Serie

Der Herr der Flieger

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Hartmut Mehdorn, Chef von Air Berlin

Hartmut Mehdorn geht gern spazieren, aber nicht mit jedem. Mit seiner Frau dreht der 69 Jahre alte Chef von Air Berlin abends gern eine Runde durch den Berliner Tiergarten. "Wenn ich von der Arbeit komme, ist dies das Beste, um abzuschalten", sagt Mehdorn. Aber es ist nicht abends, sondern zwölf Uhr mittags, und wir sind nicht seine Frau, sondern die Berliner Morgenpost. Daher sitzen wir in Mehdorns Büro am Besprechungstisch.

Eigentlich sollte er jetzt durch das Terminal des neuen Flughafens BER laufen und sich über die neuen Strecken der Air Berlin freuen. Doch die Eröffnung des Flughafens wurde kurzfristig auf März 2013 verschoben. Kaum einer hat sich darüber öffentlich so sehr geärgert wie Hartmut Mehdorn. Die Entscheidung füge Berlin als Flughafen-Drehkreuz einen "kaum mehr reparablen und deshalb unerträglichen Image-Schaden zu", sagte er. An den alten Flughafen Schönefeld auszuweichen kam für ihn nicht infrage. Dort begrüße einen bis heute ein Stück DDR. Nun muss seine Airline die zusätzlichen Passagiere in Tegel abfertigen, wo es schon vor Jahren zu eng geworden ist. Das freut ihn überhaupt nicht.

Hartmut Mehdorn war immer ein Herr der Bewegung. Er war Geschäftsführer bei der Deutschen Airbus, Vorstand bei der Deutschen Aerospace und leitete zehn Jahre lang die Deutsche Bahn. Bei jedem anderen 69-Jährigen würde es kitschig klingen, aber angesichts seiner Berufsgeschichte kann man über Mehdorn sagen: Stillstehen scheint ihm verhasst. Deshalb hat er auch zugesagt, als man ihn Ende vergangenen Jahres aus dem Ruhestand zurückholte. Sein Traum sei das nicht gewesen, sagt er, der das Fliegen so sehr liebt. Aber er war damals im Aufsichtsrat der Air Berlin. Um das Unternehmen stand es schlecht. Da wollte er es wohl noch einmal wissen.

Als Junge hat Hartmut Mehdorn Flugzeuge aus Pappe zusammengeklebt. Später fuhr er mit Freunden im VW Bully von Berlin durch die damalige DDR nach Braunschweig. Dort fing er als Helfer auf dem Segelflugplatz an. Er ließ die Flieger nach oben steigen, holte das Seil ein, schmierte die Winde, schob die Flugzeuge aus dem Hangar. Abends machten sie ein Lagerfeuer und schliefen in Stockbetten. Heute ist Hartmut Mehdorn Chef einer Airline. Vielleicht war das einer der Träume, die besser nie wahr geworden wären.

Denn Air Berlin muss Hartmut Mehdorn aus einem Zahlendesaster befreien. Es sollte nur ein kurzes Intermezzo werden. Doch Mehdorn selbst gab vor Kurzem bereits zu, dass er wohl bis 2013 Chef der Fluglinie bleiben werde. Ob sein Werk dann schon vollbracht sein wird, ist angesichts einer Nettoverschuldung von 813 Millionen Euro allerdings zweifelhaft. Mehdorn selbst will sich dazu nicht konkret äußern. "Man soll niemals nie sagen. Das Board von Air Berlin hat mich gebeten, die Firma bis Ende 2013 zu führen."

Fast 1,5 Millionen Umbuchungen

Damals ahnte er nicht, dass ihm der geplatzte Start des BER einen Strich durch seine eng kalkulierte Rechnung machen würde. "Natürlich scheitern Projekte immer wieder", sagt Mehdorn. "Aber doch nicht drei Wochen vor Eröffnung. Uns hat vor allem geärgert, dass es so kurzfristig kam." An ihm wird es daher auch hängen bleiben, den vielleicht schwierigsten Kampf mit der Flughafengesellschaft auszufechten. Denn Hartmut Mehdorn wird nicht hinnehmen, dass seine Airline auf dem Schaden sitzen bleibt. "Wir führen penibel Buch über die zusätzlichen Kosten und werden sie dem Flughafen in Rechnung stellen, wenn die gesamte Summe feststeht." Das sei bei fast 1,5 Millionen Umbuchungen noch recht einfach. "Schwieriger zu beziffern ist der immaterielle Schaden", sagt Mehdorn.

Da sich Hartmut Mehdorn ja partout nicht für einen Spaziergang mit uns hinaus bewegen will, starten wir zu einer virtuellen Tour durch die Flugziele von Air Berlin. Es geht los bei ihm zu Hause. Was packt er ein? Hat er dabei ein Ritual? Braucht er ein Nackenkissen? Nein, alles falsch. Bei Reisen kennt Hartmut Mehdorn sich aus. Da ist er Profi, gibt sich abgeklärt. "Wo es hingeht, weiß ich meist nur kurz vorher", sagt er. Das Einzige, was ihm da wichtig sei, ist ein gutes Buch. Kein iPad, sondern ein Buch. Das muss man fast noch mal betonen.

Nun ist Hartmut Mehdorn allerdings auch jemand, der in der E-Mail-Kultur einen Untergang der Umgangsformen wittert. "Es werden viel zu viele E-Mails geschrieben", sagt er. "Wenn jemand auf demselben Stockwerk fünf Türen neben mir sitzt, soll er mir doch keine E-Mail schreiben, sondern vorbeikommen. Keine E-Mail kann das persönliche Gespräch ersetzen."

So einer nimmt natürlich ein Buch mit - irgendwie sympathisch. Weil sich hier ein Manager mal nicht anpasst. Weil er nicht sagt, dass wir uns jetzt alle multimedial und sozial vernetzen müssen, weil wir sonst verpassen, was der Mainstream gerade an seine Follower hinaus-twittert.

In dem Buch, das Mehdorn gerade liest, geht es um eine Schlacht der alten Römer. Irgendein General kämpft gegen ein aufständisches Volk. "Es ist ein Roman, kein Geschichtsbuch", sagt Mehdorn. Langfristig gesehen und im Nachhinein betrachtet ein aussichtsloser Kampf. Denn am Ende wird das ganze Imperium ohnehin plattgemacht. Aber vorher kann man ja noch mal siegen.

Bei unserer virtuellen Tour sind wir in Tegel angekommen. Air Berlin wollte zeitgleich zum geplanten Start des BER am 3. Juni Berlin als Drehkreuz ausbauen. In sechs Wellen sollen da 40, 50 Flugzeuge pro Tag landen und innerhalb einer Stunde wieder starten. Nur gibt es in Tegel dafür eigentlich keinen Platz. Der Flughafen ist schon vor Jahren zu klein geworden. Air Berlin hat daher 40 zusätzliche Mitarbeiter bereitgestellt, um die Fluggäste zu betreuen. "Die ersten Tage liefen erstaunlich gut", sagt Mehdorn. "Doch spannend wird es, wenn die Ferienzeit beginnt." Er will jetzt nach vorne schauen. "Jammern und schreien hilft nichts", sagt Mehdorn.

Im Flugzeug hat er selbst als Airline-Boss keinen reservierten Sitz. Er setzt sich hin, wo ein Platz frei ist. Und das sei "meistens sowieso in der Economy", so Mehdorn. Dann schläft er in aller Regel noch vor dem Start ein, trinkt keinen Alkohol an Bord, sondern stilles Wasser und entscheidet sich für das Hühnchen anstelle der Pasta.

Beim Sparprogramm, das auf Wunsch des Pressesprechers Effizienzsteigerungsprogramm genannt werden soll, hätten sie "gute Fortschritte gemacht", so Mehdorn. Hier sei jeder gefragt, von der Assistentin bis zum Piloten. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Mehdorn hat 55 Schwachstellen benannt und die Mitarbeiter dazu verdonnert, sich Verbesserungen zu überlegen. Das können ganz simple sein: Wie spare ich Papier? Bis hin zu: Wie spare ich Treibstoff beim Fliegen? Letzteres will man lieber gar nicht so genau wissen. Dann gibt es ein Ampelsystem. Läuft das Projekt rund, schaltet die Ampel auf Grün. Gibt es Schwierigkeiten, leuchtet es Gelb. "Bei Rot sitzt der oder die Betreffende bei mir hier am Tisch", sagt Mehdorn. Und haut mit der Faust auf eben diesen Tisch, um dem noch mal Nachdruck zu verleihen. Das kann keiner missverstehen.

Wie es überhaupt schwierig ist, Hartmut Mehdorn misszuverstehen. Er spricht nicht von Performance, sondern von "Lob und Tadel". Phrasen dreschen liegt ihm nicht. Lieber zeigt er klare Kante. Das wird gleich deutlich bei der nächsten Station des virtuellen Spaziergangs auf Sylt. Im vergangenen Jahr war Hartmut Mehdorn das letzte Mal dort, wohnte in einem Hotel an der Nordspitze, dem Ellbogen, hat Krabbenbrötchen gegessen und unzählige Tassen Tee getrunken. Mit Milch oder Honig? Hartmut Mehdorn lacht kurz, wie um zu sagen: alberne Frage.

Laut sagt er dann scherzhaft: "Rum." Spätestens da dämmert einem, dass man es hier noch mit einem Manager zu tun hat, der sagt, was er meint. Der nicht lange oder vielleicht sogar gar nicht überlegt, wie etwas ankommt. Der einen Betrieb retten muss, den sein Vorgänger zwar in die Weltliga geschossen, aber nicht darauf vorbereitet hat. Und das in einem wirtschaftlichen Umfeld, das ein Scheitern wahrscheinlicher macht als Siegen. Denn der Kerosinpreis steigt, die europäischen Nachbarn fürchten eine Rezession, und die Fluggesellschaften unterbieten sich gegenseitig mit ihren Ticketpreisen.

In solch einer Situation redet man nicht lange um die Sache herum. Das macht man dann generell nicht. Da sagt man auch mal deutlich, dass einem von den spanischen Tapas - wir sind bei unserem Spaziergang mittlerweile auf Mallorca angekommen - in Wahrheit nur die Hälfte schmeckt. "Die Oliven, der Schinken und noch ein paar Tapas mehr", sagt Hartmut Mehdorn. Aber nicht alles, was da auf den kleinen runden Tellern gebracht wird. Sehr gern hat er hier auf Mallorca den Hafen Andratx, der auf der Westseite der Insel liegt. Aber so richtig begeistert hat ihn bis jetzt noch keine unserer Stationen. Das ändert sich in New York. Hier hätte er "gern mal gelebt", sagt Hartmut Mehdorn. In New York, der Stadt der Wolkenkratzer, will Hartmut Mehdorn nicht von oben auf das Getümmel unter ihm herabblicken. Keine noch so hohe Dachterrasse ersetzt ihm den Spaß, den er unten auf der Straße inmitten der Menschen hat. Die 5th Avenue, Chinatown. Hier fühlt er sich wohl. Hier isst er gern einmal ein Steak.

Spätestens seit Woody Allens Film "Der Stadtneurotiker" wissen auch Europäer, dass man New York nur lieben kann, wenn man Los Angeles hasst. Hartmut Mehdorn hat derlei Dünkel nicht. Er mag New York, er mag Los Angeles. "Am Strand von Los Angeles sieht es aus, als würde die Sonne ins Meer fallen", sagt Hartmut Mehdorn. "So was sieht man nicht oft, denn meist ist sie von einer Häuserwand verdeckt." Schon oft hat er beobachtet, wie die Gäste in den Strandrestaurants dann jubeln. Das gefällt ihm.

Steak, Musik und Sonnenuntergang

Er selbst hat bis heute nicht verlernt, sich zu freuen. Nicht nur an den großen Dingen, sondern an den kleinen. Dem guten Steak, der schönen Musik und dem Sonnenuntergang. Als kleiner Junge, das war irgendwann in den 50er-Jahren, las er in der Zeitung, dass eine Caravelle in Tegel landen würde. Dies war das erste serienmäßig hergestellte Flugzeug. Mit dem Fahrrad fuhr er an den Flughafen und sah durch den Zaun zu, wie das Flugzeug auf der Landebahn heranrauschte und zwei Stunden später wieder verschwand. "Ich erinnere mich noch, was für einen Riesen-Lärm die ersten Jets gemacht haben", sagt Mehdorn. Er könnte das jetzt gut erzählen, weil er Chef einer Airline ist und Journalisten solche Geschichten gerne hören. Aber irgendwie glaubt man ihm, dass er die Geschichte ernst meint. Weil er die Freude und die Aufregung, die er damals empfand, noch heute in sich spürt. Und weil er sich nicht schämt, sie auch zu zeigen.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich Hartmut Mehdorn den ganzen Aufwand mit Air Berlin noch antut. Weshalb er jeden Tag den Kampf gegen das Minus aufnimmt. Dabei hat er erste Erfolge vorzuweisen. Seit Dezember vergangenen Jahres hält die Airline Etihad aus dem Emirat Abu Dhabi rund 30 Prozent der Aktien von Air Berlin. Damit hat er einen starken Investor gewonnen. Denn den Arabern ist es vereinfacht gesagt egal, in welche Richtung der Ölpreis geht. Fällt er, freuen sie sich über den niedrigen Kerosinpreis für Etihad. Steigt er, ist es ihnen auch egal. Da sie selbst auf beträchtlichen Ölquellen sitzen, profitieren sie davon.

Abu Dhabi ist das letzte Ziel auf dem Spaziergang. Hartmut Mehdorn hält sich dort anders als so viele Geschäftsreisende nicht nur in klimatisierten Räumen auf, sondern schaut sich das Land an. Er schlendert gern die Promenade am Meer entlang. "Die ist schöner als die Corniche in Nizza", sagt Mehdorn. "Sie hat Weite und mehr Platz." Doch am liebsten ist der Mann, der die lauten Flugzeuge in den Himmel steigen lässt, in der Wüste. "Wenn Sie in der Wüste ganz still stehen und sich nicht bewegen, hören Sie nichts", sagt er. "Einfach nichts. Ich weiß nicht, ob Ihnen das was sagt, einfach mal nichts zu hören." Es gebe dort kein Geräusch, sagt er. Keine Grille und keine Fliege, denn der Sand schluckt jeden Laut. "So eine Stille wie in der Wüste erlebt man sonst nirgends auf der Welt", sagt er. Und das findet Hartmut Mehdorn "atemberaubend schön."