Welttag des Buches

Zwischen Leselust und Händlerfrust

- Ein paar Schritte vom U-Bahnhof Johannisthaler Chaussee in Rudow entfernt hat Sonja Schwestka-Krause ihren Laden. Es geht an Aufklebern vorbei, die mit "Midseason Sale", "Wurst und Würstchen" und "Junge Mode ab Größe 42" werben. Dann die 650 Quadratmeter von Sosch, dem größten privaten Buchhändler der Stadt. Für einen werktäglichen Vormittag ist der ordentlich besucht, da sind andere Geschäfte deutlich leerer. Menschen suchen sie noch immer, die gedruckten Krimis, die illustrierten Kochbücher und die schlauen Gebrauchsanleitungen für ein besseres Leben.

Heute wird der Welttag des Buches begangen, die Unesco hat ihn 1995 erstmals ausgerufen, und allein das könnte einem schon ernsthaft Sorge bereiten. Wenn die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur sich um etwas kümmert, dann ist es zumeist Bestandsschutz für Dinge, die dem Untergang geweiht sind: marode Gebäude, seltene Dialekte, vom Aussterben bedrohte Tierarten. Die Sorge um das Buch - ein stets hochgeschätztes Kulturgut, egal, ob als Lyrik, Langweiler oder Lustroman - ist quasi Standard in der Kulturnation Deutschland. Sie ist zumeist verbunden mit der Klage über die Jugend von heute und die Verdummung durch die Massenmedien.

Dabei beruhigen die Zahlen: Rund 400 Millionen Bücher werden hierzulande pro Jahr verkauft, 95.838 neue Bücher erschienen 2010 in Deutschland, allein in Berlin sind es fast 10.000 Titel. Der Umsatz ist nach wie vor hoch: 9,7 Milliarden Euro macht die Branche, eine Zahl, die seit Jahren weitgehend stabil bleibt und in den vergangenen Jahren sogar leicht gewachsen ist. Untergang sieht anders aus. Trotzdem klagen sie auf dem Buchmarkt - auf hohem Niveau, aber nicht unberechtigt.

Sonja Schwestka-Krause hat ein ziemlich gutes Gespür für die Zukunft. Als die Wienerin in den 80er-Jahren nach Berlin zog, der Liebe wegen, wollte sie in der Stadt einen Buchladen eröffnen. Ein Geschäft in der Gropiusstadt hielt damals jeder in ihrer Umgebung, von den Banken gar nicht zu reden, für eine Schnapsidee. In der Trabantenstadt, so das Vorurteil, lese ohnehin keiner, in so einer buchfeindlichen Umgebung habe sie keine Chance, selbst der Vermieter riet ihr ab. "Das war schon sehr despektierlich", sagt sie heute.

Der größte Buchladen der Stadt

Auf zwei Dinge verließ sich Schwestka-Krause: Bauchgefühl und Stadtplan. Den hängte sie an die Wand und befestigte an jedem Ort, an dem sich ein Buchgeschäft befand, eine Reißzwecke. Und ein reißzweckenfreies Gebiet war der Berliner Südosten. Mit 36 Quadratmeter begann sie, ein gutes Vierteljahrhundert und drei Umzüge später ist sie noch immer in den Gropiuspassagen. Das Einkaufszentrum ist heute das größte der Stadt, und mit 650 Quadratmetern ist der Buchladen Sosch nicht nur der größte Berlins, sondern auch der umsatzstärkste: drei Millionen Euro jährlich mit 18.000 Titeln.

Die 53-Jährige hat so viel Selbstbewusstsein, dass sie die Todesglocken für das Buch nicht ernst nimmt. Die Lesefreude bleibe, sagt sie, das könne sie Tag für Tag in der Kinderbuchabteilung sehen. "Die sei immer gut besucht." Aber dass sich der Trend drehe, das spüre sie schon. Was sich ändert, ist das Kaufverhalten. Der Internethändler Amazon, so lautet die etwas simple, aber nicht falsche Formel, mache sie alle platt. In den Jahren zuvor hatten die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel eine beispiellose Expansion hinter sich, nun befinden sie sich in einem ebenso beispiellosen Rückzug.

Denn seit einigen Jahren ist das Internet einer der Hauptkonkurrenten geworden. Schwestka-Krause gibt das unumwunden zu. "Zu viele Leute bestellen ihre Bücher von daheim aus", sagt sie, "oder sie lesen sie gleich auf ihren digitalen Geräten, ihren iPhones oder iPads."

Genaue Zahlen gibt es darüber nicht, denn sowohl der Online-Buchhändler Amazon als auch der digitale iBook-Vermarkter Apple halten sich mit Informationen über ihren elektronischen Buchverkauf zurück. Klar ist nur, dass der Anteil der E-Books in Deutschland noch vergleichsweise gering ist. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels setzt ihn mit rund 0,4 Prozent an. In den USA sind es mehr als acht Prozent. Dabei ist schon in Berlin sichtbar, wie das E-Book an Alltäglichkeit gewinnt, in der S-Bahn sieht man häufiger die kleinen Lesegeräte Kindle oder iPad. Sie sind dünn, handlich und bieten einer ganzen Bibliothek Platz.

Einer der Vorreiter auf dem Gebiet des digitalen Buchs ist der kleine Berliner Verlag Haffmans & Tolkemitt, den es erst seit 2009 gibt und dessen Firmenzentrale mit acht festen Mitarbeitern am Alexanderplatz ist. Seit diesem Frühjahr bringen sie Bücher heraus, auf deren vorletzter Seite ein Code steht, mit dem sich das Buch auch problemlos für ein elektronisches Medium herunterladen lässt. Viele Verlage, die bisher beide Formate komplett voneinander trennen, sind gespannt, ob diese Strategie aufgeht.

"Der Vorteil eines kleinen Verlags ist", sagt Till Tolkemitt, "dass wir unabhängiger sind als die großen Verlage und so etwas schnell entscheiden können." Der Nachteil wiederum sei, dass auch sein Verlag sich mit Amazon auseinandersetzen müsse. "Die machen Rahmenverträge mit den großen Verlagen, und die Bücher der kleineren Verlage kommen nicht ins Zentrallager." Er glaubt nicht, dass das Buch verschwinden wird, aber der Online-Buchhandel werde weiter steigen. Amazon werde immer besser und liefere immer schneller.

Doch nicht nur der digitale Verkaufsmarkt ist ein Problem, seit einigen Wochen steigt auch die Aufmerksamkeit für das Urheberrecht von Autoren, das viele durch das digitale Buch in Gefahr sehen. Die Berliner Autorin und Buchpreisgewinnerin Julia Franck ("Die Mittagsfrau") hat sich kürzlich in einem Interview um den Fortbestand des Urheberrechts in Zeiten des Internets gesorgt. Klar eröffne die weltweite Vernetzung viele Freiheiten, aber das könne nicht bedeuten, "dass ich alle berauben kann". Das Internet sei für viele ein "Wald, in dem man wildern kann". Sie aber möchte von ihrer Kunst leben.

Verlagsleiter Tolkemitt sagt deshalb, die Buchverlage dürften nicht den gleichen Fehler wie die Musikindustrie machen und sollten sich möglichst bald mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Zum einen sollten sie über neue Darstellungsformen von Büchern nachdenken - zum Beispiel als Apps für Telefone oder Lesegeräte. "Ich gehe davon aus", sagt er, "dass die Verlage in fünf Jahren einen deutlich höheren Umsatz mit E-Books machen werden." Man müsse dabei aufpassen, dass der Preis nicht unter 3,99 Euro rutsche, denn der Aufwand für ein gedrucktes Buch unterscheide sich letztlich nur im Vertrieb. Auswahl der Manuskripte, Lektorat und Werbung bleiben letztlich weiter die Kernaufgaben eines Buchverlags.

E-Book als Experiment

Doch durch das Internet kann auch ein Einzelner all diese Aufgaben für sein Buch übernehmen und es ganz ohne Verlag herausbringen. Der Berliner Blogger Johnny Haeusler, der durch seine Internetseite www.spreeblick.de bekannt wurde, hat im Dezember 2011 mehrere seiner Berlin-Kurzgeschichten in einem Buch zusammengefasst, mit einem Titel und Cover versehen und selbst als E-Book verlegt: "I Live by the River". Es geht um die Spree, um seinen Vater, um seine Erfahrungen im Supermarkt und im Internet. Der Preis für 15 Geschichten, die alle schon vorher kostenlos im Netz zu lesen waren: 99 Cent.

"Für mich war das ein Experiment", sagt Haeusler. "Ich wollte einfach sehen, ob ich vielleicht 1000 Stück davon verkaufen kann." Rund 30 Prozent davon muss er bei jedem Verkauf an Amazon oder Apple abgeben. Bisher haben das Buch mehr als 5000 Menschen heruntergeladen. Die Käufer können es nicht verschenken, auf keinem Flohmarkt weiterverkaufen - und sie sollten es um Himmels willen besser nicht in die Ecke werfen. Sie können es nur: lesen. Wenn sie einen Rechtschreibfehler finden - zwei, drei gab es da schon noch - können sie Haeusler eine E-Mail schreiben. Er aktualisiert das dann. Sein nächstes Buch soll trotzdem ein gedrucktes sein. So richtig mit raschelnden Seiten, das dann auch bei Sonja Schwestka-Krause in den Gropiuspassagen zu finden sein wird.