Interview: Gesine Cukrowksi

"Keine Mutter gibt ihr Kind einfach so weg"

Anonyme Geburt: Die Berliner Schauspielerin Gesine Cukrowksi über ihr Engagement für Babys und deren Mütter, die unbekannt bleiben wollen

- Eine kleine Klapptür, nicht größer als 80 mal 50 Zentimeter, ist seit einigen Tagen Mittelpunkt einer bundesweiten Diskussion. Während sich hinter der geschlossenen Klappe um das Kind gekümmert wird, kann die Mutter draußen unerkannt verschwinden. Das ist, in wenigen Worten, das Konzept der sogenannten Babyklappe. In Berlin gibt es vier dieser Art: im Vivantes-Krankenhaus Neukölln, im Evangelischen Krankenhaus Spandau, im St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof sowie im Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf. Bundesweit sind es knapp 90 Babyklappen, in den vergangenen zwölf Jahren wurden knapp 1000 Findelkinder auf diese Weise abgegeben. So weit klingt es wie eine Erfolgsgeschichte. Doch eine Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auftrag des Bundesfamilienministeriums sorgte nun für Aufruhr. In "Anonyme Geburt und Babyklappen" heißt es, von den 1000 Kindern seien die meisten in Adoptivfamilien vermittelt worden, bei einem Fünftel jedoch sei deren Verbleib unklar. Das Ministerium will eine Neuregelung.

In diese Debatte schaltet sich jetzt auch die Berliner Schauspielerin Gesine Cukrowksi ein, die der Stiftung "Findelbaby - Mütter in Not" des Vereins SterniPark vorsteht. Für ihr Engagement wird Cukrowksi am Sonnabend mit dem Hans-Rosenthal-Ehrenpreis ausgezeichnet. Anne Klesse hat mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Frau Cukrowski, Nach Plänen des Bundesfamilienministeriums sollen anonyme Geburten künftig verboten und keine neuen Babyklappen mehr eingerichtet werden. Stattdessen wird über die sogenannte vertrauliche Geburt nachgedacht, bei der die Mutter verpflichtet ist, ihre Personendaten anzugeben. Was halten Sie von solchen Überlegungen?

Gesine Cukrowski:

Ich halte sie für vorschnell. Denn die Studie des Deutschen Jugendinstituts wurde falsch interpretiert. Auch die Macher der Studie haben sich ganz klar von der Berichterstattung über die angeblich verlorenen Kinder distanziert. Ich hoffe, dass die Bundesfamilienministerin erst eine Entscheidung treffen wird, wenn sie sich vorher die genauen Hintergründe angesehen und mal mit Betroffenen gesprochen hat.

Wo sind die 200 "verlorenen" Babys?

Die Jugendämter in den einzelnen Bundesländern wissen, wo jedes Einzelne geblieben ist. Die meisten Träger von Babyklappen in Deutschland sind ja Krankenhäuser. Wird ein Baby dort anonym abgegeben, schalten die das Jugendamt ein, das das Kind in eine Adoptionsfamilie bringt. Es gibt keine Pflicht zur Rückmeldung, da ruft niemand an im Krankenhaus und sagt: "Ach übrigens, wir haben jetzt eine Adoptionsfamilie für das Findelbaby von vorgestern gefunden." Es ist so: In der Studie kam die Frage "Was ist mit den Kindern aus Ihrer Babyklappe geschehen?" Die drei möglichen Antworten waren a) Es wurde der Mutter zurückgegeben, b) Es wurde zur Adoption freigegeben, c) Nicht bekannt. Die Träger haben also in den meisten Fällen "nicht bekannt" angekreuzt. Das bedeutet nicht, dass die Babys verschwunden sind. Es bedeutet, dass die Krankenhäuser keine Rückmeldung von den Jugendämtern bekommen haben, wie mit den Babys weiter verfahren wurde.

2011 wurden bundesweit zehn Neugeborene ausgesetzt und 14 tot aufgefunden. Das ist der niedrigste Stand in der Geschichte der Bundesrepublik. Trotzdem: 14 tote Babys sind 14 zu viel. Was ist zu tun, damit kein einziges Neugeborenes mehr in einem Mülleimer sterben muss?

Ich finde grundsätzlich das Angebot einer vertraulichen Geburt ein gutes, es darf aber nicht das einzige sein. Die Mutter sollte die Wahl haben. Die Mütter, die ich betreut habe, hätten sich nicht auf die vertrauliche Geburt eingelassen. Beim Projekt Findelbaby haben wir die Erfahrung gemacht, dass das Angebot der anonymen Geburt der Schlüssel ist, diese Frauen überhaupt zu erreichen. Wir brauchen weiterhin die Babyklappen und die Möglichkeit der anonymen Geburt.

Das Kinderhilfswerk Terre des hommes hält nichts von der These, dass mit der anonymen Abgabe von Babys Kindstötungen verhindert werden können. Mütter, die ihr Neugeborenes töten oder sterben lassen, befänden sich in einem psychischen Ausnahmezustand, der es ihnen unmöglich mache, "planend, ziel- und zweckgerichtet" zu handeln, heißt es. Diesen Müttern sei mit Babyklappe oder anonymer Geburt also nicht zu helfen ...

Letztendlich gibt es keine Beweise dafür oder dagegen. Es wird immer Frauen geben, die ihr Kind töten. Aber mit unseren Angeboten erreichen wir viele Frauen in Notsituationen. Seit Einrichtung unserer Notrufnummer haben wir 450 Mütter betreut.

Nach den Plänen des Bundesfamilienministeriums soll ab sofort jedes Findelkind vom Betreiber der Babyklappe unverzüglich in die Obhut des Jugendamtes übergeben werden. Beim Projekt Findelbaby haben die Frauen acht Wochen lang die Chance, sich doch noch für ihr Kind zu entscheiden. Wie viele Mütter haben sich umentschieden?

Bis jetzt haben 360 Frauen mit unserer Begleitung ihr Kind geboren. Die meisten, die bei uns anrufen, sind schon in den Wehen. In so einer Situation kann man keine fundierte Entscheidung treffen. Mit uns haben sie die Möglichkeit, erst mal die Geburt hinter sich zu bringen und dann in Ruhe zu entscheiden, ob sie das Kind behalten wollen oder nicht. Während dieser Zeit wird das Kind von einer Pflegefamilie betreut. 185 von den 360 Frauen haben sich am Ende für ein Leben mit ihrem Baby entschieden, nur 29 Mütter haben es abgegeben und bleiben anonym.

Aber die rechtliche Situation ist umstritten. Nach dem Personenstandsgesetz hat jeder, der von der Geburt eines Kindes weiß, eine Anzeigepflicht gegenüber dem Standesamt. Das bedeutet, Sie machen sich strafbar.

Nein, wir melden jedes Baby dem Standesamt. Aber es sollte eine gesetzliche Regelung dafür geben, was zu tun ist, wenn die Eltern anonym bleiben wollen. In Artikel 6, Absatz 4 des Deutschen Grundgesetzes heißt es "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft". Und das Bundesverfassungsgericht geht in einer Stellungnahme zur Studie des Deutschen Jugendinstituts sogar noch weiter. Es kritisiert, dass dort die verfassungsrechtlichen Grundlagen, die die Gemeinschaft zum Schutz der Mutter verpflichten, unerwähnt bleiben. Und in einer jüngst erschienenen Studie von Professor Winfried Hassemer (ehem. Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Anm. d. Red.) heißt es, die Schutzpflicht des Staates für das un- bzw. neugeborene Leben gebiete nahezu Einrichtungen und Hilfsangebote wie die Babyklappe.

Sie unterstützen das Projekt Findelbaby vom Verein Sternipark seit acht Jahren und fahren sogar persönlich zu den Frauen, die sich bei Ihnen melden. Wie muss man sich so einen Einsatz vorstellen?

Ich bin für Berlin und Umgebung zuständig. Wenn ein Notruf kommt, fahre ich zu der Frau und begleite sie im besten Fall ins Krankenhaus. Dort regle ich die Formalien, wir übernehmen die Kosten, wenn jemand nicht versichert ist. Während der Geburt halte ich ihr die Hand. Es gibt auch immer wieder richtig dramatische Situationen. Leila Moysich, die stellvertretende Geschäftsführerin von Sternipark e.V., hatte mal ein junges Teenager-Pärchen am Telefon, das dabei war, das Kind in der Badewanne zur Welt zu bringen. Die Mutter des jungen Mannes arbeitete als Entbindungsschwester im örtlichen Krankenhaus und sollte nichts von der Schwangerschaft wissen. Als ich dort ankam, war das Baby schon da, und ich habe es und die Mutter erstversorgt. Weil aber die Nachgeburt nicht kam, musste das Mädchen sofort ins Krankenhaus. Wir sind dann in die Charité gefahren. Der junge Vater wusste sofort, dass er das Kind behalten will, die Mutter hat drei Wochen gezweifelt, weil sie Angst vor den Eltern und der Verantwortung hatte. Jetzt schicken sie mir regelmäßig Fotos. Das Kind entwickelt sich prächtig.

Was sind das für Frauen, warum lehnen die ihr Kind ab, verheimlichen oder verdrängen ihre Schwangerschaft?

Viele haben Angst vor Jobverlust oder Armut. Es sind zum Beispiel: Studentinnen, die einen klaren Lebens- und Karriereplan hatten und jetzt das Gefühl haben, versagt zu haben; Teenagerinnen oder vergewaltigte Frauen; Frauen, die fremdgegangen sind.

Was tun Sie, wenn die Mutter, die Sie ins Krankenhaus begleitet haben, ihr Kind trotz aller Hilfestellung nicht will?

Ich nehme das Kind für ein paar Tage mit zu mir nach Hause. Das passiert im Schnitt so dreimal im Jahr. Es steht alles parat, ich habe ein Bettchen, Windeln, Babymilch, sogar einen Autositz. Mein Mann und meine Tochter helfen. Acht Wochen bleibt es dann bei einer Pflegefamilie, dann kann die Mutter es zur Adoption freigeben. Manche Mütter verschwinden einfach. Ich habe mal drei Tage lang vor der Tür gestanden. Die Frau saß dahinter, heulend. Später sagte sie, sie habe es nicht übers Herz gebracht, die Tür zu öffnen, weil sie wusste, dann ist es so weit. Eine Unterschrift, und das Baby ist für immer weg. Keine Mutter gibt ihr Kind einfach so weg. Eine der Mütter hat mal zu mir gesagt: Vor sechs Jahren habe ich mein Kind abgegeben. Ich bereue es nicht, die Situation war damals eben so. Aber seither ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht daran gedacht habe. Eine Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, wird immer eine Mutter bleiben. Egal, ob sie mit dem Kind lebt oder nicht.

Warum verhüten diese Frauen nicht oder treiben ab, wenn sie kein Kind wollen?

Immer wieder treffe ich auf Mütter, die tatsächlich nicht gemerkt haben, dass sie schwanger sind. Die hatten weiterhin ihre Regelblutung oder nehmen die Pille und rechnen nicht damit, dass sie trotzdem schwanger werden. Dann gibt es Frauen, die zum Zeitpunkt, an dem sie ihre Schwangerschaft bemerken, über die Frist sind, innerhalb derer sie abtreiben dürfen. Und es gibt Frauen, die nicht abtreiben wollen! Ich bin froh, dass wir den Abtreibungsparagrafen haben, aber es kann ja nicht sein, dass Frauen, die abtreiben wollen, mehr Rechte haben als diejenigen, die sich dagegen entscheiden.

Wie lässt sich eine Schwangerschaft verheimlichen?

Das Gehirn kann den Körper so beeinflussen, dass kein Bauch zu sehen ist. Dieses Signal "Da darf kein Kind sein" ist so stark, dass das Kind nach innen wächst. Bei der letzten Geburt, bei der ich dabei war, hat der Arzt gesagt: "Der Bauch ist so klein - die Frau kann erst im vierten Monat sein!" Aber sie war im neunten. Dann gibt es natürlich Ausreden und Möglichkeiten, einen dicken Bauch zu verstecken.

Der Ethikrat lehnt anonyme Geburten mit der Begründung ab, diese Möglichkeiten hätten "schwerwiegende Folgen für die Kinder, die an der Anonymität ihrer Herkunft lebenslang zu tragen haben". Ist es nicht wichtig, die eigene Herkunft zu kennen?

Um sich zu fragen, wo es herkommt, muss ein Kind am Leben sein. Über die Aussage des Ethikrats habe ich mich sehr geärgert, denn auch der hat, genau wie Familienministerin Kristina Schröder, keinen Kontakt mit den Trägern oder betroffenen Müttern aufgenommen. Sein Urteil zieht er aus Vorurteilen, das finde ich bedenklich.

Sie wollen die Bundesfamilienministerin und Vertreter des Ethikrats einladen, mit Ihnen zu sprechen?

Ich würde mich freuen, wenn Frau Schröder oder der Ethikrat sich bei uns melden würden und wir uns mal treffen.