gestaffelt - damit steigen die Gebühren mit der Größe der Diskothek deutlich.

Schweda nimmt einen Taschenrechner und tippt los. Laut einer Studie der Club-Commission machen Eintrittsgelder rund 20 Prozent der Gesamteinnahmen der Clubs aus. "Sollte das Berghain", Schweda tippt in den Taschenrechner, "künftig 100.000 Euro jährlich an die Gema zahlen müssen, wie zu hören war, und berechnen wir dabei einen hundertprozentigen Zeitzuschlag weil die Musik länger als fünf Stunden dauert", er tippt weiter, "dann setzt der Club nach unseren Berechnung 2,5 Millionen Euro im Jahr um." Er schaut auf und sagt: 100.000 Euro von 2,5 Millionen Euro Umsatz. Dafür, dass Musik die Grundlage für einen Club sei. "Ihren Getränkelieferanten oder den Türsteher bezahlen sie ja auch."

Doch viele DJs, die in Berlin auflegen, sind nicht in der Gema - und wenn, bekommen sie häufig nur einen kleinen Prozentsatz ausgeschüttet. Denn das Geld, was die Clubs der Gema bezahlen, geht in einen Topf, aus dem auch Schlagersänger und Popmusiker bezahlt werden. Doch eine titelgenaue Abrechnung, die angedacht ist, hält DJ Mijk van Dijk für wenig praktikabel. "Ich loope, ich schreddere, ich dreh an der Geschwindigkeit", sagt er, "da wäre jeder Computer überfordert, einen Song herauszuhören."

Auch Schweda räumt ein, dass sich die Gema gerade im Bereich der elektronischen Tanzmusik schwer tue. "Etwa 4000 neue Lieder gibt es jeden Monat", sagt er. "Die Künstler müssen die anmelden, damit sie profitieren." Zudem reichen nur wenige DJs die gespielten Musikstücke ein. "Ich verstehe ja, dass das schwierig ist, aber wir brauchen solche Nachweise eben", sagt er. Und natürlich erkenne die Gema einen anspruchsvollen Mix auch als Live-Aufführung an, für die ein anderer Tarif gelte. "Wir müssen aber darüber informiert werden." Die Gema habe kein Interesse daran, Clubs zu schaden. "Wir wollen keinen Baum fällen, nur um drei Apfel zu pflücken", sagt Schweda. Er verweist auf eine "Härtefall"-Regelung, die in der aktuellen Diskussion überhaupt nicht erwähnt werde. Sollten die reinen Gema-Gebühren am Ende höher liegen als zehn Prozent der Ticket-Einnahmen, dann könne der Club auch Geld zurückerstattet bekommen. "Dafür müssen uns aber die Einnahmen nachgewiesen werden."

Comeback der illegalen Clubs

Auch darum geht es in dem Tarifstreit: gegenseitige Vorwurfe der Intransparenz. Viele Clubbetreiber sagen, die Gema verteile nach undurchsichtigen Kriterien ihre Einnahmen und berücksichtige vor allem die ohnehin schon reichen Interpreten wie Dieter Bohlen. Die Gema dagegen will den Clubs nur entgegen kommen, wenn sie sicher ist, dass sie nicht genug an der Musik ihrer Mitglieder verdienen, um die Tarife zu zahlen. Das größte Problem ist aber wohl, dass die Tarife nicht zu Ende verhandelt wurden. Die neue Struktur sei eben für bundesweit rund 1,5 Millionen Veranstaltungen gedacht. Dabei, so die Gema, hätte man sicher eine speziellere Lösung gefunden für die Situation der Clubs. Doch unabhängig von der Entscheidung der Schiedsstelle, die im August entscheiden wird, ob die neuen Tarife zum kommenden Jahr in Kraft treten: Die Gema sei weiter verhandlungsbereit.

Auch Lutz Leichsenring von der Club-Commission sagt: "Die Stimmung ist nicht vergiftet." Sie seien weiterhin in engem Kontakt mit der Gema. Aber: "In der Vergangenheit haben die Clubs ohne Murren ihre Gema-Gebühren bezahlt, nur jetzt wollen die Betreiber genau wissen, was mit dem Geld passiert." Er betont, dass er nicht die 65.000 Mitglieder um ihr Urheberrecht bringen wolle. "Wir wissen, dass Urheberrechte wichtig sind", sagt Leichsenring, "aber die spielen für unsere Urheber eine untergeordnete Rolle."

Der Betreiber des "Cookies", Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden, äußert sich weniger diplomatisch. Heinz Gindullis klingt, als hätte er fast aufgegeben. Statt 6000 müsse er 105.000 Euro zahlen. Dann würde er sich auf sein Restaurant konzentrieren. Er glaube, dass es ab 2013 eine andere Clubkultur in Berlin geben werde. "Vielleicht kommen wieder illegale Clubs, wie Anfang der 90er-Jahre."