Kommentar

Das Schlimmste ist verhindert worden

Andrea Seibel über Die Wahl der Griechen und das Ende der deutschen Selbstlosigkeit

Zwei Dinge im Falle der Griechenlandwahlen waren schon vorher klar. Wer auch immer gewinnen würde, die Situation wäre weiter hart. Nun scheinen die Konservativen das Rennen gemacht zu haben. Das Schlimmste ist somit verhindert worden: Ein Sieg der radikalen und uneinsichtigen Linken, die Europa auf der Nase herumtanzen wollten. Man wird Griechenland also weiterhin Stabilisierungsangebote machen und auf mehr Zeit setzen. Ob das aber reicht? Eines ist auch mit dieser Wahl klar geworden: Europa ist nicht mehr, wie es war. Europa ist nicht mehr, was es war. Die Tage der Nachkriegsordnung, des Nachkriegsgefühls, sind endgültig vorbei. Heute reichen die durchaus ehrlich gemeinten Reminiszenzen an die Schreckenszeit des Krieges und die ungemeine zivilisatorische Leistung der Annäherung der Europäer, die man aus dem Munde Helmut Kohls hört, bei Juncker vernimmt und die auch das Denken Wolfgang Schäubles bestimmen, nicht mehr, um die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten. Ja, man kann damit nicht einmal mehr die Gegenwart beruhigen. Was ist geschehen? Deutschland ist stabil und stark, und ist deswegen offenbar ein Problem, man glaubt es kaum. Es ist jedenfalls verhasst, bei den Griechen, bei den Franzosen verachtet und wohl bald bei Spaniern und Italienern auch. Stark war es vor der Krise auch. Aber es war still. Demütig und selbstlos, das war das ungeschriebene Gesetz des Nachkriegs-Europa, um die Verbrechen der Vergangenheit zu sühnen.

Was geschehen ist, ist selbst vielen Deutschen nicht ganz geheuer. Kanzlerin Merkel besteht auf geteilter Verantwortung, sie legt Wert auf die Tatsache, dass Sparen und Sanieren der bessere Weg aus der Verschuldungskrise Europas ist. Und doch fallen diese eigentlich banalen Rückschlüsse auf einen Boden, der begonnen hat zu vibrieren. Die Bundesrepublik zeigt Stärke, ohne dominieren zu wollen und wird dennoch mit Verachtung bestraft.

Wenn Angela Merkel ihren bisherigen Kurs änderte, wenn sie sich weichklopfen ließe, denn ihr Standvermögen ist jetzt schon erstaunlich, dann wäre dies wahrlich nicht gut für Europa und auch nicht für Deutschland. Denn die Schulden blieben hoch, die Mentalitäten hätten sich nicht geändert. Dass Deutschland lange Zahlmeister der EU war, kann kein Freibrief für notorische Alimentierung sein. Und erst gar nicht solcher Länder, die unverfroren auf diesen Geldern bestehen, als seien sie ewige Reparationsleistungen.

Die Nachkriegszeit ging nicht 1989 zu Ende, sondern mit der Krise der EU. Europa muss sich radikal ändern, um sich treu zu bleiben. So wie die Agenda 2010 unter Gerhard Schröder ein wichtiges Signal war, den Sozialstaat zukunftstauglich zu machen, indem man ihn begrenzt, so müssen auch Frankreich, Italien und Spanien lernen, verantwortungsvoller mit den Geldern ihrer Steuerzahler umzugehen. Und besonders natürlich Sorgenkind und Zornesquelle Griechenland. Die Deutschen werden keinem Land, bei aller Hilfsbereitschaft die sie die ganze Zeit schon an den Tag legen, den Gang durch das Tal der Tränen vergolden. Diese Zeiten sind wirklich ein für alle Mal vorbei.