Krippenausbau

Kein Platz für die Kleinsten

Krippenausbau: Am Mittwoch legt Ministerin Schröder ihren Zehn-Punkte-Plan vor. Auch in Berlin wird die Suche nach Kita-Plätzen schwieriger

- Zayra liegt strampelnd in ihrem Kinderwagen und brabbelt munter und vernehmlich. Vielleicht ahnt die Kleine schon, dass im Leben vor allem der zu etwas kommt, der auch mal energisch wird. Selbst wenn es vorerst ihre Eltern sind, deren Einsatz gefragt ist: "Im Februar 2013", erzählt Mutter Sarah Dos Santos, "fange ich wieder an zu arbeiten. Dann muss ich einen Kitaplatz gefunden haben, denn länger als ein Jahr aussetzen geht bei mir nicht."

Vier Monate ist ihre Tochter auf der Welt, mit der Kitasuche haben die Grundschul-Erzieherin und ihr Partner Chris Bisset, der Zayra inzwischen auf den Arm genommen hat, schon vor Wochen angefangen. Rund 15 Einrichtungen hat sie angerufen oder aufgesucht. Fast immer war die Antwort abschlägig. Prenzlauer Berg und der gesamte Bezirk Pankow, wo die Familie lebt, ist beliebt bei jungen Familien - mit dem Nebeneffekt, dass die Konkurrenz um die Kinderbetreuung groß ist. "Ich hatte schon gehört, dass man sich sechs Monate vorher anmelden muss", sagt Dos Santos. "Aber dass es selbst ein Jahr vorher schwierig ist, hätte ich nicht gedacht."

Ab August 2013 soll das alles anders werden. Dann gilt der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für alle Ein- und Zweijährigen in ganz Deutschland. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat das Jahr 2012 zum Jahr des Krippenausbaus erklärt, am Mittwoch legt sie im Kabinett neben dem Kita-Bericht auch ein Zehn-Punkte-Programm vor, mit welchem die Politik den bundesweiten Ausbau der Kleinkindbetreuung beschleunigen möchte. Unter anderem will die Ministerin die Bedingungen für Tagesmütter verbessern, Anreize für mehr Betriebskitas geben sowie für flexiblere Standards sorgen. Beispielsweise könnten die baulichen Vorschriften gelockert und die Personalschlüssel verändert werden.

Wie groß die Betreuungslücke im August kommenden Jahres sein wird, kann derzeit allerdings niemand verlässlich vorhersagen. Das Familienministerium geht von 130.000 fehlenden Plätzen aus. Die Städte und Gemeinden schätzen den Bedarf auf 200.000 zusätzliche Angebote. Die Wirtschaft vermutet gar, dass binnen eines Jahres noch 260.000 neue Betreuungsplätze aus dem Boden gestampft werden müssten - was Kristina Schröder jedoch als eine überzogene Prognose zurückweist. In ihrem Ministerium kalkulieren die Experten derzeit damit, dass im Bundesdurchschnitt für knapp 40 Prozent der unter Dreijährigen ein Platz in einer Krippe oder in der Tagespflege benötigt werden wird. Für Westdeutschland legt Schröders Ressort dabei eine Quote von 37 Prozent und für den Osten von 51 Prozent zugrunde.

Bund, Länder und Kommunen hatten sich 2007 darauf verständigt, den Krippenausbau gemeinsam mit je vier Milliarden Euro zu finanzieren. Damals ging man davon aus, dass 35 Prozent der unter Dreijährigen eine Betreuung benötigen würden. Weil die Zahlen später nach oben korrigiert wurden, drängen die Städte und Gemeinden seit Langem darauf, dass der Bund nachlegt.

Ein geteiltes Land

Ins gleiche Horn stößt auch die Opposition. "Nicht kleckern, sondern klotzen", müsse jetzt das Motto sein, damit bis zum August 2013 noch genügend Plätze für unter Dreijährige entstehen, sagte die stellvertretende Vorsitzende der SPD, Manuela Schwesig, der Morgenpost. Sie moniert: "Der Bund hat sein Versprechen von 2007, ein Drittel der Ausbaukosten zu finanzieren, nicht eingehalten, denn die Kosten sind höher als damals veranschlagt wurde." Die Sozialdemokratin verlangt erneut von der Bundesregierung, auf das umstrittene Betreuungsgeld zu verzichten, das Eltern ab 2013 erhalten sollen, die auf einen Krippenplatz verzichten. "Mit den 1,2 Milliarden Euro, die für das Betreuungsgeld vorgesehen sind, ließen sich 120.000 neue Ganztagsplätze für unter Dreijährige schaffen", rechnet Schwesig vor.

In Bezug auf die Betreuung der Kleinkinder ist Deutschland nach wie vor ein geteiltes Land. Während im Osten jedes zweite Kind unter drei Jahren einen Platz hat, gilt dies im Westen nur für jedes fünfte Kind. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren im Westen das Angebot erheblich vergrößert, doch auch im Osten stieg die Nachfrage immer weiter an. So auch in Berlin, wo die Geburtenrate entgegen dem Bundestrend steigt. Gerade in Bezirken wie Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln stoßen schon länger immer mehr Eltern auf lange Wartelisten.

Und das Problem weitet sich aus. Felizitas Stoll beispielsweise sucht in Frohnau eine Kita für Sohn Jonathan. Noch wird ihr 19 Monate alter Sohn von einer Tagesmutter betreut, ab August 2013 aber soll Jonathan in die Kita gehen. "Ich habe schon mit verschiedenen Einrichtungen telefoniert", sagt Stoll, "die Aussage ist immer dieselbe: Für den 2010er-Jahrgang wird es eng werden." Die lange Zeit des Suchens und das ungewisse Warten auf eine oft kurzfristige Zusage empfindet die Sportwissenschaftlerin als "ärgerliche Zitterpartie".

Andere Berliner planen deshalb bereits vor. Dörte Schneider aus Prenzlauer Berg beispielsweise hatte schon im fünften Monat ihrer Schwangerschaft erstmals zum Telefon gegriffen, um sich in Sachen Kita zu informieren. Dabei will sie die jetzt acht Monate alte Vida bis zum zweiten Lebensjahr selbst betreuen. Da die 39-Jährige aber freiberuflich tätig und flexibel ist, ist sie bei der Suche noch relativ gelassen. "Hier geht es ja auch noch", sagt ihr Mann Matthias. Ein Kollege von ihm habe seinen Antrag auf einen Kitaplatz in Mitte schon vor der Geburt seines Kindes gestellt.

Ein Hauptproblem sind fehlende Erzieher: Bis 2015 werden laut Experten rund 7600 zusätzliche Fachkräfte in Berlin gebraucht, schon jetzt können Tausende Kita-Plätze nicht besetzt werden. Dabei hat der Senat beschlossen, in den kommenden vier Jahren fast 19.000 zusätzliche Kita-Plätze zu schaffen. Noch in diesem Jahr sind 7000 neue Plätze geplant, davon 3000 Krippenplätze.

Hilfskräfte in Kitas

Doch auch in anderen Bundesländern fehlen Erzieher. Einer Studie der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) zufolge, fehlen bis 2025 rund 140.000 Fachkräfte, davon 87 000 im Erziehungsbereich. Um die angestrebte Betreuungsquote erreichen zu können, hat der Städte- und Gemeindebund vorgeschlagen, künftig in Kitas auch Hilfskräfte anzustellen, wie die Zeitungen der "WAZ"-Gruppe am Wochenende berichteten. Verbandspräsident Roland Schäfer (SPD) schlägt demnach vor, "vorübergehend auch Hilfskräfte im Sozialen Jahr oder aus dem Bundesfreiwilligendienst zu beschäftigen".

Unterdessen setzt die Bundespolitik große Hoffnungen in Tagesmütter - zumal diese Art der Betreuung für den Staat auch am kostengünstigsten ist. Ursprünglich sollte ab 2013 jeder vierte Betreuungsplatz für unter Dreijährige in der Tagespflege sein. Doch davon ist man weit entfernt. Gerade einmal jedes siebte Kind geht derzeit zu einer Tagesmutter.

In der Politik wird zudem erwogen, zumindest zeitweilig die Gruppen in den Kitas zu vergrößern. SPD-Vize Schwesig aber warnt davor, auf diese Weise mehr Plätze zu schaffen - und fordert schon jetzt einen neuen Krippengipfel von Bund, Ländern und Kommunen.