Bildung

Die Exzellenz von morgen

Wettbewerb: Freitag wird entschieden, welche Hochschulen durch die Forschungsinitiative des Bundes gefördert werden. Berlin hofft auf acht Projekte

- Spannung, Jubel, Trauer. Die schwarz-rot-goldene Masse vor den Großbildleinwänden ist voll von Emotion. Aber was passiert in den Menschen in Momenten höchster Erregung? Lassen sich die Wallungen messen? Identifizieren sich die Deutschen auf einmal anders mit Fahnen und nationalen Symbolen? Schließen die Zuschauenden andere eher aus, als Folge der Fußballeuphorie?

Solche derzeit populären Fragen sind auch Themen herausragender Wissenschaft. "Wir Soziologen können dem Phänomen, wie sich Symbole emotional aufladen, durch Befragungen nachgehen", sagt der junge Professor Christian von Scheve. Doch was in emotionalen Momenten auf körperlicher Ebene passiert, können die Sozialwissenschaftler nicht erklären. Deswegen haben sich die Vertreter von Scheves Zunft mit Psychologen, Neurowissenschaftlern, Linguisten und auch Kunstforschern zusammengetan. "So etwas Komplexes wie Emotionen kann nur auf vielen Ebenen untersucht werden", sagt der Juniorprofessor.

Languages of Emotion heißt das interdisziplinäre Forschungslabor in der Silberlaube an der Freien Universität Berlin. Die Wissenschaftler bilden damit einen der "Exzellenzcluster", die mit viel Geld aus der sogenannten Exzellenzinitiative des Bundes gefördert werden. Mit dabei ist beispielsweise auch der Psychologe Stefan Schulreich, der die neurowissenschaftliche Expertise beisteuert: "Wir können einen Blick ins Gehirn werfen, unter anderem mit einem Magnetresonanzscanner." Am Freitagnachmittag werden Scheve, Schulreich und ihre Kollegen wissen, ob sie ihre Arbeit fortsetzen können. Dann entscheidet der Bewilligungsausschuss - bestehend aus Mitgliedern der Gemeinsamen Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den für Wissenschaft zuständigen Ministern von Bund und Ländern - in Bonn über die dritte Runde des Elitewettbewerbs der Hochschulen. Es geht um 2,7 Milliarden Euro Fördermittel vom Bund bis 2017.

Begehrter Status "Elite-Universität"

Berlins Universitäten liegen bisher im wahrsten Sinne des Wortes exzellent im Rennen, von den 22 Antragsskizzen sind nach der Vorauswahl der Jury noch acht dabei. In keinem anderen Bundesland sind im Verhältnis mehr Skizzen durchgekommen. Nach diesen Maßstäben hat sich Berlin zur Wissenschaftsstadt Nummer eins in Deutschland entwickelt.

Unter den acht Berliner Projekten sind einige wie das Languages of Emotion der FU, die weiter gefördert werden möchten, aber auch bisher außer Acht gelassene. So hofft die Humboldt-Universität, diesmal mit ihrem Zukunftskonzept berücksichtigt zu werden und ebenfalls den begehrten Status "Eliteuniversität" zu erhalten. HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz wäre am Freitag sicher auch ein spannendes Forschungsobjekt, angesichts der Emotionen, die ihn bei der Entscheidung begleiten werden. Noch habe er "keine Hinweise", wie das Rennen ausgehen wird, so Olbertz. Er sei zwar optimistisch, aber er wisse nicht, was die anderen Hochschulen eingereicht hätten.

FU-Präsident Peter-André Alt hofft natürlich ebenfalls. Es sei durchaus sinnvoll, schon existierende Exzellenzprojekte auch weiter zu finanzieren, sagt er, fünf Jahre seien für solche Vorhaben nicht viel. Man brauche allein ein Jahr für den Aufbau des Teams, dann habe man zweieinhalb Jahre für die Forschung, um anderthalb Jahre an dem nächsten Förderantrag zu arbeiten. Die betroffenen Wissenschaftler bestätigen die Worte des Präsidenten. Es dauere eben seine Zeit, ehe die verschiedenen Spezialisten eine gemeinsame Ebene finden, heißt es. Immerhin arbeiten im Emotionen-Cluster 200 Wissenschaftler aus 25 Disziplinen, Kooperationspartner sind neben der Charité auch HU und TU Berlin, die Uni Potsdam und drei Max-Planck-Institute. "Wir stehen erst jetzt kurz davor, die ersten Ergebnisse zu veröffentlichen", sagt Emotionsforscher Scheves. So brauchen die renommierten Fachzeitschriften fast ein Jahr, ehe sie ein eingerechtes Paper geprüft hätten und drucken.

Natürlich könnte auch jeder der Forscher alleine weiterarbeiten. Aber sie brauchen die räumliche Nähe, den Plausch in den roten Sofas der Lounge und auf den Fluren. "Man läuft sich in der Küche über den Weg, macht ein wenig Small Talk mit den Kollegen und entwickelt daraus eine Idee", beschreibt Juniorprofessor Scheves den Weg, wie auch in Zeiten von Internet und Skype viele Projekte in einem Exzellenzcluster geboren werden. Und es geht ja nicht nur um Fußball. Scheves erforscht zum Beispiel auch Emotionen in Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise. Angst ist das Stichwort.

Ein anderer Typus Wissenschaftler

Die Konkurrenz unter den Berliner Unis ist übrigens zurückhaltend - die Uni-Präsidenten sind sich einig, dass nichts dagegenspreche, künftig zwei Eliteuniversitäten in der Hauptstadt zu haben. "Berlin ist stark", sagt FU-Präsident Alt. Es gebe ein riesiges Potenzial bei der Zusammenarbeit mit anderen außeruniversitären Forschern, das lange nicht genutzt worden sei. Früher hätten Hochschulen und andere Institute "Parallelwelten" gebildet. Inzwischen werden Professoren gemeinsam berufen. Überhaupt macht sich mittlerweile ein anderer Typus Wissenschaftler auf den Lehrstühlen breit. Gefragt sind Teamplayer, die einzelne Koryphäe im Elfenbeinturm ist ein Auslaufmodell. Und das nicht nur an der FU, die ihr bisher gefördertes Konzept der Internationalen Netzwerkuniversität in der nächsten Förderperiode durch einen stärkeren Fokus auf regionale Kooperationen ergänzen will.

International geht es auch an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies der FU zu, die ebenfalls durch Exzellenzinitiative gefördert wird. In der Villa an der Altensteinstraße 48 lebte zwischen 1929 und 1944 Otto Hahn, der die Kernspaltung entdeckte. Heute erforschen hier junge Leute die sozialen Veränderungen in Saudi-Arabien im 21. Jahrhundert, die Selbstwahrnehmung junger Muslimas in Kampfsportarten oder das politische Selbstverständnis von Deutschen, die zum Islam konvertiert sind. 15 Studienabsolventen verschiedener Disziplinen nimmt Direktorin Gudrun Krämer pro Jahrgang auf. Die ersten der bisher 49 Doktoranden sind bereits verabschiedet.

Nilden Vardar bastelt gerade an ihrer Promotion, Konvertiten sind ihr Thema. Unterstützt wird sie von einer "Peer-Group" bestehend aus anderen Doktoranden. "Es ist gut, die unterschiedlichen Betreuer und die Kenntnisse aus anderen Fächern in Reichweite zu haben", sagt Nilden Vardar. Sie brauche den Austausch, denn der Politologin geht es nicht nur um politische, sondern auch um religionswissenschaftliche, islamwissenschaftliche und juristische Aspekte. Die Doktoranden, zu 60 Prozent promovieren hier Frauen, sind sich des Privilegs dieser exzellenten Doktorenschmiede durchaus bewusst. "Wir genießen es, hier zu promovieren", sagen sie. Das sei viel besser, als alleine vor sich hin zu schreiben.

Wenn der Antrag auf Fortsetzung der Finanzhilfe am Freitag scheitern sollte, wäre das für die Direktorin Krämer ein herber Schlag. Auch wenn die Doktoranden natürlich weiter betreut würden und die Uni im Falle des Falles Ersatzförderung zugesagt habe. Aber sie würde weiter die Vision verfolgen, eine multidisziplinär, global angelegte Doktorandenausbildung anzubieten, so Krämer. "Wir haben die Erfahrung, dass es geht."

Präsident Peter-André Alt verweist auf die positive Entwicklung der FU insgesamt, die mit dem Erfolg bei der Exzellenzinitiative unterstützt worden sei. Seine Hochschule sei "deutlich internationaler" geworden, sagt Alt. Zu jedem Euro aus der Exzellenzinitiative habe die FU drei Euro aus zusätzlichen Quellen eingeworben. Das sei Spitze in Deutschland. Die Studenten profitierten von dem verbesserten "akademischen Milieu", weil internationale Spitzenkräfte ihrer Disziplinen bei Workshops, Festvorträgen oder Summer-Schools präsent seien.

Bei allem Optimismus machen sich die Berliner Wissenschaftsmanager Gedanken, was geschieht, wenn sie nicht durchkommen mit allen Anträgen. Im Zweifel müsse man auch ein Projekt abbrechen, sagt Alt. Zumal es denkbar sei, dass die Jury angesichts der Fülle guter Anträge die Fördersumme pro Projekt herunterfahren werde. Das sei für die FU leichter zu verschmerzen als für andere, weil deren zumeist geistes- oder sozialwissenschaftliche Vorhaben nicht von vorneherein so hohe Laborkosten verursachten wie so mancher naturwissenschaftliche Cluster.

Für HU-Präsident Olbertz wäre ein Scheitern des Zukunftskonzepts zwar keine "Schicksalsfrage", für die Universität wäre es jedoch schon mit "gravierenden Problemen" verbunden. Würde man durchkommen, hätte die Uni einen "wesentlich größeren Handlungsspielraum beim Aufbau der integrierten Forschungsinstitute, beim Ausbau der Campi und in der Nachwuchsförderung", sagt der HU-Präsident. Am Zukunftskonzept werde die HU aber auch ohne Elitestatus festhalten. "Es würde aber die Dinge erheblich verlangsamen."