Berliner Spaziergang

Die Frau mit den wachen Augen

"Spazieren gehe ich eigentlich nie", sagt Felicitas Hoppe, während sie in ihrer Wohnung in der Schumannstraße ihre Spaziergangsutensilien zusammen sucht. "Und wenn doch, dann gehe ich zum Hauptbahnhof." Frau Hoppe ist viel unterwegs. Die 1960 in Hameln geborene, aber seit 26 Jahren in Berlin wohnende Schriftstellerin wurde mit etlichen Literaturpreisen und Stipendien beehrt. Einige davon waren mit Reisenverbunden. Gleich am nächsten Tag müsse sie ins Ruhrgebiet, um aus ihrem aktuellen Roman "Hoppe", einer fiktiven Autobiografie, zu lesen. Der gerade gewonnene Büchner-Preis verschaffte der häufig Reisenden nun zusätzliche Gänge zum Hauptbahnhof. Und er spaltete das deutsche Feuilleton. Von einer virtuosen Poetin, "die den Büchner-Preis glänzen lässt", schreiben die einen, von einer Autorin, die zwar sprachlich wunderbar, aber unterm Strich zu unpolitisch sei, als dass sie rechtmäßig mit Büchners Namen glänzen dürfe, schreiben die anderen.

Die Außentemperatur liegt bei 17 Grad. Die Schriftstellerin hat über ihr rotes, ausgestelltes Wollkleid, einen Mantel, einen Schal, sowie einen roten, abwaschbaren Rucksack gezogen. Ihre Hände stecken in Handschuhen. Später wird sie verraten, dass sie glaubt, dass man Menschen vor allem an ihrer äußersten Schicht erkenne: "Die Requisiten die wir tragen, sagen eine Menge über uns aus." Nach ein paar schnellen Schritten komplettiert Hoppe ihr Spaziergangsoutfit mit einer schmalen Sonnebrille. Nicht um sich zu "verbergen", sondern weil ihre Augen empfindlich seien. "Ich hab mir das irgendwann so angewöhnt." Sie lacht kurz auf. "Aber ich kann mir das eigentlich auch wieder abgewöhnen." Ihr Schal, den sie sich nur lose um den Hals geworfen hatte, verfängt sich nach wenigen Schritten an einem Plakathaken einer Laterne. Der Fotograf, der uns begleitet, scheut keine Mühen und löst die frisch gebackene Büchner-Preisträgerin kurzerhand vom Laternenpfahl.

Mit Blick auf ein siebenstöckiges Bürogebäude im Rohzustand assoziiert Hoppe: "Ich wohne hier umgeben von Theatern. Das Deutsche Theater auf der einen Seite und gegenüber - das! Aber diese Baustelle ist für mich Bühne. Die Arbeiter haben dort ihre Kabinen", sie zeigt auf die Fensterrohbauöffnungen: "Und wenn sie heraustreten, dann posieren sie. Wie Westernhelden."

Richtung Reichsbahnbunker Ecke Reinhardtstraße laufend erzählt Hoppe, dass sie die Baustelle anfangs aber doch eher als Anlass zum Umziehen gesehen habe. Seit sie 1998 von der Schweizer Stiftung Laurenz-Haus nach Basel eingeladen worden war, um dort ihren Weltumsegelungs-Roman "Pigafetta" zu schreiben, sei der Binnenstaat zum Sehnsuchtsort für sie geworden. Nachdem sie 2004 mit dem Spycher-Literaturpreis ein jährliches 8-wöchiges Aufenthaltsrecht in Leuk gewann, wollte sie in der Gemeinde im Kanton Wallis eine Wohnung kaufen. "Ich hatte mir schon eine Adresse ausgesucht. Hauptplatz 1. Ich mag schöne Adressen und die klingt doch einfach toll." Aber sie bekam sie nicht. Sie ist keine Schweizerin.

Fasziniert vom Klang

Wir biegen zwischen Ukrainischer Botschaft und Reichsbahnbunker ab.

"Hier hinten kommt jetzt was, ich weiß gar nicht was das mal war", sagt die Schriftstellerin, als wir das Tor zum Campus Nord der Humboldt Uni passieren. Zwischen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert liegen Studenten im Gras. "Hier ist es plötzlich ruhig und grün. Ganz unerwartet an dieser Stelle." Frau Hoppe findet Mitte schön und hässlich zugleich, voller Wasser und Schiffe einerseits, vollgestopft und laut auf der anderen Seite.

Warum sie hier wohnt? "In einer der bedeutendsten, europäischen Hauptstädte mitten in der Mitte zu wohnen, das hat doch was." Hauptplatz 1, in der Mitte der Stadt - es sind Geografien, die einen nicken lassen. Ihr Klang passt in den verspielten Kosmos ihrer Prosa.

"Ein richtiges Kiezgefühl gibt es für mich in Mitte nicht. Mein Nachbar sieht jeden Tag anders aus. Ganz einfach, weil er jeden Tag jemand anders ist." Frau Hoppe wohnt neben einer Saisonwohnung. Früher als das kleine "Emil"-Lokal im Keller ihres Wohnhauses noch geöffnet gewesen sei, da sei es schöner gewesen. "Ich habe da immer meinen Schlüssel hinterlegt. Freunde konnten ihn dort abholen, um bei mir zu wohnen, wenn ich nicht da war."

Nach Charité und Luisenstraße treten Hauptbahnhof und Spree ins Sichtfeld. Hier können wir Hoppe nun fotografieren. "Der Hauptbahnhof ist ein Symbol, mit dem ich mich identifizieren kann." Wann immer es geht, fährt sie mit der Bahn. " Ich habe kein Handy und reise ohne Laptop. Das ist also die einzige Zeit, in der ich mal zum Lesen komme." Hoppe lehnt sich an das Gitter der Kronprinzenbrücke. Mit leicht ausgestelltem Fuß posiert sie, ohne Schal, Handschuh, Rucksack und ohne zu Lachen. Später wird sie sagen, dass sie den Fotografen dafür liebe, dass er sie nicht dazu aufgefordert habe. Fotografiert zu werden sei ihr ein notwendiges Übel. "Schon als Kind wusste Felicitas genau, dass sie nicht fotogen war, dass sie, wie sie später kokett zu bemerken pflegte, kein Talent zum Einheiraten hatte." schreibt Hoppe auf Seite 30 ihrer fiktiven Autobiografie, in der sie nicht Hameln, sondern in Kanada geboren wurde, in der sie neben dem Schreiben auch als Eishockeyspielerin erfolgreich ist und "ihre letzten Jahre" in Las Vegas verbringt.

Auf der Kronprinzenbücke kneift sie die nun nicht mehr von der Sonnenbrille geschützten, Augen zusammen. "Fotografieren Sie etwa mit einer analogen Kamera?" Der Fotograf nickt und kurbelt. Eine Hasselblad. Hoppes Augen glänzen. "Wie schön, dann ist das mein Hasselbladtag", freut sie sich. "Ich könnte mir jetzt gut vorstellen, nach Hause zu gehen und darüber zu schreiben. Hasselbladtag wäre der Titel." Die Frage, woher die Autorin ihre Ideen nimmt, sie ist geklärt. "Wenn man mit wachen Augen durchs Leben geht, kann jedes noch so kleine Detail eine Zündtüte sein." In "Hoppe" schneiderte sie der Figur Hans Herman Haman eine Sprichwortliebe auf den Leib, weil sie in der Berliner Gemäldegalerie von Bruegels Ölbildnis "Die niederländischen Sprichwörter" begeistert war, aber "keine Zeit hatte, ein ganzes Buch über Sprichwörter zu verfassen." Hoppe schreibt, um sich Welten zu schaffen. Manche ihrer Kritiker halten diese Welten für reine Wortakrobatik und ihre Schöpferin deshalb für Büchner-Preis unwürdig. "Ich habe all diese Kritiken nicht gelesen", sagt Hoppe, während wir am Kapelle-Ufer entlang in Richtung Gaststätte "Zollpackhof" - eine ihrer Lieblingsgaststätten - laufen. Ihr fehle dazu die Zeit. Trotzdem wisse sie grob darüber Bescheid, was über sie im Umlauf sei - durch Botenberichte. "Meine Freunde schreiben mir E-Mails: ,Herzlichen Glückwunsch zum Büchnerpreis, ärgere dich bloß nicht über . . .'" Hoppe wippt mit den Kopf. "Natürlich könnte ich hingehen und mir den Originaltext holen. Aber das mache ich nicht."

In den Rezensionen zu ihrem jüngsten Werk hieß es, Hoppe habe mit ihrer fiktiven Autorenbiografie aufzeigen wollen, dass sie als Schriftstellerin nicht zwingend von real Erlebtem schöpfen können müsse. "Hoppe" sei ihre Antwort auf den von der Kritik häufiger angebrachten Vorwurf "biografisch-substanzlos" zu sein. "Aber ich gehe nicht ans Schreiben heran, um eine Prämisse zu verfolgen", schüttelt Hoppe den Kopf: "Mein Schreiben hat in sich selbst einen Sinn."

Die besten Kritiken erhalte sie ohnehin von ihren Lesern. In Zeitungen und Wissenschaft hingegen würden Zuschreibungen und Deutungsmuster entstehen, die gar nichts mit ihr zu tun hätten, aber durch vielfaches, gegenseitiges Abschreiben immer wieder auftauchen würden. Während ihrer Lesungen suche Hoppe dieses ihr fremde Autorenbild richtig zustellen. "Aber auch das mache nicht programmatisch", sagt sie schulternzuckend.

Ausscheren und Ersatzbiografien

Bevor sie zur Schriftstellerei kam, war auch Felicitas Hoppe als Kritikerin tätig. Sie schrieb für die "tageszeitung" Theaterrezensionen und "kleinere Artikel" "Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich viel zu schnell zum Ausschmücken verleitet werde. So etwas darf im Journalismus nicht passieren." Seit 1996 arbeitet sie als freischaffende Schriftstellerin, seit 2005 ist sie zudem immer wieder als Gastdozentin tätig. Im laufenden Semester für Interkulturelle Poetik an der Uni Hamburg. 13 Preise und neun Stipendien hat sie bisher erhalten. Der Büchner-Preis hat ihr Werk jetzt noch mal eine Ebene höher gehoben. "Das ehrt und befeuert mich ungemein", sagt sie. Auch wenn ihre Freude über Auszeichnungen zu Beginn ihrer Karriere größer gewesen sei. "Auszeichnungen sind auch eine Verpflichtung. Letztens habe ich noch gedacht: Ach, ich gründe jetzt mal ein Label." Sie zupft an ihrem braunen Mantel: "Mache ich jetzt mal Mäntel. Das wäre doch toll" Wir gehen auf einen Tunnel zu. "Ja, auch ich hatte mal Lust auszuscheren. Aber mit so einem Preis ist das jetzt doch etwas anderes."

Dann versagt das schräg unter Hoppes Mund gehaltene Diktiergerät. Der Batteriewechsel gelingt nicht. "Immer wenn ich mit Journalisten unterwegs bin, geht was schief", lacht Hoppe. Sie öffnet ihren Rucksack. Ein Etui, ein Block und ein Geldbeutel kommen zum Vorschein. Mit einer Nagepfeile hebelt sie den klemmenden Stromträger aus. Hoppe ist "in der Regel eine äußerst höfliche und gelegentlich bis zur Selbstverleugnung zuvorkommende Interviewpartnerin" - heißt es auf Seite 78 ihrer fiktiven Autobiografie.

"Ich bin mir mit meiner Traumbiografie schon sehr nah gekommen", bestätigt sie.Die Idee zur erfunden Biografie, sei ihr im Gespräch mit Freunden gekommen: "Es hat mit dem Älterwerden deutlich zugenommen, dass man irgendwo zusammen sitzt und überlegt: Wenn ich damals dieses und jenes nicht gemacht hätte, dann hätte ich, dann wäre - und auf einmal beginnt eine neue Geschichte." Diese "neuen" Geschichten hätten eine Trostfunktion. Man sei eben doch nie ganz mit seinem Werdegang zufrieden. Ist Hoppe denn zufrieden? "Och doch, im Prinzip schon", sagt sie. Durch "Hoppe" habe sie vor allem eins gelernt: "Das erfundene Leben ist nie schöner als das echte."

Plötzlich sind wir kurz vor Bellevue und unbemerkt am "Zollpackhof" vorbeigelaufen. Frau Hoppe dreht eiligen Schrittes um. Den Weg, den wir kamen, gehen wir nun etwas schneller wieder zurück. Die flinke Schriftstellerin, sie veröffentlicht seit 1996 fast jedes Jahr. Wenn es in einem Jahr mal nicht zu einer Publikation kam, dann folgten im darauffolgenden Jahr gleich zwei. Aktuell begleiteten Hoppe vier Romanideen. Sie müsse jetzt prüfen, welche sie als nächstes niederschreibe. Eine kleine Idee verrät sie uns. Anfang des Jahres war sie mit Filmemachern und Künstlern im Rahmen eines Aufenthaltstipendiums in der Villa Aurora in Pacific Palisades. "Wenn ich heute daran denke, kommt es mir so vor, als wäre unsere Zeit dort eine Erfindung gewesen." Eine Novelle möge sie darüber schreiben. Wenn sie denn Zeit dafür finde.

Wir steigen Stufen hoch. Der Biergarten des "Zollpackhofs" liegt mit leeren Tischen vor uns. Wir erraten es jetzt schon. Ein großer Teil seines Reizes liegt für Felicitas Hoppe in seinem Namen: ",Zollpackhof' klingt nach Packstation, nach Reise, nach Handel. Das fasziniert mich", sagt sie sich umschauend

Das Biergartengelände hat am frühen Mittag noch geschlossen. Viel ausgehen würde sie nicht mehr, bekennt Hoppe. Wenn sie sich mal "die Nächte um die Ohren schlage", dann bei sich zu Hause. "Manchmal ist es einfach gut, sich von äußeren Eindrücken abzuschotten, um zur Ruhe zu kommen." Auch ihren Nachbarn, das Deutsche Theater, sähe sie selten von innen. Hat sie nicht mal als Dramaturgin gearbeitet? Hoppe winkt ab. Sie wüsste, dass das überall stehe, aber sie habe sich damals eher ausprobiert, assistiert und würde sich für keine Aufführung dramaturgisch verantwortlich zeigen.

"Da vorne wohne ich übrigens wieder", stellt sie plötzlich fest. Der Rückweg ist im Plauderton an uns vorbei geflogen.

Falls sie nun je über den Hasselbladtag schreibe, wüsste, nur wir, dass er ein Mittwoch sei, sagt sie und es wirkt wie ein Abschiedsgeschenk. Und dann, wie aus dem Nichts, erwähnt Hoppe noch, dass sie nie lüge. Nie würde sie in Interviews eine Wirklichkeit konstruieren, die es nicht gäbe. Auf dem Nachhausweg fällt der Verfasserin ein, dass Collodis "Pinocchio" Hoppes Lieblingsbuch ist. Es steht auf Seite 18 in "Hoppe".