Berliner Spaziergang

Familie + Theater = Glück

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Martin Woelffer, Direktor des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm

Manchmal ist es gut, alleine zu sein. Beim Spazierengehen. Um Ruhe zu finden, sich zu sammeln, tatsächlich mal abzuschalten, sagt Martin Woelffer, den wir an seinem Arbeitsplatz bei den Kudamm-Bühnen treffen. Heute sind wir zu zweit, und er wird erzählen. Von der Familie, den Theatern. Vom Großvater, der einst als 19-Jähriger aus Schleswig nach Berlin kam. Arm war er, das Einzige, was er konnte, war Klavier spielen. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, viele gingen pleite, es gab aber auch Gewinner. Großvater Hans, der Zugezogene, war einer. Er baute die Berliner Theaterdynastie auf. Martin Woelffer, 48 Jahre alt, leitet die Bühnen am Kurfürstendamm mittlerweile in dritter Generation. Er wird auch von sich erzählen. Wie er sich gesträubt hat, Theater gut zu finden. Weil er es spießig und nervig fand, im Speziellen das seines Vaters und Großvaters.

Aber erst mal führt uns Woelffer, blauer Anzug, dunkle Weste, weißes Hemd, aufs Dach des Kudamm-Karrees. Durch schmale Gänge, verwinkelte Treppenhäuser steigen wir nach oben. Dort soll ein erstes Foto entstehen. An den Wänden hängen Plakate vergangener Vorstellungen, Harald Juhnke, Wolfgang Spier, Edith Hanke, eine lange Vergangenheit. Wir landen schließlich in einer Art Häuserschlucht. Der Büroturm im Hintergrund. Das gebogene Dach des Karrees in Reichweite. Woelffer vergräbt die Hände in den Hosentaschen, wirkt unentspannt. Das wird was werden, denke ich.

Minuten später stehen wir am Kurfürstendamm, lassen Woelffers Arbeitsplatz hinter uns, die Schritte scheinen ihm gut zu tun. Er hat fast sein gesamtes Leben in Berlin verbracht, nur geboren ist er hier nicht. "Ich bin drei Wochen zu früh gekommen. Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten damals in Lüdenscheid. Mein Vater war in der Zeit am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert. Bei einem Wochendausflug nach Lüdenscheid sind meine Eltern durch ein Schlagloch gefahren, haben dabei unheimlich viel gelacht. Die Wehen setzten ein, und ich kam in Lüdenscheid zur Welt." Wenn man ihn aber fragen würde, sagt er, natürlich: "Ich bin Berliner."

Hier am Kurfürstendamm sollen wir nicht bleiben, "interessant wird's in den Seitenstraßen", schlägt er vor. Die Grolmanstraße hinunter. Woelffer zeigt auf den Weinladen Viniculture, wo er manchmal einkauft. Welche er denn bevorzuge? Bordeaux und Burgunder aus Frankreich, auch Rotweine aus der Pfalz, vor allem aber die spanischen. Als Student hat er anderthalb Jahre in Madrid gelebt. Das Land fand er großartig, und dann war da noch ein Mädchen. "Sie kam aus einer typischen spanischen Familie, mit Oma im Haushalt und nur zwei Zimmern. Sie schienen glücklich, auch mal Leute von außerhalb zu bewirten." Hätte er sich vorstellen können zu bleiben? "Unbedingt. Wenn ich jetzt in Spanien bin, habe ich das Gefühl, da gehöre ich eigentlich auch hin. Aus den kleinsten Dingen macht man dort ein Fest." Spanien ist also Woelffers Sehnsucht.

Bleiben oder gehen?

19 war er damals. Ein Alter, in dem in der Familie Entscheidungen getroffen werden. Bleiben oder gehen? Auch Großvater Hans stand mit 19 vor dieser Entscheidung, 70 Jahre zuvor. Er war in Schleswig aufgewachsen. Sechs Geschwister hatte er, das Einzige, was sich die Eltern leisten konnten, war eine musikalische Ausbildung ihrer Kinder, jedes konnte ein Instrument spielen. Hans lernte das Klavierspiel und er wollte woanders sein Glück versuchen. In Berlin. Als Korrepetitor bekam er einen Job an der Krolloper, dann am Theater des Westens. Dort gingen die Besitzer 1931 in der Wirtschaftskrise pleite. Hans muss geschickt, voller Selbstvertrauen gewesen sein. Es gelang ihm, das Theater zu übernehmen, später auch die Bühnen am Kurfürstendamm. Er war ein Klavierspieler, kein Tellerwäscher, wurde auch kein Millionär, aber ein erfolgreicher Mann.

Der Enkel und ich stehen, immer noch auf der Grolmanstraße, vor der Künstlerkneipe "Diener". Vor Jahren traf sich hier die West-Berliner Prominenz. Martin war schon als Kind dort. Er erinnert sich an einen oft mies gelaunten Kellner. "Wenn er aber einen mochte, konnte er auch extrem nett sein."

Wir sind wieder bei Großvater Hans. Der die Kudamm-Bühnen auch in der Nazizeit geleitet hatte. Wie sehr hat er sich mit der Macht eingelassen? Jemand, der in der Hauptstadt für Unterhaltung sorgte, konnte das doch nicht ohne Wohlwollen von ganz oben? Nach dem Krieg kam der Verdacht auf, Hans Woelffer sei Parteimitglied gewesen. "Große Aufregung damals bei uns in der Familie: Das kann nicht sein." Martin Woelffer lacht. "Ich war der Oppositionelle, ich sagte: ,Doch, das muss so gewesen sein.'"

Es war schließlich Frau Bröse, die alles auflöste. Frau Bröse, die nach dem Krieg Frau Wertheim hieß. Sie war die Sekretärin von Hans Woelffer gewesen. Zu ihrem neuen Namen war sie gekommen, weil sie während der ganzen Nazizeit einen Wertheim-Erben bei sich zu Hause im Schrank versteckt hatte. "Tagsüber arbeitete sie bei meinem Großvater im Theater, die Abende verbrachte sie mit Wertheim. Aus Dank hat er sie später geheiratet."

Eines Abends, mitten in der Zeit, als der Nazi-Verdacht gegen den Großvater aufgekommen war, wurde beim Pförtner ein Zettel abgegeben. "Bin bei Ihnen in der Vorstellung. Vielleicht können wir uns sehen. Herzliche Grüße Frau Bröse."

"Mein Vater war ganz aufgeregt", erinnert sich Martin Woelffer. Frau Bröse könne doch zu dem furchtbaren Verdacht etwas sagen. Sie konnte. Frau Bröse, mittlerweile eine reiche Frau mit Wohnsitz in Lausanne, erzählte: Natürlich musste man damals einen Parteiantrag schreiben, wenn man öffentlich arbeitete. Alle halbe Jahre sei bei ihnen jemand vom Amt vorbeigekommen. Er sagte: "Herr Woelffer, Ihr Antrag ist immer noch nicht eingegangen." Dann habe Woelffer jedes Mal auf den Tisch gehauen und gerufen: "Frau Bröse, das kann doch nicht wahr sein. Wo ist der Antrag? Entschuldigen Sie, aber diesmal wird es klappen." Mehrere Jahre sei das gut gegangen. Erst 1942 musste er von seinem Posten zurücktreten. Martin Woelffer erinnert sich an seinen Großvater als einen "sehr feinen, humorvollen Mann".

Ein Stück Kuchen? Wir halten vor dem Café "1900" an der Knesebeckstraße. Ich frage Martin Woelffer, ob er so ein Nachmittagskaffeekuchenmensch ist? "Eigentlich überhaupt nicht. Ich finde, dass man sich nach Kuchen extrem unbefriedigt fühlt. Man ist hungriger als vorher und gleichzeitig hat man das Gefühl, dass man gerade dick geworden ist. Aber bei gutem Kuchen ... das heißt: nicht zu süß, nicht zu weiß, dann finde ich das okay." Das "1900" entspricht zwar den woelfferschen Anforderungen, aber irgendwie ist ihm mehr nach Spazierengehen.

Wir gehen durch die Mommsenstraße, laufen dann die Leibnizstraße zum Olivaer Platz hoch. Hier in der Gegend war Woelffer in seiner Jugend nachts unterwegs. Lange Kinonächte in der Kurbel mit allen Scorsese-Filmen. "Um 23 Uhr fing es an und ging bis fünf Uhr morgens. Das war West-Berlin." Und dann gab es noch die Klubs wie "Bowie", "Madow", "Far out", "Punkhouse", "Dschungel", in die er ging. Punkzeit, New Romantic, Freak-Zeit, das waren die 70er- und 80er-Jahre, und Woelffer nahm von jeder Mode etwas mit. Ganz zerrissen sei er rumgelaufen, weil es angesagt war, mit langen Hemden und Westen. "Auch heute gibt es noch so ein bisschen von dieser West-Berliner Atmosphäre. In einigen Szeneläden in Mitte, die noch dieses Anti-Ding zelebrieren: zu dunkel, zu dreckig, auf keinen Fall schick."

Er bleibt stehen, starrt auf die Hausfassaden, als höre er die Musik vergangener Tage und sehe sich als Jugendlicher dort vorbeiziehen. "Manchmal kommt mir in den Sinn, dass ich West-Berlin überlebt habe. Weil nicht nur mein Bruder, sondern auch viele Freunde gestorben sind. Durch Drogen und Unfälle. Insofern war es eine heftige Zeit, auch wenn wir das damals nicht so empfunden haben." Hat er auch Drogen genommen? "Zum Glück nie die ganz harten. Es gab auch einige Jahre, in denen ich keine Freunde hatte. Weil ich es von einem Tag auf den anderen nicht mehr ertragen konnte, dass alle bekifft ins Kino gehen."

Wir stehen am Ludwigkirchplatz. Um die Ecke in der Pfalzburger Straße hatte Woelffer seine erste eigene Wohnung. Drei Zimmer, die er sich mit einem Freund geteilt hat. Aber auch andere kamen in der WG "ab und zu mal unter". Johannes B. Kerner beispielsweise. "Der hat uns fast abgefackelt, das Bett fing auf einmal an zu rauchen. Es ist aber alles gut gegangen."

Der Ludwigkirchplatz steht aber auch für eine andere Erinnerung. Als der Bruder starb, veranstaltete eine balinesische Freundin hier auf dem Asphalt eine Art Totenritual. "Sie wollte den Geist meines Bruders entlassen. Alle Freunde kamen zusammen. Ein Kreis mit ganz vielen Blumen wurde gebildet." Mit 23 Jahren war der Bruder gestorben. Er hatte wahrscheinlich zu exzessiv gelebt. "Er war Diabetiker, daran ist er gestorben. Eines Nachts - er war erkältet, übermüdet, hatte zu viel Alkohol getrunken - merkte er nicht, dass er unterzuckert war."

Der Verlust muss ein Schnitt gewesen sein. Das Ende eines wilden, vielleicht unbedarften Lebens, der Anfang eines Lebens, vielleicht mit dem Spüren von Verantwortung. Für die Familie, auch für das Theater. Was war das für eine Familie nach dem Tod des Bruders? In der Vater Jürgen in der Zwischenzeit die Zügel des Theaters in der Hand hielt? "Meine Eltern waren getrennt. Bei uns war es völlig normal, dass mein Vater eine Freundin hatte, meine Mutter einen Freund. Sie haben sich aber nie scheiden lassen. Und sind immer, soweit ich das beurteilen kann, gut miteinander ausgekommen." Trotzdem hat es Martin Woelffer geprägt. "Insofern, dass man das alles unbewusst wiederholt." Seit Jahren beschäftigt er sich mit Familienaufstellung, leitet mittlerweile selbst Seminare mit Titeln wie "Mann sein, Frau sein" und "An Krisen wachsen": "Am Anfang wollte ich eigene Dinge bearbeiten. Dadurch habe ich das kennengelernt. Mittlerweile habe ich eine Ausbildung gemacht und ein Diplom bekommen." Was hat sich bei ihm verändert? "Ich bin inzwischen jemand, der alles gern zusammenhält: die Theater, die Familie."

Der Tod des Bruders

Wir sitzen nun doch bei einem Stück Kuchen, im "Ottenthal" am Ludwigkirchplatz. Gab es von der Familie Druck, die Theater zu übernehmen, frage ich ihn. "Nie offen bekundet. Es gab so was wie: Es wäre schon ganz schön ... Der Tod meines Bruders war der endgültige Auslöser, weil die Familie dann unheimlich zusammengerückt ist."

1990 gründete er mit Freunden ein kleines Theater, hinter den Bühnen am Kurfürstendamm, das Magazin. Bei der Premiere von "Der Menschenfeind" führte er erstmals selbst Regie. Friedrich Luft lobte in seiner letzten "Stimme der Kritik" den jungen Woelffer und wünschte: "Viel Glück auf diesem guten Weg". Das Theater brachte ihm auch in einer anderen Sache Glück. Er lernte seine spätere Frau kennen, die Schauspielerin Angela Schmid-Burgk, mit ihr hat er heute einen 16-jährigen Sohn und eine zehnjährige Tochter.

2004 übernahm er von seinem Vater die beiden Bühnen. Der zweite Generationswechsel. Gleichzeitig steht die Gefahr einer Schließung seit Jahren an. Das verstaubte Kudamm-Karree, in dem die Theater sich befinden, soll neugestaltet werden, immer wieder stellten sich neue Eigentümer vor, zuletzt der irische Investor Ballymore. Getan hat sich nichts.

Als Martin Woelffer antrat, stand eine Schließung unmittelbar bevor. "Wir hatten im Prinzip schon indirekt gesagt bekommen, dass es nur noch ein Jahr stehen wird. Es war eine bewusste Entscheidung von meinem Vater und mir, den Generationswechsel anzustreben, bevor es bekannt wurde. Unter dem Motto: Hier passiert was. Von daher hat es sich gelohnt. Die Lebenserwartung des Theaters war damals ein halbes Jahr - jetzt sind es acht Jahre. Und wie es aussieht, ist die Zukunft des Betriebes gesichert. Es geht seit längerer Zeit aber nur noch um ein Theater. Ein Theater in welcher Art auch immer."

Wir haben das Café verlassen, schlendern die Uhlandstraße hoch, zurück zu Woelffers Arbeitsplatz. Ich frage ihn, ob er mit seinem Leben zufrieden ist. "Insgesamt ja. Es ist nicht immer leicht, Theater zu machen. Es macht aber Spaß. Vor allem, weil es mir gelungen ist, da einen eigenen Stempel aufzudrücken." Werden seine Kinder die Dynastie fortsetzen? "Sie müssen beide nicht das Theater übernehmen. Nur, wenn sie Lust haben." Klingt wie einst bei seinen Eltern: "Es wäre schon ganz schön ..."