Baku

"Das Regime hat Angst vor uns"

Die Welt fliegt nach Baku, der Video-Künstler Ferdy Era flieht nach Berlin

- Ferdy Era sitzt im Park. Um ihn herum genießen die Menschen die Sonne, Era genießt die Freiheit. Vor sechs Tagen, in der Nacht, ist der 21 Jahre alte Videokünstler in Berlin angekommen. In Aserbaidschan, sagt Era, gibt es für ihn keine Freiheit mehr. Mit ihm sprach Judith Luig.

Berliner Morgenpost:

Warum sind Sie aus Baku geflohen?

Ferdy Era:

Kennen Sie das Lied, das in Düsseldorf gewonnen hat?

"Running Scared"?

Das beschreibt die Situation unserer Flucht. Na ja, eigentlich ist es nicht so, dass ich Angst hätte. Das Regime hat Angst vor uns. Und deswegen konnten wir nicht bleiben.

Womit machen Sie dem Regime Angst?

Mit Videos. In den Songs unserer Band Bulistan stellen wir Fragen, die den Machthabern nicht gefallen.

Zum Beispiel?

Wenn bei uns ein Mädchen raucht, wird sie wie eine Prostituierte behandelt. Wir fragen: Warum? Warum dürfen Mädchen keinen Freund haben, bevor sie heiraten? Die ersten Clips sind durch Gespräche entstanden, die wir mit Freunden geführt haben. Darüber, dass sich bei uns viele Leute nicht trauen zu sagen, was sie denken. Wir hatten damit großen Erfolg. Die Videos unserer Band kursierten im Internet, auf der Straße sprachen mich Jugendliche an. Sie sagten: "Das ist toll, was ihr macht." Über viele Dinge, die wir ansprechen, hatten sie vorher nie nachgedacht.

Wann wurde es kritisch?

Im März war ich mit dem Musiker Jamal Ali auf einer Demonstration, die Polizei schnappte ihn, er saß zehn Tage lang in Haft. Als er wieder rauskam, wurden wir gewarnt: Wenn wir nach dem ESC noch im Land wären, dann würde es gefährlich für uns. Es war schon seit einiger Zeit schwieriger geworden. Die Polizei ist in Baku ja ohnehin überall, meistens erkennt man sie gar nicht, weil die Beamten in normalen schwarzen Anzügen rumlaufen. Wir nennen sie "Men in Black". Aber dann wurden Freunde von uns in ihrer Wohnung unseretwegen abgehört. Wir wollen aber nicht aufhören, Musik zu machen.

Wurden Sie direkt bedroht?

Nein, aber Baku ist klein. Solche Dinge sprechen sich schnell rum.

Was hätte Sie erwartet?

Wir können es uns vorstellen. Die Regierung Aserbaidschans nimmt es mit den Menschenrechten nicht so genau. Man sieht das an denen, die sie zwangsumgesiedelt haben, um die Konzerthalle für den ESC zu bauen. Die Regierung sollte wenigstens die Kompensation bezahlen.

Sind Sie froh, dass der ESC in Baku ist?

Ja, das Land bekommt dadurch viel Aufmerksamkeit. Die Menschen erfahren jetzt, was bei uns passiert.