Eurovision Song Contest

Auftritt mit Botschaft

- Ein Mann im leicht zerknitterten Anzug steht auf der Treppe zur deutschen Residenz in Baku, er sucht sein Telefon. Oben stehen Instrumente, ein Mischpult. Der Mann übergibt das Telefon, es wird angeschlossen und ein Popbeat und Gitarre ertönen. Eine Stimme krächzt aus dem Lautsprecher: "Freude schöner Götterfunken / Tochter aus Elysium." Eine gewöhnungsbedürftige Version der Ode an die Freude, nicht wirklich diplomatisch abgesichert. Der Mann aber ist Botschafter Herbert Quelle (59). Unter den Anzugträgern an diesem Nachmittag besticht er mit Lässigkeit und Sonnenbrille.

Der Eurovision Song Contest (ESC) in der Hauptstadt Aserbaidschans bringt Leben in die Residenz. Im Garten und vor der Treppe stehen die Menschen und warten, dass gesungen wird. Es gibt Grillwürstchen und Kartoffelsalat.

Doch klar steht nicht allein die Musik im Vordergrund. Natürlich muss auch zur politischen Situation in Aserbaidschan ein Wort fallen, über die nun seit Wochen debattiert wird. Der Botschafter wählt hierfür einen Umweg. Heute sei ein ganz besonderer Tag, sagt Quelle, nämlich der 23. Mai. Vor 63 Jahren wurde das Grundgesetz beschlossen und somit die Werte festgelegt, die das innen- und außenpolitische Handeln der Bundesrepublik bestimmen. Quelle lobt ausdrücklich die Menschen- und Freiheitsrechte der Verfassung, die unveräußerlichen Kräfte. Dies wird ins Aserbaidschanische übersetzt.

Offiziell nichts zur Politik sagen

Roman Lob, der Sänger des deutschen Beitrags, wartet am Rand, er trägt Jeanshemd, helle Hose, Mütze natürlich. Er sei underdressed, gibt er selbst zu, wirklich stören tut das keinen. Dann schwärmt der Botschafter von Lob, bittet zum Mikrofon - und hat eine Überraschung. Der Band fehlt nämlich ein Keyboarder. Quelle setzt sich an das Instrument und beginnt "Standing Still" zu spielen, Lobs Lied für Baku. Die Musik weht durch den Innenhof und den Garten, Lob singt wie immer intensiv. Quelle sitzt kerzengerade am Keyboard, die Arme heben und senken sich beim Spielen, ein bisschen erinnert er in seinem Anzug und mit der Sonnenbrille an Ray Charles, aber Quelle ist natürlich nicht blind, weder für Musik noch für Politik.

Über die Situation in Aserbaidschan darf er hier offiziell nur nichts weiter sagen, da müsse man schon einen Antrag über das Pressereferat und das Außenministerium stellen, sehr kompliziert, leider. Wie lange er schon Musik macht? Oh, schon sehr lange, sagt er. Warum dann der diplomatische Dienst und nicht das Leben als freier Musiker? Da lacht der Herr Botschafter. Super habe er gespielt, sagt Lob über ihn.

Lob fühlt sich wohl in Baku, er geht viel auf die Menschen zu, sagt er, bekomme viel positive Resonanz. Die Aserbaidschaner freuten sich jedes Mal über ihn. Das aserbaidschanische Fernsehen will brav wissen, was er schon gesehen hat und wie ihm das Essen schmeckt. Von deutschen Journalisten nach der politischen Situation und den Menschenrechten gefragt, zieht Lob sich wie immer auf sein Musikerdasein zurück. Der 21-Jährige will nicht ausweichen oder Verantwortung von sich weisen, aber eigentlich will er singen. Der Stimme geht es gut, danke, sagt er und meint es keineswegs kritisch. Ähnlich hält es Thomas D von den Fantastischen Vier, der die Castingshow "Unser Star für Baku" betreute und Lob seitdem hilft. Wer nicht als politischer Künstler auftrete, müsse sich nicht zwangsläufig äußern.

Andere sind wesentlich schärfer. Menschenrechtler äußerten rund um den ESC scharfe Kritik an Demokratiedefiziten in der ehemaligen Sowjetrepublik. Die Organisation Human Rights Watch etwa kritisierte mit deutlichen Worten die Zurückhaltung der Europäische Rundfunkunion, die den ESC ausrichtet, beim Thema Meinungsfreiheit in Aserbaidschan. Amnesty International prangert im heute veröffentlichten Jahresbericht die "millionenschwere PR-Kampagne" des Landes an, mit dem es versuche, sich "als modern und demokratisch darzustellen". Dabei seien die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit im vergangenen Jahr weiter systematisch eingeschränkt worden. Am Montag gab es in Baku eine regierungskritische Veranstaltung von "Sing for Democracy", es waren nur etwa 100 Leute dort, die Hälfte Medienvertreter. Aber Botschafter Quelle nahm teil, auch Vertreter von verschiedenen ESC-Delegationen. Kleine Rauchzeichen sind auch Rauchzeichen.

"Die Leute mögen das"

Die neue Bande zwischen Lob und dem Botschafter wird dann auch in einen hohen diplomatischen Auftrag für Sonnabend umgemünzt. "Wenn er die Freigabe gibt, leg ich los", sagt Lob. Der Sänger, der als einer der Big Five beim Contest gesetzt ist, hat jetzt nämlich erst einmal andere Sorgen: die musikalischen Gegner. Beim ersten Halbfinale am Dienstag kamen zehn Kandidaten durch, die Liste ist osteuropäisch dominiert. Moldawien, Rumänien, Zypern, Albanien, Ungarn schafften es, natürlich hatten die Omis aus Russland die meiste Publikumszustimmung. Wer in diesem Alter (im Schnitt rund 70 Jahre) ordentlich Udmurtisch kräht, auf den Boden stampft und zum Schluss Kekse aus dem Ofen holt, der kann praktisch nicht schlecht sein. Lob analysiert klar: "Die Leute mögen das." Beeindruckt hat ihn zudem die dänische Sängerin. Er habe beim Halbfinale in der Halle "ein bisschen gespinxt" und gedacht, Soluna Samay könne mit der Popballade "Should've Known Better" ganz vorne landen.

Das erste Halbfinale hat gezeigt, dass im Finale am Sonnabend nur der halbe Wahnsinn am Werk sein wird, die verrücktesten Vorhaben werden bedauerlicherweise vorher zu Fall gebracht. Deshalb darf hier noch an Ralph Siegel erinnert werden, der für San Marino einen Titel komponiert hat. Die leidlich begabte Sängerin Valentina Monetta trällerte den "Social Network Song" und wurde rausgewählt, es ist die Frage, ob der ursprüngliche, dann wegen Statuten leider geänderte Titel "Facebook, uh, oh, oh" mehr gewirkt hätte. Angesichts des Börsengangs hätte dieser zumindest eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Der größte Verlust für die Freunde des schlechten Geschmacks ist natürlich das Ausscheiden Österreichs. Gerne hätte man den Rappern namens Shittrackaz erneut zugehört. Dieses kulturhistorisch einmalige Werk des Titels "Woki mit deim Popo" klärt unter anderem auf, dass weibliche Brüste in Österreich "Depf" genannt werden. Die Zeile "Dein Popo hat eine Meinung" ist sicher sehr intellektuell gemeint. Roman Lob dazu: "Shittrackaz find ich super. Ich mag den Song, mag die Jungs."

Doch auch im zweiten Halbfinale und im Finale werden Perlen der Unterhaltungskunst dargeboten werden, inklusive Kunstschnee. Man muss den ESC bekanntlich sehr ernst nehmen, und wer weiß schon, ob die Omas von Buranowski Babuschki in Udmurtisch nicht auch fiese Sachen singen. Zumindest werden sie es nicht beim aserbaidschanischen Außenministerium angemeldet haben.