Serie

Der Serientäter

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Sebastian Fitzek, Krimiautor

Kurz bevor ich mit Sebastian Fitzek über Missbrauch, große Liebe und den Tod eines Freundes rede, bekomme ich einen Riesenschreck. Ich stehe an der letzten Ampel vor Schwanenwerder, sie schaltet auf Rot - und ich denke noch einmal über Fitzeks Roman "Der Augenjäger" nach. Da vergewaltigt ein Serienmörder angekettete Frauen, nachdem er ihnen die Augenlider abgeschnitten hat. Die Opfer sind so traumatisiert, dass sie sich alle umbringen. Warum nur, um Himmels willen, denkt sich jemand so etwas aus? Was ist los mit Fitzek?

Plötzlich klopft jemand an die Scheibe des Autos, ich zucke zusammen. Das Gesicht der vielleicht 70 Jahre alten, stark geschminkten Dame ist grotesk nahe am Scheibenglas. Ich schüttele den Kopf, um wacher zu werden und die Thriller-Gedanken loszuwerden. Die Frau fragt auf Englisch nach dem Weg, die Ampel wird Grün und die Fahrt zum Augenschneider-Autor geht weiter.

Genau wie in diesem Anfangstext macht es Sebastian Fitzek in seinen Büchern. Zuerst ein Schreck, seltsame Personen treten auf, bei denen man zunächst nie weiß, ob sie Gutes oder Böses vorhaben. Wenn sich das bei einer der Personen ändert, heißt das Loyality-Switch. Aus Böse wird gut, wie bei der Dame an der Ampel. Oder umgekehrt, wie oft bei Sebastian Fitzek.

Doch bis man wirklich weiß, was gespielt wird, müssen viele Seiten umgeblättert werden. Und Fitzek treibt mit Spannungstricks die Leute dazu, es sofort zu tun. Mit seinen sieben Thrillern hat es der "Zehn-und-Deißigjährige", wie er sich beschreibt, in sechs Jahren zum Bestsellerautor geschafft. Rund 3,5 Millionen Menschen haben seine Bücher im Schrank, in Deutschland, in Frankreich, auch in England und den USA, wo der Markt eigentlich von Stephen King und Dan Brown beherrscht wird. Im Herbst kommt sein achtes Buch heraus, das er mit dem Rechtsmediziner Michael Tsokos geschrieben hat. Bald läuft seine erste Verfilmung im Kino: "Das Kind".

Bei dem Spaziergang mit Sebastian Fitzek will ich lernen, wo seine Ideen herkommen, warum er Menschen in seinen Büchern so quälen muss. Warum endet zum Beispiel das 64. Kapitel im "Augenjäger" mit einem so furchtbar brutalen Satz: "Das Nächste, was Alina spürte, war das Brotmesser in ihrem Unterleib"?

Sebastian Fitzek, der sich diese Brotmesser-Szene ausgedacht hat, steht an der Reling der Brücke zur Insel Schwanenwerder. Es ist windig hier draußen am Wannsee, er trägt keine Jacke, war bis eben noch in seinem Büro, hat ein Kapitel recherchiert. Sein Schnupfen ist ein Heuschnupfen, aber es geht schon, der Wind hilft. Sein breites Lächeln ist ganz unangestrengt, manchmal ganz grundlos in Richtung Wasser gerichtet. Wir sprechen zunächst nicht über Mord und Folter, sondern über eine Liebesgeschichte.

Er sagt, dass er den Film "Titanic" oft gesehen und viel darüber nachgedacht habe. "Alle großen Geschichten erzählen die Reise eines Helden", sagt er. Es könne eine echte Reise sein oder eine, die nur im Kopf stattfindet. In "Titanic" seien es drei auf einmal: Die Reise des Mädchens Rose, das sich von den Zwängen der Oberschicht befreit, des Jungen Jack, der für seine Liebe stirbt - und die der alten Dame Rose, die noch einmal auf dem Meeresgrund ihrem Liebsten nah sein will. "Ich bin ja der Meinung", sagt er, "sie stirbt in dem Moment, als sie ihre große Liebe wiedertrifft."

Das Trauma der Insel

Sebastian Fitzek versteht es, mir selbst im Nacherzählen einer sehr bekannten Geschichte aus Hollywood einen Schauer über den Rücken zu jagen. Klar, er hat lange beim Radio gearbeitet, weiß, wie man Geschichten erzählt. Er war mit Mitte 20 schon Chefredakteur bei 104,6 RTL, hat nebenbei noch in Jura promoviert. Er arbeitet noch immer rund zwei Tage in der Woche beim Radio. "Die Arbeit ist mein Anker in der Realität", sagt er. "Geschichten passieren nicht am Schreibtisch oder auf Lesereisen." Inspiriert werde er durch Begegnungen mit Menschen.

Wir gehen jetzt auf unsere eigene Reise, auf die Insel Schwanenwerder. Es ist ein Ort mit vielen Gegensätzen, idyllisch, aber mit einer Geschichte, die vom Tod zweier Jungen handelt. Der Zwölf- und der 15-Jährige wurden hier im Jugendcamp bei einem Unwetter von einem Baum erschlagen. Am 10. Juli ist das genau zehn Jahre her. Fitzek weiß von diesem Trauma der Insel, auch wenn in seiner Erinnerung sieben Kinder gestorben sind. Er kommt aus der Welt der Serienmörder.

Als wir loslaufen, sagt Sebastian Fitzek, dass zwei seiner Romane hier spielen. Neben dem "Augenjäger" auch sein erster Roman "Die Therapie". Diese Insel habe ihn inspiriert, als er Anfang der 90er-Jahre mit seinem gelben Käfer durch Berlin fuhr, um abzuschalten. Man sei noch in der Stadt, aber glaube es beinahe nicht. "Ich bin damals einmal über einen Zaun geklettert, um mir eines der Häuser genauer anzuschauen", sagt er.

Ich kann mir ihn dabei ganz gut vorstellen. Er, der Jugendliche, auf der Suche nach Geschichten. Ein Mann vom Sicherheitsdienst habe ihn damals erwischt, aber Fitzek hat mit ihm gesprochen, bis der ihm noch ein Grundstück gezeigt hat. Es stand zum Verkauf. Er hatte überlegt, wie das sei, hier zu wohnen, am Wasser. Aber er konnte schon damals diesen morbiden Charme der Insel nicht ignorieren. Außerdem wollte er nicht weg aus Eichkamp, wo er aufgewachsen ist und noch immer wohnt.

Berlin spielt deshalb auch eine Hauptrolle in seinen Romanen: Teufelsberg, Mitte, Kreuzberg. Er mag die Geschichten, die hier passieren, die Menschen, die sie erleben. Wie die Frau, die vor dem Supermarkt bei ihm um die Ecke ihr Hausschwein anleint, oder die Eltern, die mit ihrem Sohn zusammen einen Swingerklub aufmachen. Diese Familie mochte er so sehr, dass er sie in seinen Roman mit aufgenommen hat. Das mache er manchmal mit Menschen, die ihm besonders auffallen, sagt er.

Wir sind jetzt mitten auf der Insel angekommen. Hier steht auch das Haus, das er sich für die Hauptfigur seines Romans "Die Therapie" gedacht hat. Ein Mann, der hier um seine Tochter trauert. Zumindest könnte es so ausgesehen haben, zwei Stockwerke, schwerer dunkler Stein, daneben eine verfallene Garage, die so gar nicht zu dem herrschaftlichen Haus passen will. An der Türklingel stehen nur Initiale: "K.B." und "P.B.".

Sebastian Fitzek sagt, dass genau das Schwanenwerder für ihn ausmache. "Das ist eben nicht Beverly Hills hier, Schwanenwerder liegt auch brach." Gegenüber von seinem Büro zum Beispiel steht auch so eine Villa. "Aber genutzt wird sie nur eine Woche im Jahr." Die Bewohnerin ist eine alte Dame. Sie war die Geliebte des Architekten. Seine Kinder würden es gern verkaufen, aber die Dame hat lebenslanges Wohnrecht. Angestellte kümmern sich das ganze Jahr über um das Haus. Wieder so eine Geschichte, die er vielleicht mal benutzen könnte.

An diesem Nachmittag kann man sich solch eine Geschichte auch gut für Schwanenwerder vorstellen. Hier, in der abgeschiedenen Welt zwischen Segelbooten und Herrenhäusern, könnten nicht nur Thriller spielen, sondern auch Komödien oder ein Familienepos. Schon zu Kaiserzeiten war diese Inselstraße bei "Monopoly" immer die teuerste, Joseph Goebbels hatte hier eine Villa, Albert Speer ein Grundstück. Vor ein paar Jahren gab es Gerüchte, dass die US-Schauspieler Brad Pitt und Angelina Jolie angeblich hier ein Haus bauen. Aber wir sehen kein Klingelschild mit B.P. und A.J.

Stattdessen finden wir eines mit den großen Buchstaben GW und GH, an einem großen Zaun. Als ich mich nach oben ziehe, um etwas mehr zu sehen, sagt Sebastian Fitzek, dass die Kameras jetzt alles aufzeichnen. Der Abenteurer wirkt nicht mehr wie "zehn-und-dreißig" sondern einfach wie 40 Jahre alt. Er fährt eben keinen gelben Käfer mehr, sondern einen SUV-Geländewagen, für den er CO2-Zertifikate gekauft hat. Dann siegt die Neugier, und auch er zieht sich nach oben. Wir sehen einen modernen Bau, weiße Kästen, große Fenster, es könnte ein Institut für Weltraumforschung sein oder Künstlervilla. Im Hintergrund ist der Wannsee zu sehen. Ein Kuckuck ruft, wir sind allein. Perfekte Thrillerstimmung.

Sebastian Fitzek sagt, dass genau so seine Geschichten funktionieren: "Es ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch in eine andere Welt." Er hält nichts davon, die blutigen Details auszuwalzen. Er will lieber andeuten als schocken. Der Horror entstehe im Kopf der Leser. So wie gleich zu Beginn seines vierten Buchs, "Der Seelenbrecher", wo eine Frau an einen Gynäkologenstuhl gefesselt daliegt während der Killer mit einem Lötkolben ... Aber vielleicht träumt sie das auch nur. Fitzek sagt, er konzentriere sich nicht auf den Moment des Blutvergießens, sondern eher auf die Angst davor und das Trauma danach.

Warum aber diese Verstümmelungen, diese Sachen mit den Augenlidern? Fitzek wird laut, ruft: "Das ist doch ein Symbol!" Dem Augenlider-Schneider gehe es darum, dass die Gesellschaft nicht die Augen verschließt vor Vergewaltigung. Der Folterer begründet im Roman seine Taten mit dem Missbrauchsskandal auf dem Berliner Canisius-Kolleg. Er wolle, dass die Menschen wieder hinsehen und sich gegen Missbrauch wehren.

Das ist jetzt ein Loyality-Switch, den ich so nicht erwartet hatte. Der Autor, der Böses aufschreibt, will Gutes tun. Außerdem findet er, dass seine Geschichten gar nicht so blutig seien, auch wenn immer mehr Frauen und Kinder sterben in seinen letzten Büchern. "Ich werde mit jedem Kind brutaler." Er meint seine eigenen Kinder. Vor einem halben Jahr wurde er zum zweiten Mal Vater. Vielleicht ist es für ihn so, dass je idyllischer sein Privatleben wird, desto brutaler wird seine Fantasie. Wie die Ventilfunktion, von der ihm auf einer Lesung eine Psychologin erzählt hat. Sie sagte: Seine Leser stellen mit jedem durchgelesenen Roman auch ihre eigenen Ängste mit ins Bücherregal.

Liebe lässt sich nicht erzwingen

Sebastian Fitzek steht wieder an der Inselbrücke, die kurze Reise ist zu Ende. Der Weg war eine Einbahnstraße, die wieder zum Anfang der Strecke führt. An der Stelle, wo er vorhin über die große "Titanic"-Liebe schwärmte, frage ich ihn, warum sich wenige Menschen verlieben in seiner Fantasie. Er sagt, dass es nicht zu seinen Figuren passe. "Ich entwickle sie einmal am Anfang und lasse sie dann laufen." Liebe könne er nicht erzwingen. Es geht ihm mehr um die Psyche seiner Figuren. Das wiederum hat für ihn mit einer sehr persönlichen Geschichte zu tun. Er hatte einen Freund, der für ihn so etwas wie ein Mentor war. Als er ihm von seiner Idee zum ersten Psychothriller erzählte, sagte der zu ihm, er solle es unbedingt versuchen. "Es sind die Fantasten und nicht die Erbsenzähler, die die Welt verändern." Kurz darauf starb der Freund, an einem "exzessiven Leben, das den Tod billigend in Kauf nimmt", wie Fitzek sagt. Er hatte psychische Probleme, die größer waren, um sie nach Feierabend lösen zu können. Fitzek hat es probiert, mit "Küchenpsychologie", aber weiß nicht, ob er es noch schlimmer gemacht habe. Irgendwie fühlt er sich noch schuldig. Seine Berliner Freunde, die er meist noch aus dem Kindergarten oder der Grundschule kennt, sagen dem Autor später, er habe auch etwas verarbeiten wollen. "Die Therapie" war Therapie. Der "Held" dieser ersten Reise war auch: er selbst.

Später sitze ich mit Sebastian Fitzek im Auto. Der Geländewagen ist wie ein großes Schiff, das sich langsam durch den Wald schiebt. Als an der roten Ampel ein älterer Mann an die Scheibe klopft, erschrickt niemand. Er sieht lustig aus, mit seinem Glockenstab und dem spitzen Filzhut, wie ein Kobold. Fitzek sagt: "Ich will wissen, was mit dem los ist", und kurbelt die Scheibe herunter. Der Kobold sagt: "Bonjour, Salam aleikum! Ob der Herr mit etwas Kleingeld ... Fitzek reicht ihm Münzen, der Mann nickt und sagt "Bismillah", was auf Arabisch so etwas wie "Im Namen Gottes" bedeutet.

Noch bevor der Bestsellerautor fragen kann, warum ein Franzose in Berlin Arabisch spricht, schaltet die Ampel auf Grün. Ich würde jetzt gern umblättern und erfahren, was Fitzek aus ihm macht. Vielleicht einen Brotmesser- oder Lötkolben-Mörder. Mit ein bisschen Glück ist der Mann auch einfach nur verliebt.