Religion

Gegen den Trend: Juliane Wolff tritt in die Kirche ein

Es war kein schwerer Unfall, der Juliane Wolff zu Gott führte. Auch plant sie nicht, demnächst kirchlich zu heiraten.

- Es ist ein Gefühl, dem die Berlinerin nachgibt, ein Gefühl, das sie schon lange verfolgt. Und das sie jetzt, mit 29 Jahren, dazu bewegt, sich taufen zu lassen und damit ganz offiziell in die katholische Kirche einzutreten. In der Nacht zu Ostersonntag, dem höchsten christlichen Feiertag.

Juliane Wolff nennt es "das unterschwellige Empfinden von Verbundenheit". Sie meint das Gefühl, zu einer Kirche zu gehören, ein Mitglied zu sein in einer Gemeinde. Am Wochenende, wenn sich die Wahlberlinerin von Kardinal Woelki Weihwasser auf die Stirn träufeln lässt, ist es so weit. Dann endet für Juliane Wolff, was in Bad Hersfeld begann.

Aufgewachsen ist Wolff in einem Elternhaus in Hessen, das wenig religiös war. Sie besuchte aber mit ihrem katholischen Großvater Gottesdienste. Er half ihr auch, aus einem bloßen Empfinden eine bewusste Entscheidung für die Religion zu machen. Ausgerechnet im eher säkularen Berlin fand die 29-Jährige dann den Weg in die Kirche.

Im Oktober 2011 füllte die Mitarbeiterin des Bundestages in der St.-Hedwig-Gemeinde in Mitte einen "Antrag für angehende Gläubige" aus. Wer in die Kirche eintreten will, muss auch einen Kursus für Katholiken besuchen. Er dauert sechs Monate. Wolff störte das nicht: "Erst durch den Lehrgang habe ich den Prozess des Eintritts in die Gemeinde vollständig vollzogen."

Gemeinsam mit elf weiteren Teilnehmern lernte sie Bibel und Bräuche kennen, diskutierte die Glaubenslehre und setzte sich mit den Feiertagen auseinander. Apropos Feiertage: Eine "Gelegenheitskatholikin" möchte die 29-Jährige keinesfalls werden. Auch wenn sie nicht vorhat, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, soll der Glaube an Gott ein wichtiger Wegweiser in ihrem Leben werden.

Taufkurse für Erwachsene

Ein Wunsch, den immer mehr Erwachsene verspüren. Allein in diesem Jahr treten durch die Taufe mehr als 100 erwachsene Berliner in die katholische Kirche ein. "Die Tendenz, dass sich ältere Personen taufen lassen, ist über die Jahre leicht gestiegen. Das freut uns natürlich", sagt Stefan Förner, Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin. Auch bei der protestantischen Kirchengemeinde ist die Zahl der Erwachsenentaufen vergleichsweise hoch, rund 500 Berliner, die älter als 15 Jahre sind, ließen sich pro Jahr taufen, sagt Heike Krohn, Sprecherin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Pfarrer Christian Zeiske von der Evangelischen Kirche in Prenzlauer Berg Nord etwa unterrichtete in diesem Jahr sechs Erwachsene, von der Schülerin bis zum Professor. "Wann finden Menschen zur Religion? Wenn Paare Kinder bekommen oder wenn sie merken, dass ihnen in ihrem Leben etwas fehlt", sagt Zeiske. Dazu gehöre auch das lebendige Gemeindeleben in seinem Kiez. Etwa zwei bis drei Taufkurse gibt er im Jahr.

Insgesamt treten allerdings mehr Menschen aus einer der beiden großen Kirchen aus, als eintreten - allein bei den Protestanten in Berlin waren es dem statistischen Landesamt Berlin-Brandenburg zufolge 1500 im vergangenen Jahr. Auch Juliane Wolff zweifelt mitunter, zum Beispiel an den Regeln aus Rom. "Lange Zeit habe ich mir die Frage gestellt, wie strikt die katholische Kirche tatsächlich ist", sagt sie. Das Zölibat hält Wolff beispielsweise für unmodern und überholt, nicht nur wegen der zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs.

"Mich hindern die Missbrauchsfälle, so erschreckend sie sind und so nötig es ist, sie aufzuklären, aber nicht an meinem Glauben", sagt sie. Dennoch sollte es in der katholischen Kirche Überlegungen geben, sich von alten Mustern zu trennen und einen Neuanfang zu wagen, findet Wolff. Sie hat es vorgemacht.