Flughafen BER

Ein neuer Tag der bitterbösen Botschaften

Flughafen BER: Fast zehn Monate soll es jetzt noch dauern - die Menschen in Berlin können es nicht fassen. Aber wer ist für das Desaster verantwortlich? Der Aufsichtsrat um Klaus Wowereit hat einen Schuldigen gefunden: die Planungsgemeinschaft

Um 12.02 Uhr geht ein Raunen durch den nüchternen Zweckbau an der Mittelstraße in Schönefeld, der sich großspurig "Airportworld" nennt. "Na, wenigstens hier sind sie pünktlich, zumindest fast", so der sarkastische Kommentar von einem der mehr als 50 Journalisten und Fotografen, die am Himmelfahrtstag zur Pressekonferenz nach der Aufsichtsratssitzung der Flughafengesellschaft nach Schönefeld gekommen sind. Das 15-köpfige Gremium hatte von Mittwochnachmittag bis tief in die Nacht um drei Uhr getagt, um Konsequenzen aus einem einmaligen Desaster zu ziehen: Der Absage einer Flughafen-Inbetriebnahme nur vier Wochen vor dem offiziellen Eröffnungstermin.

Dem Regierenden Bürgermeister von Berlin und Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit (SPD) war es vorbehalten, die bitterböse Botschaft zu verkünden. Die Eröffnung von "Europas modernstem Flughafen" wird nicht nur um einige Wochen oder ein paar Monate, sondern um mehr als ein dreiviertel Jahr verschoben. Erst am 17. März nächsten Jahres und nicht wie geplant am 3. Juni sollen nun die ersten Flugzeuge vom neuen Hauptstadtflughafen "Willy Brandt" (internationale Kennung BER) aufsteigen. Und das ist nun schon die zweite Termin-Verschiebung. Ursprünglich sollte der BER bereits am 30. Oktober 2011 in Betrieb gehen. Dieser Termin wird jetzt sogar um fast 17 Monate verfehlt.

Platzeck sieht Image beschädigt

Wowereits Stellvertreter im Flughafen-Aufsichtsrat, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), spricht von "einer dramatischen Situation". Aus seiner Verärgerung über das Management der Flughafengesellschaft macht Platzeck kein Hehl: "Die Verschiebung des Eröffnungstermins bedeutet einen erheblichen Imageschaden für die gesamte Region. Da gibt es nichts schönzureden."

Doch nur einer der beiden Flughafen-Chefs, der Betriebs-Geschäftsführer Manfred Körtgen, bekommt personelle Konsequenzen zu spüren. Seine Anstellung wird zum 1. Juni per Auflösungsvertrag beendet, kündigt Wowereit an und dankt zugleich Körtgen für seine Arbeit. Im Klartext: Es gibt keinen Rausschmiss, Körtgen kann mit einer satten Abfindung für das vorzeitige Ende seines noch bis 2013 laufenden und mit rund 300.000 Euro im Jahr dotierten Vertrages rechnen.

Denn als Hauptverantwortliche am Fertigstellungsdesaster hat der Aufsichtsrat ganz andere ausgemacht: Die Planungsgemeinschaft Flughafen Berlin Brandenburg International (PG BBI), die von den Architektenbüros JSK und gmp gebildet wird. Als Generalplaner hat die PG BBI nicht nur die vielen Architekten-Büros zu beaufsichtigen und zu koordinieren, die für ganz unterschiedliche Bereiche im insgesamt mehr als 2,5 Milliarden Euro teuren Gesamtprojekt die Bauunterlagen zu erstellen haben. Die PG BBI hat auch den Auftrag der Objektüberwachung - das heißt, sie hat auch den konkreten Baufortschritt zu kontrollieren. "Sie haben sich sozusagen selbst kontrolliert", so ein Flughafen-Experte.

Doch die Arbeit der PG BBI - so sagen Wowereit und Platzeck am Donnerstag übereinstimmend - habe sich als "Achillesferse" des Projekts herausgestellt. Folgerichtig soll das Vertragsverhältnis mit der PG BBI beendet werden. Stattdessen will die Flughafengesellschaft nun selbst - und mit Hilfe externer Spezialisten - die noch notwendigen Planungsleistungen erbringen und vor allem den Fortgang der Bauarbeiten überwachen. Eine eigene Mitschuld am Flughafen-Desaster sehen die Aufsichtsräte dagegen nicht. "Ich kann für uns sagen: Wir haben es nicht gewusst", sagt Wowereit mit Blick auf das nun bekannt gewordenen Ausmaß der Probleme, die letztlich zur Termin-Absage führten.

Erhebliche Baurückstände vor allem im Innern des mindestens 650 Millionen Euro teuren Flughafen-Terminals hatten vor gut einer Woche dazu geführt, dass die Flughafengesellschaft die für den 3. Juni angekündigte Eröffnung des BER absagen musste. Als ausschlaggebender Punkt wurde der Brandschutz benannt. Spätestens seit der Feuerkatastrophe in Düsseldorf von 1996 gilt jedoch der Brandschutz als einer der wichtigsten Punkte beim Bau neuer Flughafengebäude, die ja täglich von Zehntausenden Menschen passiert werden. Brandmelder und Feuerlöschanlagen beim BER sollten laut Baugenehmigung eigentlich vollautomatisch funktionieren. Doch spätestens im Februar wurde den beteiligten Ingenieuren und unabhängigen Sachverständigen klar, dass die Anlagen nicht rechtzeitig fertig werden.

Umzug im Winter zu riskant

Als Notbehelf wollte die Flughafengesellschaft die Anlagen dann teilautomatisiert zu betreiben. Das heißt, Hunderte zusätzliche Mitarbeiter sollten ab 3. Juni im Ernstfall fliehenden Passagieren den Weg aus dem Terminal zeigen, und die Entrauchungsanlagen, die ein Ersticken der Flughafen-Gäste verhindern sollen, per Hand bedienen. Doch die dafür erforderliche Sondergenehmigung wollte die zuständige Bauaufsicht nicht erteilen.

Dass nun fast zehn Monate ins Land gehen sollen, bis der BER tatsächlich eröffnet werden kann, begründet Flughafen-Chef Schwarz ebenfalls mit den Brandschutz-Erfordernissen. Demnach werde die Fertigstellung der vollautomatischen Anlagen bis Dezember dauern, für die sich anschließenden Funktionsprüfungen durch unabhängige TÜV-Sachverständige und die Abnahme durch die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald werden weitere Wochen einkalkuliert. Erst danach sollen im Terminal die noch ausstehenden Massentests mit Komparsen erfolgen, insgesamt zehn Testläufe sind dafür noch geplant.

Und weil es zu riskant sei, mitten im Winter einen nächtlichen Umzug von Tegel zum neuen Airport nach Schönefeld durchzuführen, hätten sich alle Beteiligten auf einen Termin im März geeinigt. Der 17. März sei dann konkret auf Wunsch der Airlines zustande gekommen, die eine Flughafen-Eröffnung weder zu Beginn der reisestarken Osterferien noch zu den Osterfeiertagen - die im nächsten Jahr auf Ende März fallen - für sinnvoll erachten.

Bis zur Eröffnung des BER soll nun der Flugverkehr der Hauptstadtregion weiter von den beiden bestehenden Flughäfen in Tegel und Schönefeld abgefertigt werden. Doch insbesondere Tegel steht längst am Rande der Kapazitätsgrenzen. Da bisher alle Fluggesellschaften an ihren ursprünglichen Plänen festhalten, ab Juni deutlich mehr Flüge von und nach Berlin anbieten zu wollen, könnte es schon bald zu erheblichen Problemen im Betriebsablauf kommen. Neue bauliche Investitionen soll es laut Flughafen-Chef Schwarz nicht mehr geben. Allerdings rechnet er mit einem erheblichen Bedarf an zusätzlichen Mitarbeitern, die zum Beispiel Passagiere abfertigen und deren Gepäck transportieren müssen. Wie viel das kosten wird, das konnte Schwarz bislang ebenso wenig beziffern, wie den Gesamtschaden aus der verspäteten Flughafen-Eröffnung.