Interview

"Ich fürchte, es wird eine soziale Explosion geben"

Ein Athener Psychologe über die Stimmung im Land und das gebrochene Verhältnis vieler Griechen zur Realität

- Vor zwei Jahren prophezeite der griechische Verhaltenspsychologe Kostas Euthimiou, dass sein Volk die Sparpolitik murrend, aber doch fügsam erdulden werde. Er behielt bislang recht. Jetzt aber sagt er: Die Grenze ist erreicht, in wenigen Monaten könnte es eine soziale Explosion geben. Mit Euthimiou sprach Boris Kálnoky.

Berliner Morgenpost:

Herr Euthimiou, im Westen versteht man die Griechen nicht. Sie hoffen auf Rettung durch den Linksradikalen Alexis Tsipras, gleichzeitig bringen sie ihr Geld vor ihm in Sicherheit. Ist das schizophren?

Kostas Euthimiou:

Auf keinen Fall. Die Verzweiflung ist sehr groß, und wer sehr verzweifelt ist, der verhält sich zuweilen irrational. Dazu gehört unter Umständen auch eine größere Anfälligkeit für die leeren Versprechungen von Demagogen. Wir haben 25 Prozent Arbeitslose. Ebenso viele Menschen arbeiten im Staatssektor und bangen um ihre Existenz: Die Zahl der Beamten soll ja stark reduziert werden. Beide Gruppen machen 50 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sehen für sich keinerlei Perspektiven mehr. Sie sind es, die anfällig sind für die Tricks der Demagogen. Eine kleinere Gruppe hat noch Geld und bringt es in Sicherheit. Das sind aber nicht dieselben, die für Tsipras sind. Es ist auch nicht spezifisch griechisch - in Italien und Spanien fließt das Geld ja auch aus den Banken ab.

Als wir vor mehr als zwei Jahren miteinander sprachen, machten Sie eine Verhaltensprognose: Das griechische Volk werde trotz Krise nicht in Gewalt ausbrechen. Bis jetzt haben Sie recht behalten. Bleibt es dabei?

Ich fürchte, nein. Seit ungefähr März oder April spüre ich bei den Menschen, die mich aufsuchen, einen deutlichen Stimmungswandel. Ich glaube, in drei oder vier Monaten wird es möglicherweise schwere soziale Unruhen geben. Die Grenzen der psychischen Belastbarkeit der Menschen sind erreicht, die Krise frisst sich rapide in den Mittelstand hinein.

Sie glauben, dass es bald eine soziale Explosion geben wird?

Ich fürchte, ja. Sei es, dass Tsipras gewinnt und dann aber die gewaltigen Hoffnungen der Menschen enttäuscht, weil er eigentlich mit seinen Versprechungen an der Realität scheitern muss; sei es, dass das "proeuropäische" Lager gewinnt und mehr Sparpolitik mehr Leid bringt.

Vor zwei Jahren diagnostizierten Sie, die Griechen seien von ihren Politikern wie verzogene Kinder verwöhnt worden und hätten den Realitätssinn verloren. Ist er nach zwei Jahren Schocktherapie zurückgekehrt?

Nein. Viele Griechen haben immer noch ein gebrochenes Verhältnis zur Realität. Das sitzt tief - die griechische Gesellschaft und Politik hat jahrzehntelang gutes, verantwortungsbewusstes Verhalten bestraft und schlechtes Verhalten belohnt und dem Volk bei jedem lauten Fordern immer nachgegeben. So verliert man den Kontakt zur Realität, überschätzt sich, kann die eigene Lage und die des Landes nicht korrekt erkennen. Das ist im Grunde ein Prozess ähnlich wie bei der Entstehung einer psychischen Störung.

Wie therapiert man das?

Europa hätte da beizeiten ein Gegengewicht bieten müssen zu den schlechten Gewohnheiten der griechischen Politik. Vorerst brauchen wir aber vor allem Hoffnung. Aus der Psychologie weiß ich, dass der Patient immer Hoffnung und eine Zukunftsperspektive braucht, dass es besser werden wird - sonst kann er seine eigenen Ressourcen nicht mobilisieren, um für seine eigene Therapie zu kämpfen.

Hoffnung heißt hier speziell Geld?

Nein, nicht unbedingt Geld. Es geht mehr um eine Zukunftsperspektive. Das ist das Wichtigste: dass eine glaubhafte Zukunftsstrategie sichtbar wird. Die fehlt vielen Griechen noch mehr als alles Geld.

Vor zwei Jahren schilderten Sie die griechische Jugend als "in einer Märchenwelt" lebend, in der jeder denkt, dass ihm alles zusteht, unabhängig von Leistung und Gerechtigkeit. Wo alle Wunder möglich sind und jeder alles haben und erreichen kann, wenn er nur laut genug fordert. Ist Radikalenführer Alexis Tsipras die Verkörperung dieser Generation?

Auf jeden Fall. Nicht nur verkörpert er dieses überzogene Anspruchsdenken und die Meinung, dass Unmögliches möglich ist - etwa, 100.000 staatliche Arbeitsplätze zu schaffen, ohne dass genügend Geld dafür da wäre. Über allem steht er allerdings auch für den Glauben, dass Legalität relativ ist und im Grunde etwas für Dumme. Wenn man ihn anhört, dann ist zwar Reichtum an sich schon verwerflich, und man muss die Großen zur Kasse bitten - aber wenn der Souvlaki-Verkäufer seine Waren ohne eine Rechnung verkauft, also die Steuer umgeht, dann ist das kein Problem. Die kleinen Leute dürfen mogeln, die großen mogeln sowieso - das ist die Botschaft, und es ist sicher nicht die Botschaft, die das Land braucht.