Gamestage

Mögen die Spiele beginnen

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Thomas Lindemann

Gamestage: Ab heute treffen sich in Berlin die wichtigsten Videospiele-Macher Deutschlands. Immer öfter haben ihre Werke einen künstlerischen Anspruch

- Früher wurden hier die Nächte durchgetanzt, und die besten DJs Europas spielten dazu. Heute Nachmittag beginnen im "Café Moskau", diesem vom Szeneclub zum Kongresshaus gewandelten Symbolort in Berlin-Mitte, die Deutschen Gamestage - das wichtigste Treffen der Videospiele-Macher Deutschlands. Keiner, der in diesem Land ernsthaft Videospiele schreibt, programmiert oder konzipiert, wird fehlen. Diese Woche bringt sozusagen das Konklave einer neuen Unterhaltungsindustrie in die Hauptstadt.

Um den Rang der deutschen Games-Metropole muss Berlin sich mit Hamburg und München streiten - aber allein das Austragen dieser wichtigen Konferenz ist ein Argument für die Hauptstadt. Berlin hat immerhin seine "Sillicon Alley", unter anderem ein Viertel nahe der Jannowitzbrücke mit der Games Academy und einigen Spieleentwicklern, und kürzlich empfahl der Internetguru Matt Kohler Games-Investoren aus Amerika, lieber nach Berlin zu gehen als nach Kalifornien. Da passt es, dass sich die Branche der Spielemacher nun hier trifft. Die Gamestage vereinen die Entwicklertagung Quo Vadis (die heute auch zehnjähriges Jubiläum feiert), das Kunstfestival A Maze und die Verleihung des Computerspielpreises - rund 2000 Fachbesucher werden erwartet.

Künstlerisches aus Kreuzberg

Wenn die etwa die Kaffeesatz-Frage "Wohin geht es in der Games-Branche" beantworten sollen, sitzt auch der Berliner Timo Ullmann auf der Bühne. Dessen Firma Yager hat mit "Spec Ops The Line" gerade ein hoch aufwendiges Spiel fertiggestellt, dessen Budget Gerüchten zufolge mindestens 20 Millionen Euro gewesen sein soll. Es wird in diesem Jahr das einzige deutsche Spiel von Weltrang werden - ein surreales Kriegsspiel, das Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" in einen modernen Konflikt in Nahost überträgt. Die ersten Ausschnitte, die bisher zu sehen waren, versprechen ein bitteres Szenario, welches das Scheitern der USA in Nahost fühlbar machen will.

Damit könnte das Genre der Millitär-Schießspiele - seit einigen Jahren das beliebteste von allen - neue Impulse bekommen. Bisher wird dort noch jedes Spiel mit dem Hinweis auf die "wahre, realistische Kriegserfahrung" beworben. Nun könnten es die Macher aus Kreuzberg sein, die das Gefühl von Albtraum und Beklemmung an diese Stelle setzen. Das wäre ein Weg für Videospiele, wirklich künstlerische Aussagekraft zu erreichen.

Denn mit der Kunst ist es nicht immer einfach. Wer auf den Gamestagen genau zuhört, erfährt, wohin es die Spielebranche derzeit treibt. Ein Schlagwort wird man auf den Vorträgen und bei Diskussionen immer wieder hören: Free to play! Der Anglizismus umschreibt Spiele, die nichts kosten - das ist derzeit das große Erfolgsmodell dieser Kulturindustrie. Sie lebt im Moment von Spielen, die man in seinem Browser spielt, die in Fantasy-Welten führen oder einen zum virtuellen Bauern machen. Nur wer tief in das Spiel einsteigen will, muss bezahlen - zum Beispiel, um seinem Helden für zwei Euro ein besonders schönes Pferd zu kaufen. Manche Firma ist mit diesem Spielprinzip aus dem Nichts zum Welterfolg aufgestiegen - allen voran der Hamburger Hersteller Bigpoint, der kaum zehn Jahre alt ist, schon 800 Menschen beschäftigt und jährlich fast 100 Millionen Euro umsetzt. Doch nicht jeder freut sich über diese Entwicklung.

Aufwendig produzierte Videospiele waren bisher stolze Einzelwerke, kosteten 60 Euro und waren von Hundertschaften oft jahrelang entwickelt worden. So entstanden die Epen der "Grand Theft Auto"-Reihe oder der interaktive Noir-Thriller "Heavy Rain". So entstand überhaupt erst der Anspruch, Videospiele könnten Kunst sein. Mit Free-to-Play-Browserspielen über virtuelle Bauernhöfe allein wäre es vermutlich nie dahin gekommen, dass der Kulturstaatsminister am Donnerstag zum vierten Mal den Deutschen Computerspielpreis vergibt.

Welche Richtung nun die richtige ist, auch darum wird es in den kommenden drei Tagen gehen. Das Programm der Entwicklerkonferenz "Quo Vadis", dem Herz der Gamestage, verrät alles über die Sorgen und Hoffnungen deutscher Spielemacher. Immer wieder geht es darin um kostenlose Online-Spiele, Vorträge über "virtuelle Güter" werden gehalten. Der Spielekonzern Ubisoft wird ein neues Spiel vorstellen - Free to play, natürlich. Doch diese inzwischen so wichtigen Gamestage hätten nicht ihre Bedeutung, kämen zumindest am Rand nicht auch Vorträge über die großen, teuren Blockbuster vor, die technisch hoch komplexen Spiele, zu denen es oft auch tausendseitige Drehbücher mit ausführlichen Geschichten gibt. Und so wird etwa Michal Nowakowski anreisen. Der Warschauer hat in sein Fantasy-Spiel "The Witcher" unter anderem konsequent Erotik eingebaut und somit ein überflüssiges Tabu der Games-Szene gebrochen - eine halbe Million verkaufte Spiele waren die Antwort. Nun kommt der Pole nach Berlin, um seinen deutschen Kollegen zu erklären, wie man mutige Konzepte umsetzt. Fehlender Mut ist wohl oft das wahre Hemmnis der deutschen Spielemacher. Denn die Browserspiele und Gratisspiele können eigentlich auch anders. Das sieht man etwa an "Trauma", in dem man eine Frau spielt, die nach einem Verkehrsunfall traumatisiert ist und nicht wieder auf die Beine kommt. Oder an dem eigenwilligen "TwinKomplex", einer online zu spielenden Verschwörungsgeschichte, gemacht von dem Künstler und Kulturtheoretiker Martin Burckhardt, gedreht mit großen Berliner Schauspielern wie Bernhard Schütz und Irm Herrmann. Die Geschichte wird von einem Autorenteam ständig weitergeschrieben, während die Fans bereits online ihren Anfang spielen - Ergebnis offen und unklar, selbst für die Macher des Spiels. Das alles ist möglich - aber es ist in Deutschland noch die Ausnahme.

Das Problem steckt letztlich auch hinter der gerade aufgeflammten Diskussion über die praktisch nicht vorhandene öffentliche Förderung von Videospielen. Während der deutsche Film insgesamt rund 300 Millionen Euro an Fördergeldern bekommt, erhält das deutsche Videospiel nicht einmal ein Hundertstel davon.

Höhepunkt der Gamestage

Beim Deutschen Computerspielpreis, der von der Bundesregierung zusammen mit den Branchenverbänden ins Leben gerufen wurde und am Donnerstagabend als Höhepunkt der Gamestage vergeben wird, hat die Jury es - neben drei oder vier Spielen mit großer inhaltlicher Tiefe - dann auch noch viel mit Kleinkram zu tun: von "Das verrückte Labyrinth" bis zum sehr soliden, aber überhaupt nicht überraschenden Fantasyspiel "Drakensang Online". Noch liest sich also die Nominiertenliste der LARA - des kommerziellen Preises, der am selben Abend gleich mit vergeben wird - viel interessanter. Hier erst findet man "Battlefield 3", "L. A. Noire", "Portal 2" - die Spiele, über die im 2011 wirklich geredet wurde. Die deutsche Branche steht dagegen immer noch vor dem Spagat, kulturell und pädagogisch wertvolle Computer- und Videospiele herzustellen, die gleichzeitig populär sind.

Auch das zeigt sich diese Woche: Zum ersten Mal ist ein echtes Ballerspiel beim Computerspielpreis nominiert, der Egoshooter "Crysis2" der Frankfurter Firma Crytek. Kulturstaatsminister Neumann, der sich gegen solche Spiele bisher eher gewehrt hatte, wird sich vielleicht dazu äußern und eine Diskussion beginnen. Es wird die kommenden Tage also nicht nur gespielt im "Café Moskau".