Serie

Bis an die letzte Grenze

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Dr. Petra Anwar, Palliativmedizinerin

Die Nacht war kurz. Albträume. Mir ist, als liege ein Stein auf der Brust, ich treffe heute die Palliativmedizinerin Petra Anwar. Palliation bedeutet Linderung , von Lateinisch palliare , mit einem Mantel umhüllen. Es geht nicht um Heilung, sondern darum, einem Todkranken die letzten Wochen erträglich zu machen. Ich habe Angst davor, über den Tod und das Sterben zu sprechen. Keine schönen Themen, sie wecken traurige Erinnerungen.

Ein paar Tage vorher habe ich "Halt auf freier Strecke" von Regisseur Andreas Dresen gesehen, den Film, in dem Petra Anwar zu sehen ist. Es geht darin um einen Familienvater, der einen nicht operablen Hirntumor und nur noch kurze Zeit zu leben hat. Der Film zeigt sein Sterben. Es ist ein Spielfilm, gerade mehrfach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, realistisch wie eine Dokumentation. Die Ärzte und Krankenpfleger sind tatsächlich echte. Der Film beginnt mit der Diagnose: Ein Neurologe sitzt am Schreibtisch einem Paar gegenüber und erklärt, dass dieser Tumor da ist, dass es keine Rettung gibt. Ob man noch Fragen habe? Er wirkt kühl und hilflos. Es ist eine quälend lange Sequenz, es wird viel geschwiegen.

Andreas Dresen hat mal in einem Interview gesagt, Petra Anwar sei ihm beim Dreh vorgekommen wie ein Engel. Und so ist dann auch ihre erste Szene im Film: Nach ergebnislosen Versuchen, dem Krebs mit Alternativmethoden zu begegnen, ist sie plötzlich da. Stark, verlässlich. Sie weiß, was zu tun ist, und geht voraus. Die Familie folgt ihr, verlässt sich auf sie. Letztendlich hilft sie in dem Film nicht nur dem Patienten, mit seiner Krankheit klarzukommen, sondern auch seiner Frau, seinen Kindern. Am Ende wird wieder geschwiegen. Diesmal ist es eine besinnliche Stille.

Wir treffen uns an der südlichen Landesgrenze zu Großziethen. Zweistöckige Einfamilienhäuser, Vorgärten, Carports, viel Grün. Petra Anwar stellt ihren alten Mercedes ab. Ihr Händedruck ist warm und kräftig. Ihr Lächeln offen. Sie steuert zielsicher auf ein Gebüsch am Straßenrand zu, biegt ein paar Äste zur Seite. Ein Trampelpfad. Der Fotograf und ich laufen hinter ihr her, sie scheint zu wissen, was sie tut.

Ihre Schultern sind breit, Petra Anwar ist groß, sie wirkt robust. Der Pfad ist staubig und uneben, aber ihre Schritte sind sicher. Was sie vermittelt: Wege muss man gehen, wie sie kommen. Ihr kurzes, rötlich gefärbtes Haar leuchtet in der Sonne. Sie trägt eine weite Hose und eine gemusterte Bluse, die im Wind flattert. Wir ziehen im Gänsemarsch durch das Dickicht. Es ist sehr ruhig hier. Eben noch der Verkehrslärm des Buckower Damms, jetzt nur der Wind, der alle anderen Geräusche schluckt.

Petra Anwar kommt gern und oft nach Großziethen, um spazieren zu gehen, erzählt sie. "Wenig Menschen, viel Grün - hier kann ich runterkommen."

Als Palliativmedizinerin einer Tempelhofer Praxis betreut die 46-Jährige immer 40 bis 50 Patienten gleichzeitig und fährt regelmäßig zu ihnen nach Hause. Medizinisch nennt man den Zustand ihrer Patienten "austherapiert". Für deren Leben bedeutet das: Es wird nur noch kurze Zeit dauern. Petra Anwar nimmt sie für die letzten Wochen an die Hand. Ihre Aufgaben: Schmerzen lindern, Symptome behandeln, beruhigen, reden, Angst und Unruhe nehmen.

Ärztin auf Großleinwand

"Der Film von Andreas Dresen ist da sehr realistisch", sagt sie. "Das Schweigen am Anfang und das am Ende - das sind zwei verschiedene Stillen: Die erste ist eine unheilvolle, schockierende, eine, die einem die Sprache verschlägt. Die in der Sterbephase ist eine, in der alles klar ist, in der die Menschen bereit sind, den Tod anzunehmen, in der sich Angehörige und Patient ohne Worte verstehen." Petra Anwar hat Andreas Dresen auch fachlich beraten. Er fragte sie, wie ein Mensch kurz vor dem Tod aussieht, was ihn beschäftigt.

Beinahe wäre es gar nicht zu der Zusammenarbeit gekommen. Sie sei gerade Fußballschuhe für ihren Sohn kaufen gewesen, als der Anruf kam. "Es hieß, Andreas Dresen würde mich gern in seinem neuen Film, in dem es um Krebs geht, haben", erinnert sie sich. "Ich kannte den gar nicht. Ich hab gesagt: Ja klar, ich! Im Kinofilm? Auf Großleinwand?", sie prustet. "Hab ich abgelehnt, ich bin absolut keine Schauspielerin!" Nach einigen Telefonaten und Treffen konnte man sie doch überreden.

Unser Pfad endet zwischen ein paar Birken, Sonnenstrahlen fallen durch das Laub. Petra Anwar steht jetzt halb im Licht, halb im Schatten. Wir machen Fotos. Licht und Schatten, Leben und Tod - man begreift, was natürlich vorher irgendwie klar war: Der Tod gehört zum Leben nun mal dazu. Wie es sich im Dazwischen anfühlt, kann außer den Betroffenen wohl nur jemand wie Petra Anwar beurteilen.

Natürlich habe jeder Mensch Angst vor dem Tod. Auch sie selbst? "Wer hat die nicht?", antwortet sie. "Es ist ja nicht so, dass ich, nur weil ich ständig damit zu tun habe, abends zu Hause sitze und meinen eigenen Tod plane." Sie lacht. Dann wird sie ernst. "Ich habe Angst davor zu sterben, bevor meine Kinder in der Welt alleine klarkommen. Große Angst davor, keinen Arzt zur Seite zu haben, der für mich da ist, dem ich vertraue." Wir gehen weiter. Ob sie eine Vorstellung vom Jenseits habe? "Nein, gar keine." Sie sei schon gläubig. "Aber wenn ich eine Patientin habe, 30 Jahre alt, kleines Kind, dann frage ich mich schon: Wo ist Gott? Wie kann das sein?"

Seit Frühjahr 2007 ist die "spezialisierte ambulante Palliativversorgung" eine Pflichtleistung des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen. Das bedeutet, jeder Mensch hat in Deutschland das Recht, zu Hause von einem Arzt wie Petra Anwar betreut und begleitet zu werden. Es war ein langer Kampf bis hierher. Die erste palliativmedizinische Einrichtung in Deutschland wurde 1983 in Köln eröffnet. Bis dahin konzentrierte sich die moderne Medizin auf Heilungsbemühungen bis zum Schluss, selbst wenn schon früh klar war, dass es keine Aussicht auf Erfolg gibt. Mittlerweile gibt es mehr als 300 Palliativstationen und Hospize in Deutschland, außerdem engagieren sich immer mehr Ärzte und Pflegekräfte in der ambulanten Versorgung. Entgegen Vorurteilen ist Palliativmedizin laut Definition keine Sterbemedizin, sie bejaht das Leben, möchte es bis zum Ende lebenswert machen.

Die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist trotzdem fließend. Ein Medikament verabreichen, von dem man weiß, dass es zum Tod führen wird, dürfte Petra Anwar nicht. "Aber es gibt natürlich Therapien, bei denen man weiß, dass sie die Symptome lindern, aber das Leben verkürzen", sagt Petra Anwar. Sterbehilfe ist verboten - sei aber ohnehin kein Thema. "Nur sehr wenige Patienten fragen danach", sagt sie. "Für uns Gesunde ist es eines, weil wir uns nicht vorstellen können, so krank zu sein. Aber die Patienten arrangieren sich mit ihrer Krankheit. Wenn sie gut versorgt sind und keine Schmerzen haben, sehnen sie sich nicht nach einem schnellen Tod."

Das Problem sei eher, dass es zu wenig Palliativmediziner gibt, vor allem im ländlichen Raum. Die Arbeitszeiten - Petra Anwar ist Tag und Nacht erreichbar - und die Tatsache, ständig mit Tod und Trauer zu tun zu haben, sei natürlich anstrengend und wirke auf viele abschreckend. "Und man verdient vergleichsweise wenig Geld, es gibt kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Das ist kein Karrierebrett, sondern ein Dienst am Menschen." Berlin sei allerdings führend in der Palliativmedizin, hier gebe es genug Spezialisten.

Petra Anwar hält die Belastungen aus, die der Beruf mit sich bringt. Seit 1998 arbeitet sie als Palliativärztin. Energie tankt sie beim Schwimmen - am liebsten frühmorgens im Kreuzberger Prinzenbad - und bei ihrer Familie. Mit ihrem Mann und den drei Söhnen - einer ist jetzt 18 Jahre alt, die Zwillinge zwölf - verbringt sie so viel Zeit wie möglich. Der eine Zwilling, "kleiner und drahtiger als der andere", spiele in der DFB-Talentförderung. Der andere sei eher der nachdenkliche, kreative. Ihr Mann - "Gott sei Dank nicht so gefühlsduselig unterwegs wie ich"- ist Einzelhandelskaufmann. "Einer muss ja 'nen klaren Kopf behalten". Gerade planen sie den Sommer. "Richtig Badeurlaub - ein paar Wochen lang nur Wärme, Wasser, Ruhe. Und leckeres Essen." Darauf freue sie sich. Ob sie es durchhalten wird, sich zwischendurch nicht nach ihren Patienten zu erkundigen? "Das fällt mir immer sehr schwer."

Natürlich verändere so ein Beruf den Blick auf die eigene Endlichkeit. "Ich nehme das Leben so wie's kommt", sagt sie und lacht laut auf. Sie lege keinen Wert auf materielle Dinge. "Und ich spare das Geld nicht, ich brauche keine großen Besitztümer, kein Einfamilienhaus". Sie schaut hinüber zu den Siedlungen. Für sie zähle, den Moment zu genießen. Ansonsten ziehe sie Kraft aus dem Wissen, dass ein Mensch mit ihrer Hilfe "in Ruhe und Gelassenheit in die andere Welt hinübergehen kann". Und aus der Dankbarkeit, die ihr entgegengebracht werde. Die meisten Menschen sehen im Moment des Todes friedlich aus, sagt sie.

Wir stehen am Rande eines Kornfeldes, die Pflanzen reichen uns bis zur Taille. "Roggen", sagt Petra Anwar und streicht über eine Ähre. Im Münsterland in Nordrhein-Westfalen ist sie aufgewachsen. "Wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen." Sie lacht wieder. Eine behütete Kindheit. Der Vater Lkw-Fahrer, die Mutter Hausfrau, zwei jüngere Geschwister. Anfangs hätten sich die Eltern schwer getan mit dem Gedanken, dass sie Abitur machen, studieren will. "Ich bin die Erste in unserer wirklich großen Familie mit abgeschlossenem Studium."

Der eigene Vater todkrank

Die Dritte Welt, die Friedensbewegung, die Ostermärsche waren es, was Petra Anwar damals, Anfang der Achtziger, faszinierte. Ärzte ohne Grenzen, da wollte sie hin. "Na ja", sagt sie. "Mit zunehmendem Alter und zunehmender Kinderzahl wird man dann gesetzter." Andererseits - jetzt helfe sie ja auch den Ärmsten der Armen. Den Sterbenden. "Fachärztin für HNO oder so etwas könnte ich nicht sein", sagt sie. "Ich behandle den Menschen als Ganzes. Das war mir immer wichtig." Dabei stoße sie heute häufiger als früher an ihre Grenzen. Deshalb nehme sie jetzt weniger Patienten an.

Vor zwei Jahren wurde bei ihrem Vater Krebs festgestellt, unheilbar. "Beim eigenen Papa hat man nicht den Abstand", sagt sie. "Da war ich oft zu hart." Sie kannte den nächsten Schritt immer schon, bevor er zu gehen war. "Ich habe meiner Mutter und meinen Geschwistern gesagt: Papa wird nicht länger als drei Monate leben. Da waren natürlich alle sauer." Sie pendelte zwischen Berlin-Kreuzberg und dem Dorf im Münsterland, in dem die Eltern wohnten, 600 Kilometer hin und zurück, manchmal in rasanter Geschwindigkeit. Nach zwei Monaten starb er. "Ich habe meine Kinder dabei vergessen. Ich habe vergessen, sie mitzunehmen." Das war auch so eine Grenze. Bis heute werfe besonders der eine Zwilling ihr das vor: "Als Opa gestorben ist, hast du mich nicht mitgenommen." Dazu sagt Petra Anwar heute: "Das war ein großer Fehler. Bei jedem, den ich betreue, sehe ich zu, dass ich die ganze Familie mit auf den Weg nehme - und bei meinen eigenen Leuten vergesse ich sie ..."

Wir gehen zurück. Petra Anwar ist gedanklich bei ihrem Vater, ihrem Sohn. Sie schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das selbst nicht. Das wird mir nicht noch einmal passieren." Sie macht eine Pause, bleibt stehen. "Ich bin eben ein sehr emotionaler Typ." Ihr Mobiltelefon klingelt, zum vierten Mal seit wir uns getroffen haben. Sie kramt in ihrer Handtasche. "Anwar ... ja, hallo ... Wie war der Puls? ..." Sie spricht eine Weile, ruhig, konzentriert. Dann legt sie auf. Sie muss los.

Wir sind zurück an der Straße. Ich atme die warme Frühlingsluft ein. Der Stein auf meiner Brust, die Last, ist irgendwo zwischen Birkenwäldchen und Kornfeld von mir abgefallen. Was Petra Anwar in den letzten zwei Stunden vermittelt hat: Der Tod muss einem keine Angst machen. Er ist einfach das Ende vom Leben, und das Leben kann schön sein bis zum Schluss. Ich muss an das Lied denken, das im Abspann von "Halt auf freier Strecke" läuft - Gisbert zu Knyphausens "Sommertag": "Es ist ganz einfach, es ist ganz einfach: Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag."