Abstimmung

Gemeinsam ins Chaos

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Boris Kálnoky

Abstimmung: Der Urnengang am Sonntag könnte erneut ohne klare Mehrheit enden. Einziger Lichtblick: In der Not halten die Griechen zusammen

- Kinderärztin Eleni Doulianaki (34) bittet um den nächsten kleinen Patienten. Das Wartezimmer ist voll, die Behandlungsräume auch. Die Ärzte hier arbeiten kostenlos - vorausgesetzt, der Patient hat weder Geld noch Krankenversicherung. Und davon gibt es viele. Lastwagenfahrer Giorgos ist einer von ihnen. Drei Kinder hat er, die Frau wieder schwanger. Den Job verlor er 2009, als die Wirtschaftskrise losbrach. Bald darauf musste die Familie ihre Wohnung aufgeben. Jetzt leben sie außerhalb Athens in einem Abrisshaus ohne Strom und Wasser. Seine sechsjährige Tochter hat Wasser in der Lunge.

"Die Leute hier sind die Einzigen, die uns helfen", sagt er. Es ist ein bemerkenswertes Projekt. 217 Ärzte und 32 Helferinnen arbeiten hier freiwillig, in kurzen Schichten, damit sie ihre eigenen Praxen weiter betreiben können. Jedenfalls die, die noch eine Praxis haben. Die staatliche Versicherung hat die Ärzte seit drei Jahren nicht mehr bezahlt. Ihre Kollegen müssten den Patienten in den normalen Praxen daher Geld abverlangen, 20 Euro pro Visite, erzählt Eleni Doulianaki. Sie selbst ist arbeitslos. Eine arbeitslose Ärztin, die arbeitslosen Griechen hilft.

Es ist ein neues Phänomen in Griechenland: Man hilft einander, selbstlos, weil die Not allgemein ist. Dieses spezielle Projekt läuft in Zusammenarbeit mit der Berliner Ärztekammer. Es gibt in Athen zudem 15 "soziale Supermärkte" für die Mittellosen, Läden stellen Körbe auf, damit wohlhabendere Kunden sie für die Armen mit Lebensmitteln füllen. Öffentliche Grünflächen werden in Gemeinschaftsacker verwandelt und kollektiv bearbeitet; Bäcker geben ihren verarmten Kunden Brot, ohne Geld zu verlangen.

"Es ist das erste Mal seit 30 Jahren, dass wir einander wieder helfen", meint Maria Firogeni, die im Wartesaal der Gemeinschaftspraxis der beherzten Ärzte geduldig darauf wartet, aufgerufen zu werden. Wenn sie aber auf die Politik zu sprechen kommt, wird sie bitter. "Am liebsten würde ich die Kommunisten wählen", sagt sie. "Aber ich werde für Tsipras stimmen, er kann wenigstens gewinnen." Und dann, so denkt sie, wird es den Verrätern an den Kragen gehen, die ihr Leben ruiniert haben, die etablierten Politiker. Maria Firogeni hatte einmal ein kleines Geschäft für Fotoapparate, dann wurden die Steuern erhöht und die Kunden blieben gleichzeitig aus. Nun hat sie nichts mehr, außer Schulden beim Finanzamt.

Alexis Tsipras: Er ist der Messias der Verlierer der Krise, die Hoffnung der Rentner und Beamten und zugleich der Feuerstrahl der Radikalen, die alles Gewesene niederbrennen wollen, um eine neue, gerechtere Welt zu schaffen. Auf seiner Abschlusskundgebung am Athener Omonia-Platz peitschte der Führer der linksradikalen Syriza-Partei Anhänger mit Parolen auf, die so klangen, als werde sein Wahlsieg den Beginn des Jüngsten Gerichts für die Reichen und die Profiteure des alten, kapitalistischen Systems einläuten. Griechenland wählt am Sonntag ein neues Parlament, nachdem die Regierungsbildung im Anschluss an die Wahl Anfang Mai gescheitert war.

Radikalität ist Trumpf

Die riesige Menschenmenge, die sich trotz gleichzeitigen EM-Spiels auf dem Omonia-Platz eingefunden hatte, feierte sich selbst und eine rosige Zukunft voller Brüderlichkeit und Arbeitsplätze, als Tsipras sie gegen "die Verräter" aufwiegelte. Die Verräter, das sind die Altparteien und die alten Eliten und die europäische Finanzwelt. Es waren außerordentlich aggressive Formulierungen, die da aus Tsipras' Mund kamen, und sie wirkten prächtig. "Sie haben das Land verraten", rief Tsipras und meinte die Chefs der Altparteien, Evangelos Venizelos (Pasok) und Antonis Samaras (Nea Dimokratia). "Sie wollen zurück an die Macht, um ihr Zerstörungswerk fortzuführen!"

Wo "Landesverräter" sind, da ist der Ruf nach Strafe nicht weit. Tsipras rief die Wähler auf, "intolerant" zu sein mit den "Memorandumsparteien", also jenen Parteien, die mit der EU zusammenarbeiten wollen. Zum Thema EU hatte er dies zu sagen: Die Griechen hätten eine lange Geschichte des Widerstands gegen fremde Aggressoren.

Ganz ähnlich klingt es, wenn dieser Tage die rechtsextreme Goldene Morgendämmerung über die "Verräter" der politischen Klasse spricht, oder über griechisches Heldentum im Kampf gegen europäische Bevormundung. Aber man ist natürlich trotzdem gegeneinander. Vor einigen Tagen ohrfeigte der Pressesprecher der Morgendämmerung zwei linke Politikerinnen, darunter eine von Syriza, öffentlich, vor laufenden Kameras in einer Talkshow.

Radikalität ist Trumpf in diesen Tagen vor der Schicksalswahl am 17. Juni. Es gibt derzeit zwei Denkschulen in Griechenland. Die eine besagt, dass die Wähler Angst haben werden vor so viel unberechenbarem Extremismus. Sie werden die rechtsextreme Morgendämmerung, die bei den letzten Wahlen am 6. Mai überraschend auf sieben Prozent kam, kräftig zurechtstutzen. Und sie werden am Ende nicht der seit dem 6. Mai meteoritenhaft aufgestiegenen Syriza den Vorzug geben, sondern auf Nummer sicher gehen und die konservative Altpartei Nea Demokratia wählen. Das sagen auch alle Meinungsumfragen - aber die letzten sind vom 1. Juni und haben kaum noch Aussagekraft. Fast alle Umfragen besagen zudem, dass niemand eine Regierungsmehrheit erreichen wird.

Die andere Denkschule meint, dass gerade die Radikalität am Ende funktionieren wird, dass die rechtsextremen Schlägertrupps, die in Athens Straßen Jagd auf Migranten machen, und der ohrfeigende Pressesprecher eher Wähler anziehen als abschrecken werden. Und dass Syriza, gerade dank ihrer Rhetorik der Rache an den Reichen und des Sieges über die bösen europäischen Großmächte, überzeugend siegen wird. Dafür sprechen anekdotische Eindrücke - die meisten Menschen, mit denen man in Athen spricht, wollen Syriza wählen. Und eine nicht veröffentlichte Umfrage sieht Syriza angeblich gar bei 40 Prozent - das würde eventuell für die absolute Mehrheit im Parlament reichen, falls wie erwartet sieben Parteien den Sprung ins Abgeordnetenhaus schaffen und nicht acht.

Die Griechen mögen Syriza wählen wollen und "Europa die Stirn bieten", aber gleichzeitig bringen sie ihr Geld in Sicherheit. Vieles deutet darauf hin, dass ein Durchmarsch der Linksradikalen auch das Ende des griechischen Euro bedeuten würde. Tsipras hat das zwar immer abgestritten mit dem Hinweis, es gebe rechtlich kein Mittel für die EU, ein Mitglied aus der Euro-Zone oder gar aus der Union zu jagen. Aber wenn keine Notkredite mehr fließen, würde eine Syriza-Regierung irgendwie die Gehälter und Renten bezahlen müssen, und dafür bräuchte sie eigenes Geld - Geld, das sie selbst drucken müsste. Es wäre eine Rückkehr zu einer eigenen griechischen Währung.

Mit Gelddrucken bezahlen

Tsipras scheint diese Realität vorwegzunehmen, als er in seiner Rede ganz nebenbei sagt: "Eine Währung sollte nicht zum Fetisch werden." Wenn es aber so kommt, dass er seine Wahlversprechen aus der Gelddruckerei bezahlen muss statt aus deutschen Krediten, dann wird sich zeigen, wofür er steht - vermutlich für die Verstaatlichung der Banken und großer Unternehmen. Für ein Volk, das Kommunismus nie erlebt hat, ist das eine Vision der Hoffnung.