Familienpolitik

Frau Schröders Rolle rückwärts

Die Frauenministerin will kein Vorbild sein. In ihrem Buch "Danke, emanzipiert sind wir selber!" bekämpft sie den Feminismus

- Als der Anruf der Kanzlerin kam, war Kristina Köhler gerade auf dem Weg nach Tegel. Ob sie Bundesministerin werden wollte? Das Telefonat dauerte drei Minuten. Statt zum Flughafen fuhr Kristina Köhler danach ins Innenministerium, zu ihrem Verlobten. Und statt darüber zu reden, welche politischen Weichen sie künftig stellen könnte oder was das Angebot für ihre Karriere bedeutete, redeten die beiden darüber, dass sie nicht bis zur nächsten Wahl mit einem Kind warten wollten. Eine Stunde später rief Kristina Köhler die Kanzlerin an und teilte ihr den gemeinsamen Entschluss mit. Er lautete: "Ja, aber."

Man könnte meinen, diese Geschichte habe jemand erfunden, der der heutigen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Übles will. Zu gut passt dieses "Ja, aber" zu dem, was Kritiker der Ministerin vorwerfen. Ja - sie sei über die Maßen ehrgeizig. Aber - es fehle ihr an Kontur, Ideen, Verständnis und vor allem Ergebnissen. Ja, sie gibt sich mit Kind und Karriere als moderne Politikerin. Aber in ihren Haltungen ist sie extrem konservativ, teilweise reaktionär. Ein Kollege hat sie deswegen einmal die "deutsche Sarah Palin" genannt.

Die Anekdote über ihren Amtsantritt stammt von der Ministerin selbst, die mittlerweile Kristina Schröder heißt. Sie erzählt sie in ihrem am Dienstag bei Piper erschienenen Buch "Danke, emanzipiert sind wir selber. Abschied vom Diktat der Rollenbilder", das sie mit ihrer Mitarbeiterin Caroline Waldeck geschrieben hat.

An sich ist ein Buch im Amt eine gute Idee für eine Ministerin, die Gefahr läuft, dass alles, was von ihr bleiben wird, ihr Kind ist, das sie während der Amtszeit bekommen hat. Und die bislang für Frauen, Männer und Gleichberechtigung nicht viel mehr beigetragen hat, als ein "Nein" zur Frauenquote und die Einrichtung eines Männerreferats.

Wie eine Verteidigung

Doch gleich im ersten Satz scheint dieses unentschiedene "Ja, aber" durch, das sich wie ein roter Faden durch den Text zieht. "Dieses Buch ist ein politisches Buch, aber kein Buch über Politik", schreibt Schröder. Nein, es gehe hier ganz explizit nicht darum, was die Politik tun könne, um die Lage von Frauen zu verbessern. Nicht um ein Betreuungsgeld, also eine monatliche Zahlung an Eltern, die ihr Kind in den ersten drei Lebensjahren zu Hause betreuen, und nicht um Maßnahmen, die helfen, Frauen in Führungspositionen zu bringen.

"Danke, emanzipiert sind wir selber!" wirkt wie eine Verteidigung. Schröder muss ahnen, dass die Öffentlichkeit, sich wünscht, sie möge endlich eine Position in der Geschlechterdebatte beziehen. Eine entschiedene.

"Frausein heißt heute vor allem: Rechenschaft schuldig sein", schreiben die Autorinnen. "Für private Entscheidungen, für persönliche Prioritäten, für eingegangene oder nicht eingegangene Kompromisse, für Chancen und Rückschläge." Das Buch ist aus der Perspektive von Kristina Schröder geschrieben und beginnt konsequenterweise auch damit, wofür sie sich rechtfertigen musste: Erst dafür, dass sie, als sie Familienministerin wurde, ledig und kinderlos war. Und dann, dass sie verheiratet war und eine Tochter hatte und trotzdem weiter Familienministerin blieb.

Für eine aktive Politikerin ist dieser private Ansatz ungewöhnlich und mutig. Doch Schröder nutzt ihre Chance nicht. Stattdessen haut sie auf das neue Feindbild der emanzipierten Frau ein: die Feministin. Sie, so sagt Schröder, habe sich vom Motor zur Bremse entwickelt. Und hier beginnen die Verschwörungstheorien. Ein "weltanschaulicher" Feminismus, der schon "quasireligiöse" Züge habe, dominiere die Frauen. Die Autorinnen sinnieren über das "feministische Helikopter-Syndrom" - die Überbehütung und Überbemutterung durch andere Frauen. "Der Feminismus ist zum Paternalismus geworden." Man könnte fast sagen: Frauen sind die neuen Männer. Als Verkörperung dieses Feminismus dient eine Figur, die Kristina Schröder schon in der Vergangenheit häufiger als Antagonistin aufgebaut hat: Alice Schwarzer. Unter ihrer Federführung habe der Feminismus das Ideal der Hausfrau und Vollzeitmutter attackiert und die Frauen in das Dilemma gestürzt, in dem sie jetzt stecken.

Moment mal - Frauen würden ja gerne das Glück im Privaten suchen, aber das dürfen sie nicht mehr, weil es die Feministinnen verbieten? Ist das Frauenbild von Kristina Schröder wirklich so naiv?

"Jungs brauchen männliche Vorbilder", hat Kristina Schröder in einem Interview mal gesagt, deswegen brauchte man in Kindergarten und Grundschule mehr männliche Erzieher. Ist es da nicht inkonsequent, sich so vehement dagegen zu wenden, dass Mädchen weibliche Vorbilder haben? Nicht die im Kindergarten, sondern die in den Vorstandsetagen. Oder ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern tatsächlich so groß, wie dieses Buch glauben machen will?

Leicht verkrampfte Pose

Interessanterweise stellt sich nach ein paar Kapiteln genau das kesse "Danke, emanzipiert sind wir selber!" ebenso wie Schröders Bild auf dem Titel als eine leicht verkrampft eingenommene Pose heraus. Zwischen den Zeilen von Schröders Buch steht noch ein zweites, das sie nur andeutet. Eines, aus dem eine Angst spricht, die ein Großteil der berufstätigen Mütter wohl nur allzu gut kennt. Die Angst, die "Rabenmutter" zu sein, als die sich die Autorinnen im Vorwort selbstironisch bezeichnen.

"Aus eigener Erfahrung nach der Geburt meiner Tochter weiß ich, welchen Druck die Erwartungen an eine 'gute Mutter' ... auf Frauen ausüben", schreibt Schröder. Um die Freiheit bringen einen nämlich nicht nur die bösen Feministinnen, sondern auch so beglückende Menschen wie die eigene Tochter. "Frauen", so Schröder "scheinen in der Wahl ihres Lebensentwurfes frei, solange sie nicht Mütter sind."

Dieses Buch, das sie erst im hinteren Teil ihrer Streitschrift beginnt, ist das eigentlich spannende. "Die emanzipierte Frau steht damit vor einem Dilemma: Sie hätte gerne Kinder, sieht sich aber nicht als Mutter. Denn Mütter sind entweder bessere Menschen (altruistisch, selbstlos, aufopferungsbereit) oder schlechtere Menschen (feige, ambitionslos, mäuschenhaft)", fasst Schröder die Gesellschaftslage zusammen. Doch die Chance, durch ihre Darstellung genau diesen Diskurs zu beeinflussen, lässt sie verstreichen. Statt zu versuchen, die deutsche Präsenzkultur zu beeinflussen oder zu hinterfragen, wie sinnvoll die permanente Verfügbarkeit ist, flüchtet sich die Autorin ins Individuelle, Traditionelle.

Doch was ist jetzt die Schlussfolgerung? Ja, Kristina Schröder nimmt in ihrem Buch eine Haltung ein. Aber für die Frauenministerin ist es die denkbar bizarrste. "Die politische Schlussfolgerung kann nur lauten, die Steuerung nach Rollen- und Familienleitbildern zu unterlassen." Soll heißen: Wer sich emanzipieren will, muss es aus sich heraus schaffen. Die Politik sollte da nicht eingreifen. Die ersten Reaktionen auf diese Haltung ihres Buches sind vernichtend.

Ja, Kristina Schröder hat sich lautstark über Rollenbilder und den Zwang, sich als Frau für einen Lebensentwurf rechtfertigen zu müssen, beschwert. Aber eine Lösung ist ihr nicht eingefallen.