Interview

Ist die Bundeswehr mittlerweile eine Unterschichtenarmee?

Michael Wolffsohn, geboren in Tel Aviv, lehrte als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

- Einer der Forschungsschwerpunkte des 65 Jahre alten Historikers und Autors ist das deutsch-israelische Verhältnis. Jule Bleyer sprach mit ihm über die Bundeswehr in Zeiten des freiwilligen Wehrdienstes.

Berliner Morgenpost:

Ein Jahr freiwilliger Wehrdienst - Ihr Fazit, Herr Wolffsohn?

Michael Wolffsohn:

Für ein Fazit ist es noch zu früh. Aber es sieht wohl danach aus, dass die Freiwilligkeit mit der sozioökonomischen Situation der jungen Soldaten zusammenhängt. Die meisten kommen aus Regionen, in denen sie auf dem zivilen Arbeitsmarkt wenig Chancen haben: aus dem Osten Deutschlands, aus den wirtschaftsschwachen Regionen im Westen - und Aussiedler.

Und was hat das für Auswirkungen?

Die Bundeswehr ist kein x-beliebiger Arbeitgeber, die Einsätze sind zum Teil lebensgefährlich - das kann man nicht mit einem Job bei Bayer/Schering im Wedding vergleichen. Das heißt, das Risiko, bei einem Einsatz getötet zu werden, hängt mit der Herkunft zusammen. Das ist eine politische Ungerechtigkeit allerersten Ranges.

Ihre Befürchtung, die Bundeswehr wird zu einer "Unterschichtenarmee", ist also eingetreten?

Um das vorherzusagen, muss man kein Prophet sein. Wobei ich noch einmal klarstellen will: Unterschicht ist beschreibend gemeint, nicht abwertend. Es geht um wirtschaftliche Voraussetzungen und gesellschaftliche Benachteiligung. Bei der allgemeinen Wehrpflicht war das Risiko auf alle Schichten verteilt, heute trifft es nur eine. Die Wohlhabenden drücken sich, die Benachteiligten halten den Kopf hin.

Was sollte man dagegen tun?

Zum einen geht es um Strukturpolitik, die wirtschaftlich schwachen Regionen müssen gestärkt werden. Zum anderen soll derjenige, der zur Bundeswehr geht und damit ein erhöhtes Risiko auf sich nimmt, auch mehr Geld bekommen. Das löst zwar nicht die Ungerechtigkeit der Lastenverteilung, aber es ist zumindest eine Entschädigung. Das ist das Mindeste, was Gesellschaft und Politik für ihre Soldaten tun können.

Das ändert aber nichts an der Herkunft der Soldaten. Werden diese der anspruchsvollen Arbeit denn weiterhin gewachsen sein?

Das wird sich zeigen. Langfristig wird es aber eine riesige Schere zwischen gut und sehr schlecht ausgebildeten Soldaten geben.

Die Umstellung war also eine Zäsur für die Bundeswehr?

Eine hochdramatische. Aber das können wir in fast allen westlichen Staaten beobachten.

Hat sich auch die Akzeptanz in der Bevölkerung verändert?

Natürlich, weil die meisten nichts mit ihr zu tun haben. Deshalb wird die Bundeswehr geschätzt.

Wofür steht die Bundeswehr heute noch?

Gute Frage. Ich habe noch keine klare Benennung der strategisch-politischen Ziele registriert.

Gibt es ein Zurück zur Wehrpflicht?

Leider nein. Aber die gesellschaftliche Lastenverteilung und daraus abgeleitet auch die militärische muss gerechter werden.