Wahlentscheid

Die Griechen entscheiden sich für klare Verhältnisse in Athen

Schicksalswahl: Sparen, wie von der EU verlangt, oder einen eigenen Weg gehen? Die Griechen tendieren zureuropäischen Sichtweise. Im täglichen Leben breitet sich derweil die Tauschwirtschaft aus. Experten befürchten sogar UnruhenSchicksalswahl Sparen, wie von der EU verlangt, oder einen eigenen Weg gehen? Die Griechen tendieren zur

- In einem Café des Athener Nobelstadtteils Kolonaki sitzen vier junge Menschen, die soeben über das Schicksal ihres Landes entschieden haben: Sie haben gewählt. Allesamt aus gutem, wohlhabendem Hause, wie es hier üblich ist. Nach getaner Bürgerpflicht entspannen sie sich bei einer Tasse Kaffee.

Manos, ein 24-jähriger "Revolutionär" ohne materielle Sorgen, hat für die kommunistische Splitterpartei Antarsya gestimmt. Dimitris, ein 28-jähriger Rockertyp, hat letztes Mal Antarsya gewählt, diesmal war er unentschlossen zwischen der neofaschistischen Goldenen Morgendämmerung und den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am Ende entschied er sich für Letztere, "weil deren Chef Kammenos ehrlich wirkt". Andreas, ein 26-Jähriger, war hin- und hergerissen zwischen der Demokratischen Linken, die, wie der Name besagt, entschieden links steht, und dem rechten Kammenos. Am Ende stimmte er für ihn. Und Niovi, eine hübsche und teuer gekleidete 22-Jährige, hat für die konservative ND gestimmt, "damit Syriza nicht an die Macht kommt".

Die Entscheidungen der jungen Leute sind nicht unbedingt repräsentativ für Griechenland, aber ihre Zerrissenheit sehr wohl. Kurz vor der Wahl hatte eine Umfrage ergeben, dass ein volles Drittel der sicheren Wähler - also jene Bürger, sie sicher wählen wollten - noch nicht wussten, für wen sie stimmen würden. Und so taten es Dimitris und Andreas auch - entschieden sich erst in der Wahlkabine und anders als bei der vergangenen Wahl vor sechs Wochen.

Fußballspieler als Wahlhelfer

Da mag sogar der Fußball im Unterbewusstsein Entscheidungen in der Wahlkabine beeinflusst haben. Am Vorabend hatte Griechenland völlig überraschend den Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft geschafft. Einer der besten Spieler im Team hieß Samaras, wie der konservative Parteichef, und die Griechen blieben in der Euro, so wie Samaras, der Politiker, das Land im Euro halten will. Oder wird der Linksradikale Alexis Tsipras das Land aus dem Dunkel der Hoffnungslosigkeit überraschend zum Sieg über das übermächtige, angeblich so geizige Deutschland führen, das die Europäer davon abhält, Griechenland mehr Geld zu geben?

Es kommt dann aber doch so, wie die Euro-Optimisten gehofft hatten. Gegen 20.30 Uhr erklärt sich die konservative Nea Dimokratia (ND) zum Wahlsieger. Und Tsipras bestätigt wenig später seine Niederlage. Da sind zwar noch nicht alle Wahlkreise ausgezählt, allerdings ist der Trend recht deutlich: Die Griechen haben Antonis Samaras und die ND zur stärksten Partei gewählt, das zeigen zumindest die offiziellen Hochrechnungen. Gemeinsam mit der sozialistischen Pasok des ehemaligen Finanzminister Evangelos Venizelos reicht es für eine pro-europäische Koalitionsregierung.

Die ND kommt demnach auf 30,2 Prozent der Stimmen, Pasok auf 12,6 Prozent. Die linksradikale Syriza des charismatischen Alexis Tzipras erreichte danach rund 26,4 Prozent. Im Parlament erhielte ND demnach 130 von 300 Sitzen, Syriza 70 und Pasok 34 Mandate. Gemeinsam hätten die Konservativen und die Sozialisten damit eine klare absolute Mehrheit. Beide Parteien sind für einen pro-europäischen Kurs.

Alles schien also klar, bis sich die Pasok-Abgeordnete Anna Ntalara zu Wort meldet und eine Rebellion in der Partei androht. Die Wahlen seien eine Katastrophe für Pasok gewesen, man habe die Wähler an Syriza verloren, sagt sie. Und folgert: "Die Wähler haben uns damit eine klare Botschaft gegeben. Ich fordere, dass Pasok nicht an einer von ND geführten Regierung teilnimmt." Das kann bedeuten, dass Parteichef Venizelos, bevor er mit Samaras regieren kann, erstmal die eigene Partei in den Griff bekommen muss, oder gar, dass Pasok-Abgeordnete zu Syriza überlaufen könnten. Also doch wieder alles offen? Vielleicht auch nicht. Venezelos jedenfalls fordert schon mal, Syriza in die neue Regierung mit einzubinden.

Am Nachmittag hat Syriza-Chef Tsipras noch am ehesten so ausgesehen, wie Sieger aussehen sollten. Selbstbewusst, strahlend, ein Mann, der von einer Woge aus dem Volk nach oben getragen wird. Als er seinen Wahlzettel abgab, kam es zu frenetischen Szenen - unzählige Reporter drängten sich um ihn, und nicht wenige schienen ihn toll zu finden: "Alexis, Alexis!" riefen sie. Weit weniger Theater gab es um ND-Chef Samaras, obwohl die meisten Umfragen und Experten ihn da schon als Wahlsieger sahen.

Von "Schicksalswahl" war die Rede und davon, dass der griechische Euro auf dem Spiel steht. Zwei Szenarien gab es:

Nummer 1: Gewinnt die ND und kann sie eine Regierung bilden, dann geht die Spar- und Reformpolitik weiter, wenn auch wohl abgeschwächt - schließlich hatte Samaras vor der Wahl einiges versprochen; dann wird weitergelitten, aber vielleicht wird das Land irgendwann gesund. So sehen es die Europäer und die bürgerlicheren Griechen.

Nummer 2: Gewinnt die linksradikale Syriza und kann sie regieren (das setzte freilich ein Wahlergebnis von 37 bis 40 Prozent voraus, was schon vor der Wahl als sehr unwahrscheinlich galt, aber die Griechen überraschen ja immer wieder), dann, so drohten die Europäer und unkten die Konservativen, wird es keine Notkredite mehr geben, und das Land wird eigenes Geld drucken müssen, um Gehälter und Renten zu zahlen. Die Linken wollten die Deutschen und die EU zwingen, weiter Geld zu geben, die Reformen stoppen und allen Griechen Arbeit geben. Wunschdenken und für Europa und die Euro-Zone das gefährlichste Szenario.

In manchen Orten sind die Wähler eifrig dabei, mit ihrer Stimme zur Rettung des Landes beizutragen. Man geht früh und zahlreich zu den Urnen, in einem Athener Wahllokal haben schon um drei Uhr nachmittags zwei Drittel der Wähler ihre Stimme abgegeben. Aber das ist nicht überall so.

Die Emotionen sind jedenfalls teilweise aufgeheizt. Vor einem Wahllokal gibt ein 22-Jähriger zwei Schüsse aus einem Jagdgewehr ab, zwei Handgranaten werden vor dem TV-Sender Skai gefunden. Vor mehreren Wahllokalen ziehen schwarz behemdete Schläger der rechtsextremen Goldenen Morgendämmerung auf. Vor sechs Wochen haben sie sieben Prozent und den Sprung ins Parlament geschafft; diesmal ist es ähnlich aus.

Aber im Großen und Ganzen ist die Stimmung an diesem Sonntag ruhig, wie bei den jungen Wählern in Kolonaki mit ihrem Kaffee: keine große Panik; keine große Furcht; keine große Hoffnung. Am Sonnabend haben sowohl Tsipras als auch Samaras vor den Kameras verkündet, der Montag nach der Wahl werde der erste Tag einer neuen Ära sein. Das glauben die wenigsten Griechen. Was immer passiert, so denken sie, es wird keine Wunder bringen, aber auch keinen Weltuntergang.