Stimmen

"So sehr verplanen kann man sich doch gar nicht"

Was Passagiere und Flughafenmitarbeiter sagen

Tobias Schröder blickt auf das Rollfeld. Der Luftsicherheitsassistent beobachtet gemeinsam mit seiner Tochter Josephine (8) von der Aussichtsterrasse des Flughafens Tegel die startenden und landenden Flugzeuge. Er ist heute als Privatmann hier und trägt ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Schließlich gibt es gute Nachrichten für ihn, und die haben nichts mit dem Vatertag zu tun. "Dass der Flughafen BER jetzt erst am 17. März eröffnet wird, ist für viele Mitarbeiter ein Segen", sagt der 43 Jahre alte Flughafenmitarbeiter. Auch vielen seiner Kollegen wäre es am liebsten, wenn der Flughafen gleich ganz bleiben würde. "Ich wohne mit meiner Familie in Tegel, da ist der Arbeitsweg natürlich auch sehr günstig", sagt Schröder.

Erleichtert, erfreut und überrascht - so klangen die ersten Reaktionen der Mitarbeiter des Flughafens, als sie gestern erfuhren, dass der BER erst neun Monate später eröffnet werden soll. Passagiere indes schüttelten den Kopf und brachten nur wenig Verständnis auf.

"Unmöglich, einfach unmöglich", sagt zum Beispiel Rosemarie Petschack (62), die gerade auf ihren Flug nach Zürich wartet. Eine Blamage für die Hauptstadt, für Deutschland sei das, die mit der neuerlichen Verschiebung skurrile Ausmaße annehme. Die Buchhalterin aus Mahlow fliegt regelmäßig ihre Tochter besuchen und stellt sich nun ein dreiviertel Jahr länger auf den weiten Weg nach Tegel ein.

Dort ganz in der Nähe wohnt hingegen Cigdem Altay (47). Dennoch ärgert sich die Sozialpädagogin aus Frohnau über den neuen Eröffnungstermin: "So sehr verplanen kann man sich doch gar nicht", sagt sie und knallt ihren Plastikbecher mit Kaffee auf den Stehtisch. Ihre Freundin, die ihr im Rondell des Flughafens gegenübersteht, nickt. Dass Manfred Körtgen, der Chefplaner des Großprojekts, nun entlassen wird, findet sie konsequent. "Wenn etwas schiefgeht, muss eben jemand dran glauben. Nichts anderes sehen wir ja auch gerade bei Norbert Röttgen", sagt Altay. Sie fordert - und wieder nickt ihr die Freundin zu -, dass sich der Regierende Bürgermeister genauer zu den Umständen äußern soll. "Der Flughafen ist doch sein Baby. Warum kann er sich dann nicht einmal mehr dafür einsetzen, den Berlinern verständlich zu machen, was alles im Detail schiefgelaufen ist?", fragt Altay.

Auf Wohlwollen trifft der abermals verschobene Start des BER währenddessen im Innern des Flughafens. Dort arbeitet zum Beispiel Tommy Knabe. Der 23 Jahre alte Verkäufer steht hinter seinem gläsernen Brötchenwagen und kassiert eine Laugenbrezel ab. Er hatte sich schon eingestellt auf den Umzug, auf den weiteren Arbeitsweg, auf den Stress, der seiner Meinung nach am BER zunehmen würde. "Hier ist es ruhig. Ein paar Passagiere, aber es ist übersichtlich", sagt er. Die Firma, für die er arbeitet, wolle zwar auch am BER Stände eröffnen. Aber wie viele Mitarbeiter dort angestellt werden, das wisse er nicht. "Von mir aus kann der Flughafen in Tegel auch über den 17. März hinaus weiterbestehen", sagt Knabe also.

Verunsichert sind Geschäftsleute, die den Start ihrer Läden am neuen Standort notgedrungen aufschieben müssen. "Es ist die totale Katastrophe", sagt Beatrice Posch, die am BER den Spiel- und Souvenirladen "Die kleine Gesellschaft" eröffnen wollte. Mit fünf Mitarbeitern hatte sie bereits Arbeitsverträge für das Geschäft im BER abgeschlossen. In einem ersten Gespräch vor einer Woche hatten die künftigen Angestellten versichert, dass sie weiter an den Jobs interessiert seien. "Aber wir hatten schlimmstenfalls mit Oktober 2012 gerechnet", sagt Beatrice Posch, "nicht mit März 2013."

Zufrieden über die Verspätung zeigt sich derweil Josephine Schröder (8), die nun mit ihrem Vater noch länger die Aussichtsterrasse in Tegel besuchen kann. Zum Flugzeugeschauen.