Guggenheim Lab

Berlin, ein Labor

| Lesedauer: 8 Minuten
Uta Keseling

- Wie konnte man sich darüber nur so aufregen? Das fragt sich, wer dieser Tage am "Guggenheim Lab" steht, jenem schwarzen, zeltartigen Kubus, der in einem Hinterhof des "Pfefferberg" in Prenzlauer Berg leichtfüßig auf Stelzen balanciert. Derselbe Gedanke kommt einem bei einem Besuch in Kreuzberg, auf jener Brache, wo das Lab zwischenzeitlich stehen sollte. Wegen heftiger Proteste in Kreuzberg wurde es nach Prenzlauer Berg verlegt. Das Kreuzberger Gelände haben inzwischen Stadtindianer für sich entdeckt. Und ebenfalls Zelte aufgebaut. Zum Sonnenuntergang lassen sich Hochzeitspaare vor der romantischen Kulisse zwischen Tipi und Oberbaumbrücke fotografieren. Wo, also, ist die Konfrontation?

In Prenzlauer Berg deutet allein ein wachsamer Schäferhund am Guggenheim Lab darauf hin, dass vielleicht doch nicht alles so friedlich bleibt, wie es ist. Der Hund gehört dem Wachschutz. Noch sind die Drohungen nicht vergessen, die gegen das "Schicki-Micki-Lab" ausgesprochen wurden. Das Projekt der Guggenheim Stiftung in New York, fanden Kiez-Aktivisten in Kreuzberg, bereite den Boden für künftige Investoren. Sie störten sich auch am Sponsor, BMW, und gaben dem drohend Ausdruck. Der Regierende Bürgermeister schaltete sich ein, Berlins Tourismuschef sorgte sich um den Ruf der Stadt, die Polizei warnte. Schließlich wichen die Macher dem Druck. Obwohl sie ihn, wenn auch nicht in dem Ausmaß, offenbar durchaus mit einkalkuliert hatten.

Die Bedeutung eines Zeltes

Denn ursprünglich war Prenzlauer Berg der favorisierte Standort für das Lab, bis man auf die Idee kam, nach Kreuzberg zu ziehen. Vielleicht, weil die Macher dachten, das Thema Stadtentwicklung sei auf der Brache an der Spree aktueller als im durchsanierten Pfefferberg. Kreuzberg ist weltweit ein Synonym dafür, wie sich Bürger an der Stadtplanung beteiligen.

Vielleicht war es ein Fehler der Lab-Planer, dass sie bei allen Visionen einfach nicht genau genug hinschauten, was Stadtplanung im konkret Fall bedeutet. Und dass sie unterschätzten, was es heißt, ein Zelt aufzuschlagen - denn das Lab ist im Grunde nichts anderes als das, ein Gebilde aus Stoff und Gestänge, mobil und wieder verwendbar. Ein Zelt aufzuschlagen bedeutet immer auch: Landnahme.

Die Brache in Kreuzberg, wo das Guggenheim Lab stehen sollte, ist eine der letzten offenen Wunden im Kreuzberger Kampf um den schwindenden Freiraum in der Stadt. Ein Münchner Investor möchte hier Wohn- und Geschäftshäuser bauen, rundherum künden Plakate von der Wut der Anwohner auf Luxus-Neubauten und steigende Mieten.

Maria Nicanor, Kuratorin des Guggenheim Lab, räumt ein: "Die kritische Auseinandersetzung und die Tradition der Eigeninitiativen in Berlin" seien Gründe gewesen, Berlin als Standort auszuwählen. Das Lab hatte seine erste Station in New York, in sechs Wochen wird es weiterziehen nach Mumbai in Indien. "In Berlin reagiert man, stellt Fragen, diskutiert", sagt die 32-jährige Spanierin. Sie wertet den Streit letztlich positiv: Alles, worum es im Lab gehen solle, habe in diesem Sinne lange vor der Eröffnung begonnen.

Denn im Guggenheim Lab soll es genau um das gehen: Stadtplanung. Unter dem schützenden Dach des Karbon-Zeltes soll die Zukunft von Städten entwickelt werden, in Visionen, Bildern und Projekten. Eingeladen sind Stadtplaner, Architekten, Künstler aus aller Welt. Rund die Hälfte der teilnehmenden Projekte stammt aus Berlin. Die Themen reichen von solarem Kaffeerösten über explorative Fahrradtouren bis zur Diskussion um Gentrifizierung. Das Angebot klingt jedoch eher nach fröhlicher Volkshochschule als nach verbissenem Austausch politischer Positionen. Eingeladen sind alle Interessierten, der Eintritt ist frei. Zur Eröffnung wird die Kuratorin selbst einen Vortrag halten: "Making Your City - Gestalten Sie Ihre Stadt". Eine Aufforderung, der man in Kreuzberg, ganz ohne Geschrei, im Zeltlager auf der Brache längst fleißig nachkommt.

Das Lab wäre auch die Gelegenheit für die Gegner, sich an den Diskussionen zu beteiligen. In New York habe man mit Kritikern zusammengearbeitet, sagt Nicanor. In Berlin seien manche Reaktionen überzogen gewesen, "aber auch hier haben wir Gespräche mit den Kritikern geführt". Doch ob die Kritiker kommen, und wenn ja, ob es ein friedliches Erscheinen sein wird, ist ungewiss. Zur Eröffnung kündigt die Polizei an, sie sei "vorbereitet".

Die Anwohner vom Teutoburger Platz hinterm Pfefferberg planen friedlichen Protest. Sie haben Flugblätter verteilt: "Wir machen unsere Nachbarschaft selber!". Seit Jahren seien sie bei der Gestaltung des Platzes selbst aktiv, dazu bräuchten sie kein "Schicki-Micki-Lab". Am Sonnabend soll eine konstruktive Anti-Veranstaltung stattfinden, mit Mieterberatung, Schokokuss-Wurfmaschine und dem kritischen Film über die Familie Quandt, die hinter dem BMW-Konzern steht. Gelassener sehen das Lab Künstler wie Dida Zende, der um die Ecke vom Pfefferberg eine alte DDR-Tankstelle zur "sozialen Plastik" umgestaltet hat - ein buntes Kunstwerk als Treffpunkt. Er sagt: "Im Grunde mache ich etwas ganz Ähnliches wie das Guggenheim Lab."

Direkte Nachbarn des Kubus freuen sich einfach auf interessiertes Publikum. "Aus unserer Sicht hätte es die Auseinandersetzung in Kreuzberg nicht gebraucht", sagt Ulla Giesler, Vize-Direktorin der Architektur-Galerie Aedes. Die Galerie hat das Guggenheim Lab beratend begleitet, sie zeigt Entwürfe des Architekten-Ateliers "Bow-Wow" aus Tokio, das das Guggenheim Lab gestaltete. Das Thema Gentrifizierung, die Verdrängung im Viertel, sieht Giesler als notwendigen Bestandteil der Lab-Diskussion. Letztlich sei auch der Pfefferberg ein Beispiel dafür.

Nach der Wende sollte hier ein soziokulturelles Zentrum entstehen, die schöne Idee scheiterte am Geld. Heute arbeitet hier Olaffur Eliasson an seinen ebenso raumgreifenden wie weltbekannten Installationen. Galerien wie MeinBlau ziehen internationale Kundschaft an. Die Gebrüder Woesner errichten ein Theater, Architekten aus Hongkong planen Ateliers in den Brauerei-Kellern.

Eine ganz ähnliche Vision

"Das alles ist mir tausendmal lieber als eine Ruine", sagt Jens-Holger Kirchner, der zuständige Stadtrat für Stadtentwicklung in Pankow. Kirchner lebt seit den 70er-Jahren in Prenzlauer Berg. Er könnte viel darüber erzählen, wie Stadtplanung funktioniert, wie sie erstritten wird und manchmal grandios scheitert. Doch er ist zum Guggenheim Lab nicht eingeladen. Kommen werde er trotzdem, sagt er. "Allein schon aus Neugier. Anregungen zur Stadtplanung nehmen wir gerne auf."

Auf der Kreuzberger Wiese haben unterdessen Menschen ihre Zelte aufgeschlagen, die eigentlich etwas Ähnliches bewegt wie die Visionäre des Guggenheim Lab: Der Traum vom menschwürdigen Leben in der Stadt. Ein junges Paar mit Kleinkind pflanzt rote Rosen in die Wiese, als Hochzeitsgeschenk für Bruder und Schwägerin, die in einer Mietwohnung ohne Garten leben. Michael aus Franken ist Wanderschäfer und der Arbeit wegen in Berlin. Er ist es gewohnt, draußen zu schlafen. Im Tipi wohnt "Flieger", ein graubezopfter Künstler, der sagt, er brauche im Sommer freie Natur statt der eigenen vier Wände. Und dann sind da Aaron (26) und Sera (24), zurzeit auf Europa-Reise. Die beiden stammen aus den USA - genau wie das Guggenheim Lab. Sie werden nach ihrer Rückkehr eine unglaubliche Geschichte zu erzählen haben: Wie sie zu Pionieren wurden, mitten in Berlin, auf der berühmten Brache. "Eine fantastische Entdeckung, nicht zuletzt wegen der Menschen. Dieser Ort sollte genau so erhalten bleiben, wie er ist."