Berliner Spaziergang

Der ewig Blonde mit dem schwarzen Humor

Unser Spaziergang wird in die tiefsten Tiefen der Neuköllner Geschichte führen. An dunklen Orte, wo Frank Zander zu dem wurde, was er heute ist. Noch aber scheint die Sonne. Auf dem Richardplatz, wo wir jetzt stehen. Und in Frank Zanders Träumen. "Ich träume jetzt häufiger von Ecken in dieser Gegend, viele Häuser lagen ja damals noch in Trümmern, die U-Bahn stand voller Wasser. Aber in meiner Erinnerung scheint immer die Sonne", sagt er. Zander ist 1942 geboren, drei Jahre vor Kriegsende, und in Neukölln aufgewachsen. Später zog er nach Charlottenburg, um zu heiraten und erwachsen zu werden. Unser Besuch ist eine Rückkehr.

"Ey, Frankie!", ruft ein Mann über den Richardplatz, er ist blass, trägt Zopf und schiebt ein Fahrrad. "Wussten Sie, dass meen Vadder Ihren kannte? Meene Family lebt hier seit 300 Jahren." Er grüßt und zieht weiter. Im Februar hat Frank Zander, blondes Haar, Mittelscheitel, 70er-Jahre-Bart, hier seinen 70. Geburtstag gefeiert. In der Villa Rixdorf. Es war ein rauschendes Fest. Seitdem erinnert sich Neukölln wieder an den Jungen, dessen Oma hier um die Ecke ein Milchgeschäft betrieb. Und der später berühmt wurde.

"Oh, Susie" mit Reibeisenstimme

Frank Zander ist der Dienstälteste unter Deutschlands schrägen Schlagersängern. Seit 40 Jahren ist er berühmt für seine Reibeisenstimme und Songs wie "Oh Susie", in dem vermeintlich obszöne Stellen durch Fiep- und Furzgeräusche ersetzt sind. Oder seine düsteren Coverversionen berühmter Schlagerschnulzen im Metal-Sound. Nicht alle Originalsänger waren begeistert. Die andere Seite: Zander ist seit 18 Jahren Pate der Berliner Obdachlosen. Sammelt Spenden und bewirtet seine Schützlinge zu Tausenden an Weihnachten mit Gänsekeulen. Und, natürlich, er ist der Hymnensänger von Hertha.

Bekannter als Wowereit

Zumindest hier in Neukölln ist "Frankie" Zander bekannter als Klaus Wowereit. Oder Bill Kaulitz. Drei Schulmädchen kommen angeschlendert, kichernd. Ob sie ein Autogramm...? "Klar", Zander setzt mit quietschendem Filzstift seinen Namen auf sein Bild in Schwarzweiß. Darauf schimmert sein Haar grau statt blond. Die "böse Sieben", so nennt er sein Alter. Sagt, dass ihm das Altwerden nicht leicht falle. Er kann ganz ernsthaft sein. Seine Stimme kommt dann ohne Reibeisen aus.

Er schaut auf das Haus am Platz gegenüber. Seine Grundschule. Sieht sich selbst als "Stippi" über den Platz traben. "An dem Kiosk da hab' ich mein erstes Micky-Maus-Heft bekommen, von Vaddern. Heute ist es richtig was wert." Damals bedeutete es Luxus. "Wir Kinder hatten ja nicht viel, wir spielten im Sand mit Murmeln oder kletterten in den Kriegsruinen herum." Was die Stippis noch machten: "Wettpinkeln." Er grinst sein Frank-Zander-Grinsen, ein bisschen Jack Nicholson, ein bisschen der peinliche Angeber aus "Hier kommt Kurt." Wir laufen weiter. Über uns rauscht der Wind in den Bäumen. Er schaut sich um. Dass der Richardplatz heute so schön saniert sei, sagt er, habe er lange nicht gewusst. "Neukölln ist eben viel mehr als nur Ghetto und Rollbergviertel." Vom Karl-Marx-Platz tönen jetzt Schreie. Männergebrüll. Es sind aber nur Markthändler, die ihr Gemüse anpreisen, das in der Sonne schmort. High Noon ist in Neukölln um vier Uhr nachmittags, und uns steht der erste Höhepunkt des Spaziergangs bevor: das Musikhaus Bading an der Karl-Marx-Straße.

"Saba, Telefunken, Grammophon", werben verblichene Neonbuchstaben an der Fassade. "Hier hab' ich meine erste Gitarre gekauft", sagt Zander und öffnet die Tür. Dann stehen wir im vergangenen Jahrhundert. Dunkle, hohe Räume, Regale voller Instrumente und Metronome. Es duftet nach Holz und altem Papier. Hinter dem Tresen: ein Gruppenbild mit Damen. Die älteste thront mit strengem Blick an der Kasse, eine etwas jüngere steht daneben, die dritte streichelt einen kleinen Hund. Sie sitzen da wie gemalt.

Eine der Damen sei die Tochter des Firmengründers, erfahre ich vom jüngsten Anwesenden, der "erst" seit 44 Jahren hier arbeitet. Das Haus hat eine fast 100-jährige Tradition. Konzerte, Stars, Geschichten. Zander wird mit großem Hallo begrüßt und erklärt den Damen: "Ich zeige gerade das alte Neukölln, wo ich groß geworden bin." - "Det is hier aber Rixdorf", erwidert die älteste Dame spitz. Die etwas jüngere vermittelt: "Na, als er jeboren wurde, jehörte es schon zu Neukölln." Dann wird besichtigt.

Wir blättern in antiquarischen Noten und Schallplatten, "Pophits der 70er", "Al Bano und Romina Power". Zander weist auf eine Vitrine. Darin stehen Plattenspieler und Kassettenrekorder wie antike Ausstellungsstücke, davor stecken je zwei Telefonhörer. Er zieht einen heraus, es knarzt, er lacht. Schöner kann Schuleschwänzen nicht gewesen sein als im Schallplattenparadies Bading vor der Erfindung von iPod und Internet. Zander wird später einen Fluch ausstoßen über Google und Youtube: "Ein Fleischer verdient heute an seiner Wurst mehr als ein Musiker an seinen Stücken." Einen Raum weiter sind wir am Ziel: Die Gitarren. "Meine Fender kostete damals viel Geld, 1200 Mark", sagt Zander. - "Reichsmark!", ruft die alte Dame von hinten, und die jüngere: "Ach, Sie leben ja noch zu Kaiserzeiten!" Zander fährt fort: Das Geld für die Gitarre sei ja eigentlich das Ehestandsdarlehen gewesen. Meine Frau war ziemlich sauer." Zu den Anekdoten über Frank Zander gehört die von seiner Frau Evy, der die Gitarre nicht passte. Weil der Frank, den sie geheiratet hatte, doch Grafiker war. Sogar Meisterschüler. Er lacht. Für Evy habe er eine Weile versucht, die Musik aufzugeben. "Aber irgendwann dachte ich, wenn jetzt nicht mal wieder ein paar Noten in der Luft sind, wird's schlimm." Bei Bading brachte er seine eigene Single persönlich vorbei. "Die hieß 'Erna', wir hatten sie selbst gedruckt. Sie war einmal im Rias gespielt worden, dann gab es riesig viel Anfragen", er klingt heute noch stolz. "Als wir hier ankamen, hieß es gleich: 'Geben Sie her!' Wir verkauften gleich zwei Pakete." So fing alles an. Allen Ernas, Maries, Susies und Titten-Traudis zum Trotz, die Zander seitdem besungen hat, sind Evy und Frank seit 44 Jahren ein Paar. Sie ist die Konstante in seinem Leben. Und bei der Arbeit. Sie gehört, wie auch Sohn Marcus, 43, zur Familienfirma, die heute weit mehr produziert als "nur" schräge Schlager.

Dann stehen wir wieder in der Sonne. Schräg gegenüber steht die Magdalenenkirche mit dem Kindergarten, "es gibt ein Foto von mit dort im Sandkasten", sagt Zander. Im Körnerpark sprechen wir davon, wie er zur Musik kam. Sein Vater habe ihn zum Geigenunterricht geschickt, "der träumte davon, dass wir im Duett spielten, aber ich hab' das Üben immer gehasst." Die Beatles waren schuld Der Vater, Amtmann bei der AOK, hegte bürgerlichen Ehrgeiz für seinen Sohn. Geige sollte der lernen, Latein am Gymnasium. Letztlich waren die Beatles schuld, dass der Sohn lieber auf der Gitarre "skiffeln" wollte, der Beat wurde in den 60er-Jahren modern. "Plötzlich hatte ich Lust, zu üben." Und plötzlich stand er auch vorn auf der Bühne. Im "Riverboat", der legendären Disko am Fehrbelliner Platz, gehörte Zander lange zur Hausband. Sein Sohn, sagt Zander, habe die alten Plattencover der "Gloomys" wieder herausgekramt. Darauf zu sehen: Vier elegante junge Herren in Jacketts und geschniegelten Kurzhaarfrisuren. "Der zweite von rechts ist Vadder", hat der Sohn dazu notiert. Stolz.

Frank Zander spricht wiederum mit viel Respekt von seinem "Vadder". Der kam erst spät aus dem Krieg zurück, suchte lange nach Arbeit. Zu Zanders Erinnerungen gehört, wie die Mutter sich täglich zu Fuß nach Tempelhof aufmachte, mit dem Bollerwagen, um dem Vater Essen zu bringen. "Er hatte drei oder vier Jahre keine Arbeit. So lange baute im Kleingarten Kohlrabi und Gurken an."

Auf dem Boden bleiben, seinen Platz im Leben suchen - dieses Lebensmotto hat auch der Sohn übernommen. "Wir sind zwar nach Charlottenburg gezogen, aber ja gottseidank nicht vornehm geworden", sagt Frank Zander. Und auch musikalisch bleibt er sich treu - in der Provokation. Er gehörte zu den ersten, die den schwarzen Humor nach britischem Vorbild ins deutsche Musikgeschäft brachten. Eckte an mit der beinharten Mischung aus Musik und Comedy in der WDR-"Plattenküche". Solche Späße sind längst Mainstream - aber Zander ist längst weitergezogen. "Wenn zu mir zu viele Leute sagen, was ich zu tun habe, mache ich was ganz anderes." Seine Lieder sind zu schräg, zu lang, zu laut für die glatte Fernseh- und Radiowelt von heute. Zanders Bühne ist das wirkliche Leben. Unsere nächste Spaziergangsstation ist der beste Beweis.

Der "Bierbaum 1" ist eine Kneipe von jener Sorte, wie Frank Zander sie seit Jahrzehnten besingt, zuerst 1974 in der betrunkenen Anbetung "Ich trink auf dein Wohl, Marie", an deren Ende er vom Hocker kippte und alle lachten, obwohl es gar nichts zu lachen gab. Im Bierbaum ist es dunkel. Sechs junge Leute sitzen am Stammtisch, ein paar ältere Semester hinten im Raum. Als wir eintreten, sagt Zander mehr zu sich selbst: "Hmmmh, riecht hier nach Kneipe hier..." Der Rest geht in Gebrüll unter. - "Halloooo! Frank Zander!", unterbricht ihn der Stammtisch im Chor. Die Kellnerin fragt: "Bier?", Zander mustert die Cocktailkarte hinter dem Tresen mit Angeboten wie "Orgasmus". - "Ja, kleines Bierchen. Muss ja meine Stimme schlecht halten", er grinst.

Wut auf das Management

Der Stammtischchor steht jetzt aufrecht und schmettert los: "Nur nach Hause, nur nach Hause geh'n wir nicht..." Zander murmelt in sein Bier: " Bisschen tief", aber schon sind sie im Gespräch. Hertha. Der drohende Abstieg. Ihre Wut auf das Management, die teuren Spieler, die auf dem Platz stehen, statt zu kämpfen. Zander nickt. Er sagt: Hertha fehle das Herz. Das Berliner Herz. Vor 20 Jahren hat er die melancholische Hertha-Hymne eingesungen, zu Rod Stewards Melodie von "I'm Sailing". Vor einiger Zeit gab es Diskussionen, ob Song und Interpret noch zeitgemäß seien. Empörung bei den Fans. Zander blieb. Wenn er im Stadion ist, besucht er nicht nur die VIPs, sondern auch die Ostkurve. "Erst da versteht man, was Fußball ist." Dann stehen wir wieder in der Sonne. Zander wirkt fast wehmütig. "Ich mag Kneipen. Du kommst aus der Sonne und bist in einer anderen Welt. Zappenduster. Früher wurde da philosophiert, viele brauchten das, um Dinge loszuwerden. Heute gibt es Facebook, Twitter. Klar, aber das ist nicht dasselbe." Aber sind Kneipen nicht auch traurige Orte des Absturzes? Er sagt ehrlich: "Wenn ich nicht eine gewisse Familienführung hätte, durch meinen Sohn, meine Frau, würde ich vielleicht auch abgleiten. Eine Urangst ist da." Wir sind auf dem Rückweg zum Richardplatz, wo es seit kurzem eine kleine Ausstellung mit Zanders Bildern gibt. In der Galerie wartet Evy Zander. Sie hat ihren Mann vor dem Spaziergang einen bunten Schal vom Hals genommen. "Passt doch nicht zum Jackett! Männer!" Nun haben sie gleich den nächsten Termin, es geht um Spenden für den neuen Ärztebus für Obdachlose. "10.000 Euro fehlen da noch", mahnt sie. Er aber huscht noch mal kurz nach draußen. Da haben sich vier orangefarbene Gestalten aufgebaut, Straßenkehrer der BSR. Ob sie wohl ein kleines Handyfoto mit ihm ...? - "Klar", sagt Frank Zander und stellt sich in die Mitte. Evy seufzt und lächelt. Der Mann mit der Reibeisenstimme, manchmal ist er eben immer noch ein Kind. Ein Kind aus dem sonnigen Teil von Neukölln.

Ein paar Tage später klingelt das Telefon in der Redaktion, Frank Zander ist dran. Er klingt fast euphorisch. Es ist eine Minute nach Abpfiff des wohl wichtigsten Hertha-Spiels der Saison. "Wow, was für ein wahnsinnig aufregendes Spiel!", ruft Zander ins Telefon. "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Auf den wirklich allerletzten Drücker haben die Spieler von Hertha endlich die Kurve gekriegt und bis zur letzten Sekunde gekämpft." Eines ist ihm besonders wichtig: "Die Ostkurve war einmal mehr wichtig für den Sieg. Diesen Erfolg haben die tapferen, treuen Fans nach den schrecklichen letzten Heimspielen wirklich mehr als verdient", sagt Zander. "Hertha ist noch einmal mit einem dunkelblauen Auge davongekommen. Und wenn sie so wie heute auch in der Relegation spielen, dann bleibt Hertha auch erstklassig. Heute heißt es endlich mal wieder zu Recht: Nur nach Hause geh'n wir nicht!"