Berliner Spaziergang mit Maria Sommer

Am schönsten Ort, zur besten Zeit

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Maria Sommer, Chefin des Bühnenverlags Kiepenheuer

Ihren elften Geburtstag feiert Maria mit Freundinnen aus ihrer Klasse. Sie sitzen in der Schöneberger Wohnung, spielen ein Pfänderspiel. Nur Lena, das merkt Maria nach einer Weile, schummelt die ganze Zeit. Irgendwann wird Maria wütend, die Mädchen streiten, und das Geburtstagskind gibt Lena eine Backpfeife. Marias Vater kommt hinzu und verweist seine Tochter "in die Ecke". Das ist die schlimmste Strafe damals, geschlagen hat er Maria nie. Der Vater beugt sich zur Tochter herab und zischt sie an: "Wie konntest du das tun, du weißt doch ganz genau, dass die Lena es nicht so leicht hat, gerade jetzt."

Das "jetzt" bedeutet: Es ist der 4. Mai im Jahr 1933, Adolf Hitler ist seit rund drei Monaten Reichskanzler, Wörter wie "Pfänderspiel" oder "Backpfeife" sind genauso normal wie die Strafe für ungezogene Kinder: Stell dich in die Ecke! Die Kinder konnten damals noch nicht verstehen, warum Maria dort stand und sich schämen sollte, aber der Vater muss geahnt haben, was danach noch möglich war. Ihre Freundin Lena war Jüdin.

Der Morgen, als wir Maria Sommer treffen, ist ein Morgen kurz vor ihrem 90. Geburtstag, für sie ist es ein Tag wie viele davor. Sie sagt, auch in der Nacht vor dem Spaziergang habe sie wieder bis halb drei nachts gelesen, bei einem Glas Rotwein, in ihrem Sessel, in einem Raum voller Bücher der großen Russen, Südamerikaner, Deutschen. Seit sieben Uhr ist sie wach, hat ihre Morgenübungen gemacht, hat sich warm gebadet, kalt abgeduscht, Buttermilch mit Saft getrunken, und steht pünktlich um neun Uhr vor ihrem Verlags- und Wohnhaus in der Schweinfurthstraße in Dahlem.

Ihre Hunde sind kaum zu halten. "Zampano! Nicky! Hier ins Auto!" Überraschend, dass diese warme Stimme auch so bestimmt klingen kann. Der Schäferhund und der Mischling folgen ihrem Ruf und hüpfen auf umgeklappte Rücksitze. Sie fährt los, langsam, vorbei an der schwedischen und der äthiopischen Botschaft, vorbei an der Residenz des Bundespräsidenten - Joachim Gauck hat sie noch nicht kennengelernt -, und kommt am Grunewald zum Stehen. Vor ihr liegt der dampfende, neblige Wald, ein zeitloser Ort, der vor 90 Jahren genauso grün ausgesehen haben muss wie heute. Der Boden ist weich, er nimmt jeden der Schritte in sich auf. Wir werden Spuren hinterlassen.

Sie läuft los, sicher und schnell, einen Schritt vor den anderen. Maria Sommer sagt, sie sei "eine große Hinfallerin". Aber sie habe zum Glück auch das Aufstehen gelernt. Erst letzte Woche wieder am Münchner Flughafen, "na ja".

Dieses "Na ja", sie wird es oft sagen auf diesem Spaziergang. Sie spricht es ausatmend aus, und es klingt, als würde sie damit auch ganze Jahrzehnte zusammenknüpfen, es ist ein Krieg-Luftbrücke-Mauerbau-Mauerfall-Theater-Freunde-Krankheit-Tod-und-jetzt-dieses-Internet-Na-ja. All diese Dinge sind bei ihr nur einen Gedanken voneinander entfernt.

Als wir von Bäumen umgeben sind, sagt Maria Sommer, das hier sei nicht nur der schönste Ort Berlins, sondern auch die beste Zeit des Tages. Normalerweise geht sie diese Strecke allein, nur mit den Hunden, ungeachtet des Wetters. Natürlich trifft sie andere Hundebesitzer, doch sie grüße dann nur und laufe weiter, will hier ganz bei sich und ihren Gedanken sein, über Freunde und über Texte, wohl die beiden wichtigsten Dinge in ihrem Leben.

"Na ja, das war Christa"

Alle ihre näheren Verwandten sind bereits gestorben, ihr Mann Richard im Jahr 1970, auch manche Freunde, mit denen sie viele gemeinsame Jahre hatte, der Dramatiker George Tabori im Jahr 2007, die Schriftstellerin Christa Wolf erst vor wenigen Monaten. Bei Christa Wolfs Trauerfeier war Maria Sommer die Einzige, die ihre Rede frei gehalten hat, zurechtgelegte Worte aus einem dieser Spaziergänge im Grunewald. Sie sprach von dem Abend, als Christa Wolf ihr das Leben rettete. Sie, die selbstständige Verlegerin, war so enttäuscht von einem Menschen, dass sie alles infrage stellte, ihre Arbeit, ihr ganzes Leben. Am Telefon hörte Christa Wolf den Zweifel in ihrer Stimme, kam spontan vorbei, hörte zu, sagte Dinge wie: "Sei nicht so eine kleinliche Zicke." Maria Sommer sagt heute: "Na ja, das war Christa. Sie fehlt mir jeden Tag."

"Zampano!", ruft sie, "Jetzt komm her!" Der Schäferhund bellt. Er hat eine junge Golden-Retriever-Dame für sich entdeckt. Die junge Frau, die offenbar zum Retriever gehört, schaut nur tatenlos zu, wie Zampano sich hinter der Hündin begattungsbereit aufbaut. Er ist eigentlich schon dabei. "Das ist der Frühling", sagt Maria Sommer, seufzt und läuft auf ihren Hund zu. "Sag mal, was soll das, Zampano?" Der Hund lässt ab und drückt der Hundedame abweisend seine Pfote gegen die Schnauze. "Pfui ist das! Verstehst du das? Nee, das willst du gar nicht verstehen, oder?" Die andere Frau sagt: "Ja, sie ist gerade läufig", aber Maria Sommer geht schon weiter, murmelt, berlinert: "Die hat ooch ne kleene Meise ..."

Maria Sommer ist eine resolute Frau, keine Frage, sie leitet seit mehr als 60 Jahren den Kiepenheuer Bühnenverlag, war 25 Jahre Chefin der VG Wort, und als Günter Grass bei einem Treffen der Gruppe 47 in den 50er-Jahren mit ihr tanzte, sagte er: "Sie mögen Ihren Verlag führen, beim Tanz führe ich." Überhaupt, dieser Günter, dieser Grass. Seit mehr als 50 Jahren betreut Maria Sommer die Bühnenrechte des Literaturnobelpreisträgers. Film, Funk, Fernsehen und so weiter. Seit 50 Jahren ist er auch: ihr Freund. Sein Gedicht "Was gesagt werden muss" will sie nicht auch noch kommentieren. Sie sagt: "Günter ist der treueste Freund, den man sich vorstellen kann."

Wir erreichen das "Forsthaus Paulsborn". Im Sommer sei hier viel los. Heute ist alles geschlossen, dafür kriecht die feuchte Luft langsam in den Körper. Ein Mann läuft mit seinem Boxer vorbei, auf dessen Halsband steht: "Kein Mops." Maria Sommer lacht zwischen mehreren "Zampano!"-Rufen. Der Nicht-Mops hat nämlich Nicky für sich entdeckt. Das wiederum gefällt dem Schäferhund nicht. "Nicky ist sein Mädchen", sagt Maria Sommer über Zampano. Sie hat ihn nach dem traurigen Kraftprotz aus dem Schwarz-Weiß-Film "La Strada" benannt, der auf der Bühne Ketten sprengt, aber seine Liebe erst dann findet, als sie tot ist. Noch eine traurige Geschichte, die sie nicht erzählen muss. Sie steckt in einem: "Na ja."

Wir reden noch einmal über Lena, das Mädchen, das vor fast 80 Jahren beim Geburtstag schummelte, sie hat sie zwei Jahre später noch einmal getroffen. Lena sei zu Besuch in der Schule gewesen. "Ich habe mich demonstrativ neben sie gestellt", sagt Maria Sommer. "Alle sollten sehen, dass ich sie mag." Maria Sommer war mit 13 Jahren "Jungmädelführerin", wieder so ein altes Wort wie Backpfeife und Pfänderspiel. Sie nennt es "einen nicht zu tilgenden Makel in meinem Lebenslauf". Was aus Lena wurde, weiß sie nicht.

Sie klingt jetzt wie Günter Grass, mit dem sie häufig über diese Zeit geredet habe. "Ach", seufzt sie, "es war ja nicht alles Schwarz und Weiß, weder damals noch heute." Ihre Abiturfeier im März 1940 habe sie später in der Wohnung einer im Nazijargon Halbjüdin genannten Freundin gefeiert, mitten im Krieg. Schon damals war alles gleichzeitig.

Mit einer Bühnenverlegerin redet man natürlich auch über Theaterstücke: "Ich gehe nicht mehr in Premieren, ich ärgere mich zu oft." Wir reden über das neue komplizierte Urheberrecht: "Die jungen Leute laden sich Texte aus dem Internet, da blutet mir als Verlegerin das Herz." Sie beschreibt, wie sie für den Lebensunterhalt ihre Autoren gekämpft hat, in den 50er-, 60er-Jahren, bis heute. Wenn sie erzählt, wie der Autor der "Feuerzangenbowle" übers Ohr gehauen wurde, wird sie so wütend, als wäre es gestern passiert.

Aber zwischendurch sind da diese Geschichten aus ihren fast 90 Jahren in Berlin, Geschichten, die sie nie aufgeschrieben hat. Zum einen, weil sie diskret sein will, zum anderen, weil sie schlicht kein Talent dazu habe. Ihr Freund George Tabori hat es einmal so formuliert: "Man darf nur schreiben, wenn es pocht."

Einmal hat es gepocht bei ihr, vor 16 Jahren, sie lag im Krankenhaus. Ihr Arzt wollte wissen, wie sie ihre Zeit als Patientin erlebe. In diesem sehr persönlichen Text steht, wie sie mit 74 Jahren wirklich Angst vor dem Tod hat, wie sie nachts Texte des persischen Dichters Hafis vor sich hinspricht, wie ihr die Worte ihres verstorbenen Mannes helfen: "Du mit deinem goldenen Leben, um das dich so viele beneiden." Doch sie erwähnt auch die zwei Rasierklingen in ihrem Nachttisch. Die liegen dort seit 1945. Die wollte sie gegen ihre Pulsadern richten, im Fall, ein russischer Soldat vergewaltige sie. Sie musste sie nie benutzen, auch dank Christa Wolf. Zweimal hatte sie die Klingen in der Hand in all den Jahren, vielleicht nur, um zu sehen, ob sie noch scharf sind. Möglich, dass der Arzt diesen Text nie gelesen hat. Sie weiß es nicht. Er starb vor Kurzem.

Gedanken über den Tod

Viele Geschichten enden bei ihr mit dem Tod. Statt "na ja" sagt sie dann ein fast fröhliches "C'est la vie, c'est la mort." So ist das Leben, den Spruch kennt man. Neu ist: So ist der Tod. Aber in einem Satz von Maria Sommer schnell dahingesagt klingt es gar nicht mehr so schlimm.

Sie erzählt, wie sie zu den Hunden kam, eine Geschichte, die mit dem Tod beginnt und mit dem Leben weitergeht. Freunde rieten ihr nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1970 zu einem Hund. Sie hasste diese Idee. Aber George Tabori wollte in genau diesem Jahr einen Hund für seine Freundin als Geschenk, er selbst war gerade in New York. Also ging Maria Sommer zu Züchtern und kaufte einen Welpen. Die Freundin sagte zum Geschenk: Meine Mutter schmeißt mich raus. Sie hatte recht und für ein paar Tage lebten Hund und Tabori-Freundin bei Maria Sommer. Der Hund blieb, und seither geht sie jeden Morgen im Grunewald spazieren.

Maria Sommer ruft Zampano und Nicky ein ungeduldiges "Weiter! Weiter!" zu, sie hat gesehen, dass die läufige Hündin von vorhin wieder in der Nähe ist. Man begegnet sich hier im Grunewald gern zweimal. An einem Stapel von Baumstämmen bleibt sie stehen. "Der Wald wird durchforstet", sagt sie. Die Jahresringe der frisch gefällten Stämme sind gut erkennbar, zeigen, dass Bäume jünger sein können als Menschen. Hier vor den Stämmen am Grunewaldsee will der Fotograf sie abbilden. Sie mag keine Fotos. Die Falten, das sehe man doch. Auf Fotos lässt sich diese komplizierte Gleichzeitigkeit so schwierig darstellen: Kindheit, Jugend, Alter, alles ist nur einen Gedanken entfernt. Sie lächelt tapfer. Na ja.

Als wir unter großen Bäumen zurücklaufen, wird es kompliziert. Es geht um Religion, ein Thema, dem sie ausweichen will und lieber eine Geschichte erzählt, aus der Zeit, als sie mit Lena Pfänderspiele spielte: Nach einer schweren Erkrankung verspricht sie dem Pfarrer, ihr Leben Gott zu widmen. Später hat sie Zweifel, weil der gleiche Pfarrer Ehen zwischen Katholiken und Protestanten ablehnt. Sie ist das Ergebnis einer solchen Mischehe. Es war schon immer so kompliziert. Nach dem Abitur ist sie aus der Kirche ausgetreten.

Und heute? Sie spricht laut, deutlich, warm, ohne Hundezwischenrufe: "Ich rede nicht gern darüber. Aber das ist schon etwas, womit ich mich täglich beschäftige. Ich bin nicht von Natur aus religiös oder durch Erlebnisse, aber ich bin es dann doch in einem metaphysischen Sinn. Am nächsten Tag wieder nicht." Nicht zu glauben, sei genauso schwierig wie zu glauben. Vielleicht ist bei ihr beides gleichzeitig möglich. Sie schlage sich damit herum, ja, aber mehr wolle sie dazu nicht sagen.

Wenn Maria Sommer am Freitag ihren 90. Geburtstag feiert, wird das ein ganz normaler Tag sein. Sie will kein großes Fest. Das Wetter wird ihr nicht so wichtig sein, nur wenn die Sonne so richtig schön aufgeht, dann freut sie sich doch. Sie wird warm baden, kalt duschen, wenig frühstücken, gut Mittag essen, abends einen Rotwein trinken, sie wird lesen, lesen, lesen und sicher einen Spaziergang machen. Mindestens eine kleine Runde. Der Frühling hat ja gerade erst begonnen.