Interview mit Sexualpsychologe

"Pädophile können lernen, weder sich noch andere in Gefahr zu bringen"

Sexualtherapeut Christoph J. Ahlers über die Behandlung pädophiler Personen

- Christoph J. Ahlers ist klinischer Sexualpsychologe, seit fünf Jahren leitet er die Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie am Institut für Sexualpsychologie in Tiergarten. Zudem ist Ahlers klinischer Leiter des Präventionsprojekts "Dunkelfeld" in Sachsen, das 2005 an der Charité ins Leben gerufen wurde. Es bietet Therapieplätze für Menschen an, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben und Hilfe suchen. Mit Ahlers sprach Anja Francesca Richter.

Berliner Morgenpost:

Herr Ahlers, wie ungewöhnlich ist es, dass sich ein junger Mann im Fall Emden wegen pädophiler Neigung selbst anzeigt?

Christoph J. Ahlers:

Das kommt eher selten vor. In der Regel suchen sich Betroffene professionelle Hilfe von ihrem Hausarzt, durch eine Psychotherapie oder bei sozialen Diensten. Aber dass ein junger Mann zur Polizei geht und Selbstanzeige erstatten möchte, ist tatsächlich eine Ausnahme.

Wie hätte die Polizei in Emden auf diese Anzeige reagieren müssen?

Bei dieser Frage müssen wir zunächst zwei grundsätzliche Aspekte unterscheiden. Wenn ein Mann sich bei der Polizei wegen seiner pädophilen Neigung selbst anzeigen möchte, ist dies so erst einmal gar nicht möglich. Und zwar aus dem Grund, dass Pädophilie kein Straftatbestand ist, sondern vielmehr eine Erkrankung der Sexualpräferenz. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass circa zwei Drittel aller Täter, die ein Kind missbrauchen, sogenannte "Ersatzhandlungstäter" sind, die gar nicht unter einer pädophilen Neigung leiden. Nur etwa ein Drittel der Straftäter, die sich an Minderjährigen vergehen, können als pädophil bezeichnet werden. Die Tatsache, dass der 18-Jährige auch pornografisches Bildmaterial von Kindern besessen haben soll, ist dagegen selbstverständlich strafbar.

Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass der mutmaßliche Mörder von Lena nach einer zweimonatigen Behandlung in der Jugendpsychiatrie in Aschendorf straffällig geworden ist?

Dass es zu Taten kommen kann, ist Bestandteil der therapeutischen Arbeit mit solchen Patienten, die an einer sexuellen Präferenzstörung leiden. Eine Therapie für potenzielle Straftäter kann das Risiko, dass es zu einer Tat kommt, verringern, aber nicht ausschließen. Wichtig ist, dass die Therapeuten für die Diagnostik und Behandlung solcher sexueller Störungen speziell ausgebildet sind.

Warum gibt es so wenig speziell ausgebildete Experten auf diesem Fachgebiet?

Das liegt daran, dass diese Ausbildung nicht nur zwei Jahre dauert, sondern von interessierten Medizinern und Psychologen auch selbst finanziert werden muss. Abgesehen davon ist diese Qualifikation gesetzlich nicht vorgeschrieben.

Wie steht es generell um die Heilungschancen von an Pädophilie erkrankten Personen? Können sie geheilt werden, wenn sie eine entsprechende qualifizierte Therapie in Anspruch nehmen?

Das Wort Heilung wird leider missverständlich mit dem Wort Löschung in Verbindung gebracht. Ein Beispiel: Wenn ein Alkoholiker eine Therapie erfolgreich abschließt, ist er noch immer Alkoholiker. Er hat aber gelernt, mit seiner Sucht umzugehen und wird nicht mehr zur Flasche Bier oder zum Glas Rotwein greifen. Bei Pädophilen verhält sich dieser Prozess ähnlich: Die psychische Verhaltensstörung, die ihre Sexualität betrifft, wird nicht völlig gelöscht. Die Betroffenen lernen vielmehr, mit ihren sexuellen Impulsen umzugehen und weder sich noch andere in Gefahr zu bringen.

Wie sehen diese therapeutischen Maßnahmen genau aus?

Ganz kurz gefasst, steht für die Patienten das aktive Erlernen von lebensrelevanten Situationen im Vordergrund. Eine solche Situation kann beispielsweise das Aufeinandertreffen mit einem potenziellen Opfer, also einem Kind, zum Beispiel in einem Schwimmbad sein. Zu den Therapiemöglichkeiten gehören in Gruppensitzungen auch Rollenspiele. Ebenso kann das Schreiben eines Briefes an ein imaginäres Opfer eine solche Maßnahme sein. Zusätzlich bekommen alle Therapiepatienten die Möglichkeit, ein Medikament einzunehmen, das den sexuellen Impuls dämpft.

Was kann die Gesellschaft tun, um derartige Straftaten wie den Mordfall an der elfjährigen Lena zu verhindern?

Wir alle müssen uns klarmachen, dass nur ungefähr ein Drittel der Betroffenen tatsächlich pädophil ist. Dass soll die Missbräuche in keinster Weise relativieren, denn diese Taten machen uns alle sprachlos. Es bringt jedoch nichts, die Krankheit Pädophilie zu dramatisieren oder sie zu bagatellisieren. Im Gegenteil müssen wir sie problematisieren und gezielt therapieren. Das Stichwort lautet: präventive Therapie für potenzielle Täter.