Gauck

"Ja, weiß ich's denn?"

Opposition lobt Gaucks Appell, die Kanzlerin möge die Euro-Rettung besser erklären. Merkel kommentiert Aussage nicht

- Nein, Angela Merkel wollte sich nicht äußern zu dem jüngsten Interview des Bundespräsidenten. Wenig spricht auch dafür, dass sie während ihrer am Montag begonnenen Indonesien-Reise auf einer Hotelterrasse erklären wird, das eine oder andere Wort des Präsidenten werde diesen noch in "erhebliche Schwierigkeiten" bringen. So hatte sich Gauck vor gut einem Monat in Israel mit Blick auf Merkel und deren Wort von der "Staatsräson" geäußert.

Nein, Angela Merkel ließ ihren Sprecher recht karg verkünden: "Die Worte des Bundespräsidenten stehen für sich. Die Bundesregierung kommentiert sie nicht." Dies sei, fügte Steffen Seibert hinzu, "guter Usus" unter den Verfassungsorganen. So ist es. Die SPD, im Bund in der Opposition, gibt sich da naturgemäß offener. So begrüßte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck Gaucks Appell an die Kanzlerin, sie möge die Europapolitik besser erklären und "sehr detailliert ... beschreiben, was das bedeutet". "Die Äußerungen des Bundespräsidenten waren fair und differenziert", sagte Beck der Morgenpost, um sogleich des Präsidenten Einlassung auf mehrere Adressaten zu erweitern: "Die Mahnung, die europäische Politik den Bürgern zu erklären, gilt für uns alle", sagte Beck. Dann fügte er noch hinzu, Gauck habe "mit seinen Äußerungen gezeigt, dass er die Rolle des Bundespräsidenten in wohltuender und eigenständiger Weise lebt".

Manches Thema erklären lassen

Das satte Grün des Rasens im Park des Schlosses Bellevue und ein Ölgemälde Friedrich Eberts im Rücken - vielleicht war es diese präsidiale Umgebung, die Gauck am Sonntagabend im ZDF schildern ließ, wie er sein Amt versteht. Eigenständig und eigenwillig nämlich, doch ohne sich als besserer Bundeskanzler aufzuspielen. Der Bundespräsident ließ vielmehr durchscheinen, für wie begrenzt er seine eigenen Befugnisse hält - und welchen Respekt er vor Bundeskanzlerin Angela Merkel hat.

Doch der Reihe nach: Anders als mancher Vorgänger spricht Gauck stets offen über das, was er noch lernen muss, gewissermaßen also über Unzulänglichkeiten. Manches Thema und manche Urkunde, die er zu unterschreiben habe, müsse er sich erklären lassen, berichtete der erste Mann im Staate frank und frei. Wie viel Gauck denn übrig bleibe neben dem Bundespräsidenten Gauck, werde er immer gefragt. Das klingt so, als frage sich der Präsident das nach 112 Tagen im Schloss Bellevue selbst. Seine Antwort kleidete Gauck in eine Frage: "Ja, weiß ich's denn?"

In präsidiale Langeweile oder in staatsmännisches Floskeldeutsch aber driftet dieser Präsident nicht ab. Gauck, der Freiheitskämpfer, riskiert manch offenes Wort und eine zuweilen flotte Zunge. In diese Rubrik ordnet er seine eigene indirekte Aussage ein, wonach das Bundesverfassungsgericht die Klagen gegen den Rettungsschirm schon abweisen werde. Statt jener "Spontanreaktion auf eine spontane Frage", sagte Gauck souverän, "hätte Zurückhaltung mir gut gestanden". Es gab schon Bundespräsidenten, die wesentlich dusseligere Dinge von sich gegeben haben - und eine solche Einsicht, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat, nie gezeigt haben. Gaucks Konsequenz: Kein Wort zu seinen Erwartungen an den Karlsruher Richterspruch. Er werde "nicht zum zweiten Mal mich in ein Fettnäpfchen begeben". Auch in seinem Alter - Joachim Gauck ist 72 Jahre alt - sei man noch lernfähig.

Vertrauen zur Bundesregierung

Differenziert äußerte sich der Bundespräsident über den Stand der Euro(pa)-Politik und über den Brüsseler Gipfel vor gut einer Woche. Er jedenfalls habe Vertrauen zur Bundesregierung, und es seien eben "nicht alle Felle davongeschwommen". Rote Linien seien ebenso wenig überschritten worden. Ja, deutsche Interessen - dieses Wort verwendet Gauck unbefangen - seien gewahrt worden. Das ist eine Rote Karte für all jene, die täglich den Untergang Deutschlands oder Europas oder beiderlei erwarten beziehungsweise herbeipredigen.

Der Appell an die Kanzlerin, die Mühsal auf sich zu nehmen, um die komplizierten Beschlüsse zu erklären, ist ebenfalls ein typischer Gauck. Doch Gauck verlangt dies nicht, um Merkel zu ärgern oder bloßzustellen. Nein, es ist seine Überzeugung, dass das Volk diesen Erklärungsbedarf sieht - und die Regierung hier gefragt ist.

Doch vor allem stellte Gauck klar, dass er eine ganz andere Aufgabe hat als die Regierung oder die Kanzlerin. "Sehr unterschiedlich" seien die Aufgaben, sagt der Mann aus dem Schloss Bellevue. "Unterschiedliche Rollen" besäßen Regierungschefin und Staatsoberhaupt. "Andere Aufgaben" als er habe Angela Merkel. "Ich könnte nicht, was sie kann und was sie gerade leistet", sagte Gauck. So wenig Gaucks Appell, politische Entscheidungen besser zu erklären, ein Rüffel ist - so wenig ist dieser Gaucksche Satz eine Lobhudelei oder eine Liebeserklärung an die Kanzlerin. Beide Sätze sind die Worte eines Mannes, der Überzeugungen besitzt und diese eben nicht verdrechselt, verfloskelt und vernebelt.