Osterfest

Drei Geistliche und eine frohe Botschaft

Osterfest: Sie wollen taufen und beerdigen, seelsorgen und Paare verheiraten. Warum junge Berliner Priester oder Pfarrer werden

- Nach der Predigt, dem Vater Unser und einer kleinen Theateraufführung der Kinder steht Jana Wentzek vor ihrer Gemeinde und breitet ihre Arme aus. Vor ihr stehen Kinder, Eltern, Großeltern, alte Menschen im "Sonntagsstaat" und Teenager in Sporthosen und Turnschuhen. Die Bankreihen in der Jesus-Christus-Kirche in Tegel sind gefüllt, als Jana Wentzek einatmet und einen Satz sagt, der schon sehr nach einer Pfarrerin klingt: "Der Herr segne und behüte Euch. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Euch und gebe Euch Frieden."

Wenn man die Vikarin, die noch keine Pfarrerin ist, danach fragt, ob sich das am Anfang komisch anfühle, dieses Segnen, ob man sich überwinden muss, diese Arme so auszubreiten, schüttelt sie den Kopf und sagt einen Satz, bei dem man jedes Ausrufezeichen mithört: "Überhaupt nicht! Denn nicht ich segne die Menschen! Sondern das macht ja Gott für mich!" Sie berufe sich da auf eines der ältesten überlieferten Bibelzitate aus dem 4. Buch Moses, Kapitel 6. Dort heißt es, wenn man sich so hinstelle, wie Aaron die Israeliten gesegnet habe, dann segne Gott selbst. Dann sagt sie noch einen schönen Satz: "Ich stelle mich da nur in einen Strom hinein."

Es sind Sätze wie diese, die man hört, wenn man mit Anwärtern für das Amt eines Priesters (bei Katholiken) oder Pfarrers (bei Protestanten) spricht. Dabei sind es nicht viele Menschen in Berlin, die etwas mit diesem Segensstrom zu tun haben wollen. Rund drei von fünf Berlinern fühlen sich gar keiner Religion zugehörig. Knapp 19 Prozent bezeichnen sich als evangelisch, rund neun Prozent als katholisch. 2009 scheiterte ein Volksbegehren in der Stadt, Religion als Wahlpflichtfach einzuführen. Vor vier Jahren wurde sogar ein "Atheistischer Stadtführer für Berlin" herausgegeben, in denen keine Kirchen auftauchen.

Auch die vollen Kirchen zu Ostern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlin für das Christentum die Diaspora ist. Doch die jungen Menschen, sowohl auf katholischer, als auch auf evangelischer Seite, die den Kontakt zwischen Gott und Berlinern herstellen sollen, machen in Gesprächen einen bemerkenswert zuversichtlichen Eindruck.

Zweifel und Freude am Amt

Da ist David Manthey, 32 Jahre alt, katholisch getauft, der mit freundlichem Ernst Sätze sagt wie: "Wir haben alle unsere Biografien, der Herr schreibt auch auf krummen Linien gerade."

Da ist Jana Wentzek, evangelisch getauft, die gerade vor einer Woche 31 Jahre alt geworden ist, zwei Söhne hat - und deren Ausstrahlung so positiv ist, dass jeder vergisst, dass sie beim Singen im Gottesdienst nicht jeden Ton trifft.

Und da ist Benjamin Bartsch, 24 Jahre alt, katholisch getauft, der wegen seines Glaubens fließend italienisch lernte, gerade in Rom ausgebildet wird, aber das erste Mal den Papst in Berlin getroffen hat.

Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensläufe gibt es Gemeinsamkeiten der drei Berliner Pfarrer- und Priesteranwärter: Alle drei können keinen Moment benennen, an dem sie sich für diesen Weg entschieden haben. Alle drei haben immer wieder einmal gezweifelt an ihrem Entschluss - wenn auch nur, weil die Ausbildung ihnen viel Lernen abverlangt. Aber alle drei freuen sich sehr auf ihr Amt.

Es ist ein Amt, über das die einen sagen, sie müssen 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erreichbar sein. Wenn ein Gemeindemitglied nachts um drei Beistand braucht, müssen sie zur Stelle sein.

David Manthey drückt das lieber positiv aus: "Wir können uns unsere Arbeitszeiten frei einteilen." Manthey ist der einzige der drei, der über Umwege zu seiner Berufung gefunden hat. So heißt es für katholische Priester: Sie werden gerufen. Nicht an einem Tag, sagt er, es sei vielmehr ein Gedanke der stärker werde. David Manthey lernte nach der Schule zuerst Erzieher und holte anschließend sein Fachabitur nach. Erst mit 25 Jahren begann er, Theologie in Wien zu studieren, und von da an war ihm klar, dass dieser Weg der richtige ist. Er studierte später in Florida, jetzt in Paderborn, weil es in Berlin keine Ausbildungsstätte gibt. Trotzdem ist er oft in der Stadt, weil seine Gemeinde in Neukölln liegt und er seine Eltern besucht. Diese haben ihn immer unterstützt - wohl auch, weil er noch drei Geschwister hat, die bereits eigene Kinder haben.

Bei seinem Kollegen Benjamin Bartsch war das komplizierter, denn er ist Einzelkind. Schon in der Oberstufe eröffnete er seinen Eltern, er wolle Priester werden. "Anfangs waren sie nicht dafür", sagt er, "natürlich wollten sie gern Enkel haben." Aber inzwischen sehen sie, dass es ihren Sohn glücklich mache, genau das zu tun: Zu lesen, zu beten - und in seinem Fall das Heim in Friedrichshain zurückzulassen und nacheinander in Israel und Italien zu wohnen.

Er studierte fast ein Jahr in Jerusalem, war dort manchmal früh am Morgen allein in der Grabeskirche oder am See Genezareth. Anschließend ging er für seine Ausbildung nach Rom, wo er jetzt mit katholischen Gläubigen aus Ländern zusammen studiert, die weit weg liegen. "Ich habe gesehen, dass die Kirche in vielen Ländern schon so weit ist", sagt er. "Die Kirche ist jung und im Aufbruch."

Der Ruf der Berufenen

Wer mit den beiden Seminaristen spricht, hat nicht nur das Gefühl, dass sie wirklich hinter ihrem Entschluss stehen. Es klingt bei ihnen, als sei die Entscheidung etwas Selbstverständliches. Nach ihrer Jugend in Berlin sind sie es gewohnt, anderen erklären zu müssen, warum sie das tun, was sie tun. Klassenkameraden wollten schon in der Schule wissen, wie denn Gott aussehe, ob beten etwas bringe und vor allem, ob man denn einem Priester heutzutage trauen könne. Nach der Aufdeckung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg im Januar 2010 folgten viele weitere große und kleine Missbrauchs-Skandale an anderen katholischen Einrichtungen in Deutschland. Der Ruf der zum Priester Berufenen hat stark gelitten.

Wie hält man es als Geistlicher mit der Sexualität? Diese Frage ist für evangelische Geistliche wie die Vikarin Jana Wentzek zunächst keine entscheidende. Sie muss sich nicht gegen das Ausleben ihrer Liebe zu ihrem Mann entscheiden. Sie hat ihn auf einem evangelischen Kirchentag kennen gelernt, ist für das Theologiestudium und für ihn aus Hessen nach Berlin gezogen. Geblieben ist sie auch seinetwegen - und wegen der zwei Söhne, die das Ehepaar hat.

Einziges Zugeständnis an die Landeskirche: Jana Wentzek ist verheiratet, eine wilde Ehe ist für die Kirche nicht unbedingt erwünscht. Dafür kommt sie ihrer Vikarin entgegen - Jana Wentzek konnte ihre Ausbildung problemlos für die Kinder unterbrechen. Doch selbst, wenn sie als Vikarin mit einer Frau zusammenleben würde - in Berlin nicht Besonderes - könnte sie noch immer Pfarrerin sein.

David Manthey und Benjamin Bartsch mussten bei ihrer Entscheidung für die Kirche die Ehelosigkeit mit einplanen. Die Missbrauchsfälle an Kinder und Jugendlichen am Canisius-Kolleg sind ihnen beiden als Katastrophen bewusst. Aber sie haben sie nicht in ihrem Entschluss zweifeln lassen. "Die Fälle haben auf jeden Fall die Sensibilität für dieses Thema geschärft", sagt Bartsch. "Es gibt diese Fälle, und der Grad der Vertuschung hat mich am meisten gestört." Auch für Manthey waren das schlimme Vorgänge, und er wünscht sich, dass dieses Thema noch forscher angegangen wird - zumal er als Erzieher besonders sensibilisiert war und ist. "Das ist für mich eine No-go-area." Wer den Moralapostel spiele, müsse ihn auch nach außen hin leben.

Doch gerade die Fragen in der Sexualmoral sind eben für viele Berliner noch ein Grund, aus der Kirche auszutreten oder zumindest sich nicht für ein Priesteramt zu entscheiden. Bei einer Umfrage der Katholischen Kirche in Berlin unter 194 Jugendlichen gaben 159 Befragte an, heiraten und eine Familien gründen zu wollen. Nur sechs konnten sich vorstellen, Priester oder Ordensfrau zu werden. Im Wintersemester 2011/2012 sind es gerade einmal neun Kandidaten aus Berlin, die sich in unterschiedlichen Stationen des Studiums befinden.

Die Studienzahlen sind für beide Konfessionen rückläufig: Bei den Protestanten sank die Zahl, nachdem in den 90er-Jahren bekannt wurde, dass es immer weniger Pfarrstellen gebe. Derzeit gibt es rund 4500 Studierende in Deutschland. Bei den Katholiken liegen solche Zahlen 15 Jahre zurück, inzwischen sind es nur rund 2200.

Hohe Abbruchquote

Zudem brechen viele katholische Theologen ihr Studium ab. Beide Seminaristen haben das bei Studienkollegen miterlebt. "Einer von ihnen war ein guter Freund für mich", sagt Benjamin Bartsch. Er sei zwar weiterhin katholisch aber inzwischen verheiratet. "Ich war ein bisschen traurig, weil ich mir sicher war, er wäre ein guter Priester gewesen." Aber Bartsch sieht die Ausbildung auf für ihn nicht als verloren an. "Wenn jemand hier weg geht und dann etwas findet, was ihm für sein Leben hilft, dann hat das Studium doch geholfen." Doch für ihn ist auch der Zölibat ein Prinzip, dem seine Kirche treu bleiben wird. "In Berlin wird sie so schnell keine Massenbewegung", sagt er. "Aber die Kirche wird attraktiv, wenn sie auf das zurück geht, was das schönste im Glauben ist: Die frohe Botschaft von Jesus Christus."

Letztlich lernen alle drei Kirchennachwüchsler, wie das so geht, den Glauben an die Menschen zu bringen. Sie haben Kirchenrechtsvorlesungen, Homiletik, also die Lehre vom Predigen, sie lernen Gesprächsführung und Seelsorgen. Und sie lernen, sich als Person zurückzunehmen für ihr Amt. "In dem Moment, wenn ich das ein Priestergewand trage, verschwinde ich als Person dahinter", sagt Manthey. Man handele im Gottesdienst stellvertretend für Jesus Christus. "Auch diese Würde muss man erst lernen."

Doch bis die drei jungen Kirchenvertreter dahin kommen, werden sie noch häufig bei Messen assistieren. Sie werden vielleicht einmal den Kelch zum Abendmahl erheben und ihnen werden die Worte nicht einfallen. Oder sie werden vielleicht bei einer ihrer Prüfungen in Hebräisch denken: Warum mach ich das alles überhaupt? Sie werden weiterlesen, weiterbeten, weitersingen, so gut es eben geht.

Jetzt zu Ostern wird David Manthey am Sonntag in der Hedwigskathedrale ministrieren, Benjamin Bartsch wird die deutsche Liturgie für Pilger in der Kirche Sant'Ignazio in Rom gestalten. Jana Wentzek hat einen Tag frei, sie hat die Gottesdienste am Donnerstag und Freitag gehalten - und den Segen Gottes mit offenen Armen in die Gemeinde getragen. Ab kommender Woche wird sich für alle eine Sache ändern: David Manthey wird wieder einmal ins Kino gehen, Benjamin Bartsch öfter seine E-Mails checken. Und Jana Wentzek muss sich ihr Nutella-Brot nicht verkneifen. Auferstehung bedeutet auch: Ende der Fastenzeit.