Bundeswehr

"Wir brauchen jeden Mann"

Freiwilliger Wehrdienst: Nach einem Jahr ohne Pflichtdienst ist die Bundeswehr noch dabei, sich zu finden. Besuch in einer Berliner Kaserne

- Heute wird er nicht erschossen. Heute dient der Pappkamerad den Neuen zur Orientierung. Etwas schwankend steht er vor dem Block der Julius-Leber-Kaserne in Berlin-Tegel und signalisiert den 35 Rekruten, die an diesem Tag ihren freiwilligen Wehrdienst antreten, dass sie angekommen sind. Beim 8. Wachtbataillon, ihr Zuhause für die nächsten drei Monate - wenn alles gut geht.

Neben dem Pappkameraden steht Hauptmann Christian Schneider, ein großer Mann mit grünen Augen und raspelkurzen, schwarzen Haaren. Er steht so aufrecht, dass man unweigerlich auch Haltung annimmt. Schneider ist Kompaniechef und seit elf Jahren Soldat. Er hat Hunderte Neuanfänger bei der Bundeswehr erlebt. "Das ist ein neuralgischer Zeitpunkt", sagt er. Deswegen hat er für seine neuen Schützlinge Hinweisschilder aufbauen lassen. "Rekrutensicher", erklärt der Hauptmann und lacht.

Seit einem Jahr ist der Wehrdienst freiwillig. Seitdem muss die Bundeswehr sich darum bemühen, dass die Menschen zu ihr finden.

"Karriere-Trucks" der Bundeswehr werben jetzt auf Jugendmessen für einen "innovativen, starken, kreativen Arbeitgeber." Und die Kompaniechefs und Gruppenführer haben einen neuen Befehl. Der heißt lapidar ausgedrückt: Sanfter angehen. Das gefällt nicht unbedingt allen, aber um individuelle Vorlieben geht es beim Militär nicht.

Ein Achtzehnjähriger mit schlabberigen Jeans, Kapuzenjacke und Sneakers schleicht jetzt am Pappkameraden vorbei zu dem Zeltdach, unter dem vier Soldaten in Feldanzügen seine Meldung aufnehmen. Er ist sichtlich angespannt. Dass er es bis hierhin geschafft hat, bedeutet nicht, dass die Bundeswehr ihn behalten wird. Auch für die Rekruten hat sich die Situation geändert. Auch sie müssen sich erst beweisen. Rund ein Viertel der Freiwilligen beendet den Wehrdienst vorzeitig - nur die Hälfte davon auf eigenen Wunsch.

Wo kommen Sie her?, fragt der erste Soldat schroff. Der Junge überlegt, "NRW", sagt er zögernd. Er scheint erleichtert, als die Antwort akzeptiert wird. Ein anderer Soldat streckt ihm eine rote Chipkarte entgegen. "Das ist ihre Essensmarke. Die müssen sie immer am Mann tragen, wenn sie in die Kantine gehen." - "Okay", antwortet der Achtzehnjährige. "Okay gibt es ab jetzt nicht mehr", sagt der Soldat, "aber dazu kommen wir später." Auch eine Art, etwas sanfter anzugehen.

Als die Wehrpflicht aussetzte, beschworen Kritiker die Katastrophe. Statt des Staatsbürgers in Uniform käme jetzt der "Prekarier in Uniform", von einer zukünftigen "Unterschichtsarmee" war zu lesen, das Engagement junger Leute für die Gesellschaft würde nun noch mehr zurückgehen. Christian Schneider aber freute sich auf die Zäsur. Auf 55 Jahre Automatismus folgt Eigeninitiative. "Ich dachte: Jetzt kommen die, die wirklich ihren Dienst in den Streitkräften leisten wollen", sagt Schneider. Das hörte man vor einem Jahr von verschiedenen Seiten der Bundeswehr. "Eine gute Sache" sei das Ende des Zwangs, der zuletzt ja ohnehin kaum mehr umgesetzt wurde. "Bergauf" würde es gehen. Jetzt könne man die Soldaten, die sich bis zu 23 Monate verpflichten, von Anfang an gezielt fördern.

Schneider auf jeden Fall hat einiges vor mit seinen Neuen. Entscheidend sei nicht die Uniformierung der Soldaten sagt er, sondern "die Stärkung ihres Charakters". Statt von "Drill" oder "Unterwerfung" spricht einer von einer Ausbildung, die "dezent, aber zielführend" sei. "Jeder Soldat ist verschieden", sagt Schneider, "aber jeder passt in einen Rahmen."

Seinen neuen Untergebenen hat er vor ein paar Wochen einen Begrüßungsbrief geschickt: "Ich möchte mich bedanken, dass Sie bereit sind, einen Beitrag für Frieden, Recht und Freiheit in unserem Land zu leisten." Die Soldaten sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig sie sind. "Wir brauchen jeden Mann", sagt Feldwebel Phillip Rabe.

Sie wollen gefallen

Im Flur beginnen gerade die ersten Übungen. Es ist zwei Uhr nachmittags, von den 35 Neuen sind die meisten eingetroffen, wer zu lang trödelt, der riskiert, dass die Feldjäger ausrücken. Feldwebel Rabe beginnt schon mal mit der ersten "Antrete- und Richtübung", für die man offensichtlich ungewöhnlich laut durch einen Flur brüllen muss. "Erster Zug, Türen auf." 30 sehr aufgeregte junge Menschen zwischen 18 und 23 Jahren stolpern aus den 15 Quadratmeter großen Stuben und versuchen, so gut es geht, die Grundhaltung einzunehmen. Es geht nicht besonders gut. Rabe muss die ganze Brüllerei wiederholen. Diesmal etwas lauter. Jetzt zeigt sich, was Schneider vorher als "intrinsische Bereitschaft" der Freiwilligen bezeichnete. Bei jeder anderen Meute Halbstarker wäre längst der erste blöde Spruch fällig, aber die 30 Menschen, die sich da gerade bemühen, zum ersten Zug des 8. Wachbataillons zu werden, sind voll darauf konzentriert, mit ihren Füßen 60-Grad-Winkel herzustellen. Sie wollen gefallen. Trotzdem holt Rabe vorsichtshalber schon mal zur ersten Manöverkritik aus. "Trödeln sie nicht, wenn es heißt 'Türen auf`'", ruft er über den Flur, so laut, dass man es fast nicht mehr versteht. "Hängen Sie dann nicht in ihren Stuben ab, daddeln sie nicht auf ihren Handys rum. So was gibt es hier nicht." Und dann, in demselben Ton: "Das muss mal gesagt werden. Ansonsten können wir dicke Freunde werden."

Die Befehle wird Rabe in den nächsten Wochen und Monaten ständig wiederholen müssen. Es braucht seine Zeit, bis die Zivilisten sich daran gewöhnen, dass sie jetzt Teil einer Truppe sind. "Man muss erst eine gemeinsame Funkfrequenz finden", erklärt Schneider.

Julia Wieczorek hat sie schon. Die 23-Jährige hat sich ihren Herzenswunsch erfüllt und sich für ein Jahr Bundeswehr verpflichtet. Die Frauenquote bei den Freiwilligen liegt um die acht Prozent. In ihrer Gruppe aber ist die junge Frau aus Pankow die Einzige. Doch die Übermacht der Jungs konnte Julia Wieczorek nicht abschrecken. Und das Gebrülle? "Der Ton ist ein bisschen straffer", räumt Wieczorek ein, "aber das habe ich so erwartet." Wieczorek hat ein Praktikum in der Julius-Leber-Kaserne absolviert und ihre Bachelor-Arbeit über "Personalgewinnung bei der Bundeswehr" geschrieben.

Um die steht es, laut offiziellen Angaben, übrigens nicht schlecht. 20.000 Bewerber gab es im vergangenen Jahr für die rund 12.000 Stellen des feiwilligen Wehrdienstes. Aus 30 Prozent der Freiwilligen werden Zeitsoldaten, die Bewerberquote bei den Offizieren ist sechs zu eins. "Vieles läuft gut, manches könnte besser laufen", erklärt Wieczorek das Fazit ihrer Untersuchung. Was zum Beispiel? "Die Kommunikation."

Was bringt einen jungen Menschen - zumal mit Studienabschluss - dazu, die nächsten zwölf Monate mit Gleichschritt zu verbringen? "Bei der Bundeswehr hat jeder eine andere Aufgabe", sagt Wieczorek, "und doch sind alle gleich."

So wie sie haben sich fast alle Rekruten gut auf diesen ersten Tag vorbereitet. Offiziell über die Wehrdienstberater und die Kreiswehrersatzämter, wo man sich für den Dienst bewerben musste, und inoffiziell über zahlreiche Erfahrungsberichte, die in Internetforen kursieren.

Artem Sokolowski aus Dorsten in Westfalen wollte eigentlich Gebirgsjäger werden. Bei der Musterung stellte sich heraus, dass sein linker Fuß etwas schräg steht. Seine Bewerbung 2011 wurde abgelehnt. Jetzt hat er sich für das Wachbataillon entschieden. Er ist 18 Jahre alt und hat gerade seinen Hauptschulabschluss hinter sich. Die Bundeswehr flößt ihm Respekt ein. Vor allem die sportlichen Leistungen, die hier von ihm verlangt werden. "Das Joggen könnte ein Problem werden." Sokolowski aber ist fest entschlossen durchzuhalten. "Dann habe ich etwas geschafft, was nicht jeder schafft."

Jahrzehntelang hat die Aussicht auf Schliff, Zucht und Ordnung viele junge Männer abgeschreckt. Doch die Bewerber für den Freiwilligen Wehrdienst scheinen genau das zu suchen. "Die Disziplin in der Bundeswehr gefällt mir", sagt Al Sharideh, 20 Jahre alt und aus Reinickendorf. Er hat sich vorgenommen, über seine Verpflichtung hinaus zu bleiben. "Ich freue mich darauf, hier zeigen zu können, was ich kann - vielleicht ein Leben lang", sagt er und lacht ein bisschen über das eigene Pathos. Die Aussicht, demnächst seine Nächte im Wald zu verbringen, schreckt ihn nicht ab. Eher das Kantinenessen. Von dem habe er nicht nur Positives gehört.

Faszination für Disziplin

Für großen Erfahrungsaustausch bleibt an diesem ersten Tag aber nicht viel Luft. Paul Treit, ein 18 Jahre alter Abiturient aus Paderborn, ist noch ganz gefangen von der ersten Übung. "Ist etwas ganz Neues", kommentiert er die für ihn noch sehr ungewohnte Direktheit der Befehle.

Dann aber heißt es wieder antreten, was jetzt schon deutlich besser klappt. Feldwebel korrigieren die Abstände zwischen den Soldaten. Wer nicht möchte, dass ihn dabei jemand anfasst, der soll sich vorher melden. Tut natürlich keiner.

"Ich sehe bereits die Andeutung einer Grundstellung", sagt Schneider, der die Veranstaltung aus einiger Distanz beobachtet. Er scheint zufrieden.

Sind diese 30 Soldaten, die gerade ihren ersten Tag absolvieren, die, auf die er bei der Aussetzung der Wehrpflicht gehofft hat? Bislang hat sich das Niveau der Bewerber nicht verändert, nicht zum Besseren, nicht zum Schlechteren. Offiziell jedenfalls. Aber der freiwillige Wehrdienst ist ja gerade erst ein Jahr alt. Wird es bei denen, die heute anfangen anders sein? Schneider ist auf jeden Fall bereit, daran zu glauben. "Wer sich aus eigenem Antrieb für die Bundeswehr entscheiden, mit dem kann man viel mehr erreichen."