Ägypten

Eine Marionette tritt an

Ägypten: Mohammed Mursi ist der erste demokratisch gewählte Präsident. Viel zu sagen hat er zwischen Muslimbrüdern und Generälen aber wohl nicht

- Er nennt sogar die Fahrer der Tuk-Tuks, der dreirädrigen Minitaxis, als er nach der Verkündung seines Wahlsieges spät abends vor die Kameras tritt. Er wolle der Präsident aller Ägypter sein, sagt ein sichtlich bewegter Mohammed Mursi. Vor allem die Sorgen der kleinen Leute, der Handwerker und Ladenbesitzer, der Obstverkäufer am Straßenrand und der unzähligen Straßenhändler, seien bei ihm gut aufgehoben. Aber alle müssten ihm helfen, alleine schaffe er das nicht. Ismael nickt, als er diese Worte hört. "Er appelliert an unsere Mitarbeit", sagt der Tuk-Tuk-Fahrer auf der Pyramidenstraße in Giseh mit Stolz, als er die Rede des neuen Präsidenten an dem kleinen Fernseher eines Kollegen verfolgt. "Er meint auch mich!" Die aus Indien stammenden Motorradwägelchen sind der letzte Schrei in Kairo. In dem immer größer werdenden Verkehrschaos kommen sie schneller voran als die herkömmlichen Taxis.

Mursi ist kein guter Redner. Sein Vortrag ist nüchtern und ohne Leidenschaft. Er gestikuliert kaum - äußerst ungewöhnlich für einen Ägypter. Die Rede an sein Volk liest er vom Blatt ab. Es scheint, als habe ihn der Sieg völlig überrumpelt. Er gibt sich demütig. Dass er großen Respekt vor der Aufgabe hat, die jetzt auf ihn zukommt, klingt fast in jedem Satz seiner Rede durch. Dass er dies alles nicht allein schafft, versteht sich von selbst. Denn der 61-jährige Muslimbruder ist die zweite Wahl seiner Partei, das "Ersatzrad", wie die Ägypter humorvoll sagen. Nur mit Mühe habe man ihn zu der Kandidatur überredet, verlautet aus Insiderkreisen. Doch am Ende war Mursi Parteisoldat und gehorchte dem Willen der Führung.

Die Muslimbruderschaft ist eine ideologische Kaderorganisation, die auf Gehorsam setzt. Leute wie Abdelmuneim Abul Fatuh können davon ein Lied singen. Als der lange Zeit als Favorit gehandelte Arzt eigene Wege gehen wollte und für die Präsidentschaft kandidierte, schlossen sie ihn kurzerhand aus der Bruderschaft aus. Anfangs wollte die "Ichwan", wie die Muslimbrüder auf Arabisch heißen, keinen eigenen Kandidaten aufstellen, um der Revolutionsbewegung und den liberalen Kräften des Landes eine Chance zu geben. Doch der fulminante Wahlerfolg der Islamisten bei den Parlamentswahlen weckte bei den Muslimbrüdern einen schier unbändigen Machthunger. Letztendlich ging die Bruderschaft gleich mit zwei Kandidaten ins Rennen.

Brav und unauffällig

Politisch ist Mursi noch nie eigene Wege gegangen. Er hielt sich zurück, als viele seiner islamischen Brüder offen gegen das Mubarak-Regime opponierten, verhaftet, verurteilt und eingesperrt wurden. Brav und unauffällig engagierte er sich im 1992 gegründeten Politbüro der Organisation. Erst als er im Jahr 2000 als unabhängiger Kandidat einen Sitz im Parlament erringen konnte, wurde sein Name bekannt. Als Partei war die Bruderschaft zwar unter Mubarak verboten, doch ihre Anhänger konnten als Unabhängige politisch agieren. Sie führten ein halboffizielles Schattendasein. Mursi lernte früh, Kompromisse zu schließen, nicht anzuecken und sich zu arrangieren. Erst als der einflussreiche Geschäftsmann Khairat al-Schater Mursi entdeckte und ihn zum politischen Ziehsohn machte, geriet der in der Deltaprovinz Scharkidscha geborene Ingenieur und Universitätsdozent ins Rampenlicht. Nach diversen Massenverhaftungen des Mubarak-Regimes saß auch Mursi mehrere Monate im Gefängnis.

Nach dem Sturz des Despoten wurde er dann im April vergangenen Jahres vom Schura-Rat der Muslimbrüder, der höchsten Entscheidungsinstanz der Bewegung, zum Vorsitzenden der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei gewählt, die nun offiziell zugelassen ist. Schater und Mursi traten zunächst gemeinsam als Kandidaten für die Nachfolge Mubaraks an. Doch Schater wurde aus rechtlichen Gründen von der Wahlkommission aus dem Rennen geworfen. Übrig geblieben ist Mohammed Mursi.

Als Präsident aller Ägypter hat er nun den Rückzug aus der Partei angekündigt. Ein Muslimbruder wird er aber bis an sein Lebensende wohl bleiben. Denn keiner in der Organisation kann sich vorstellen, dass der gefügige Kader sich jemals aus den Fängen von Mohammed Badie befreien kann, dem mächtigen Vorsitzenden der Bruderschaft. Mursi sei nur eine Marionette von Badie, sagen ehemalige Mitglieder, die aus Frust gegen den ideologisch konservativen Kurs des 69-Jährigen ausgetreten sind oder ausgeschlossen wurden. Badie ziehe alle Fäden im Hintergrund. "Ohne Badies Zustimmung kann Mursi nicht einmal Piep sagen", behauptet Saad, einer der Ehemaligen. Als im Februar 2010 Neuwahlen zum Vorsitz der Organisation anstanden, tobte ein Richtungskampf zwischen Reformern und Hardlinern der "Ichwan". Badie setzte sich durch und vergraulte all jene, die eine Öffnung der Bruderschaft für neue Ideen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam anstrebten.

Es blieben nur diejenigen übrig, die so denken wie er und dem ideologischen Gedankengut des Vordenkers Sajed Kutb verbunden sind. Der ägyptische Journalist und Theoretiker gilt als einer der wichtigsten islamischen Denker des 20. Jahrhunderts. Er prägte den Begriff "Hakimijjat Allah", der die absolute Souveränität Gottes bezeichnet, die jeder Form von Nationalstaat, Demokratie oder Souveränität eines Volkes entgegensteht. Kutb trat 1951 den Muslimbrüdern bei, die zu der Zeit bereits seit 23 Jahren existierten. Ein Jahr später erfolgte die von den sogenannten freien Offizieren initiierte Revolution, in deren Folge die Militärs bis heute die Macht in Ägypten ausüben. 1966 wurde Kutb wegen eines angeblichen Anschlagsversuchs auf den Präsidenten hingerichtet.

Übervater der Muslimbrüder

Badie wird also maßgeblich die künftige Politik Ägyptens mitbestimmen. Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen war es nicht Mursi, der vor die Presse trat und Stellung zu seinem ersten Platz unter den 13 angetretenen Kandidaten bezog, sondern Badie. Und nach dem Sieg in der Stichwahl war es wieder er, der den islamischen Bruder zuerst beglückwünschte. Die Szene, in der Badie Mursi auf die Wange küssen will, dieser ihm aber zunächst ausweicht, um ihn schließlich auf die Stirn zu küssen, war für einige ein hoffnungsvolles Zeichen, dass der neu gewählte Präsident vielleicht doch Distanz zu dem Übervater der Muslimbrüder suchen könnte. Die Rede an das Volk, nur einige Stunden später, trug allerdings eindeutig die Handschrift Badies. Schon 2010 gab er Mubarak den Rat, er solle ein "Vater für alle Ägypter sein und nicht nur für eine Partei".

Was Mursi an politischer Leidenschaft vermissen lässt, hat Badie im Überfluss. Wie kein anderer verurteilt er lautstark das Vorgehen Israels gegenüber den Palästinensern. Gleichwohl hat er erklärt, er wolle an dem bestehenden Friedensvertrag nichts ändern. Ansonsten wolle er gute Beziehungen zu allen Ländern und sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer einmischen, sagte Mursi im kurzen außenpolitischen Teil seiner Ansprache. Die Behauptung der iranischen Nachrichtenagentur Fars, er habe in einem Interview ein besseres Verhältnis zum Iran angestrebt, um ein wirksames strategisches Gleichgewicht in der Region zu schaffen, wurde von seinem Sprecher dementiert. Das Verhältnis zwischen dem schiitischen Gottesstaat und dem sunnitisch geprägten Ägypten ist seit der Machtübernahme der Ayatollahs in Teheran zerrüttet. Eine Annäherung ist daher eher unwahrscheinlich. Trotzdem könnte eine Entspannung der Beziehungen zwischen Kairo und Teheran erfolgen, die bereits von den Militärs eingeleitet wurde. Nach mehr als 30 Jahren dürfen nach dem Sturz Mubaraks jetzt wieder iranische Schiffe durch den Suezkanal fahren.

Mit Mursi steht nun erstmals ein Zivilist an der Spitze des Landes. Aber die Militärs haben sich vor Abschluss der Präsidentenwahl noch schnell nahezu uneingeschränkte Machtbefugnisse gesichert und nun bei allen Entscheidungen des neuen Präsidenten das letzte Wort. Mursi muss also einen Spagat zwischen Militärs, Islamisten und allen anderen Elementen der Gesellschaft versuchen. Ob der Neue in Kairo, der jetzt seine Regierungsmannschaft zusammenstellt, allerdings die Revolution im Sinne der Revolutionäre weitertreibt, steht noch in den Sternen.