Heidelberger Straße

Tunnel in die Vergangenheit

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Daniela Stoltenberg

An der Heidelberger Straße konnten Reste von drei Fluchttunneln gesichert werden - dort soll es auch Führungen geben

- Das enge Loch macht Peter Arndt keine Angst. "Es ist mir ja vertraut", scherzt der Jurist, als er in die dunkle Öffnung im Keller des Hauses Heidelberger Straße 36 in Neukölln steigt. Es ist ein halbes Jahrhundert her, dass Peter Arndt mit seinem Bruder Dieter und dem West-Berliner Jürgen Dill begonnen hat, genau hier einen Tunnel unter der Mauer hindurch nach Treptow in den Ostteil der Stadt zu graben. Dass er noch einmal zurückkommen, noch einmal den einen halben Meter breiten Stollenbeginn sehen würde, hätte er nicht geglaubt.

Nirgendwo auf der Welt sind mehr unterirdische Fluchtwege gegraben worden als in Berlin in den ersten Jahren nach dem Bau der Mauer. Der Verein Berliner Unterwelten setzt sich seit Langem für die Aufarbeitung dieser Geschichte ein. Zum 50. Todestag des Fluchthelfers Heinz Jercha am 27. März 1962 hatten sich die rührigen Untergrundforscher die Heidelberger Straße vorgenommen, wo es mehr Stollen - versuchte und erfolgreiche - gab als sonst irgendwo in der geteilten Stadt.

Beteiligt an den Recherchen war der frühere Fluchthelfer Burkhart Veigel, der dort zukünftig Führungen für ausgewählte interessierte Gruppen anbieten möchte. Veigel machte Jürgen Dill ausfindig, der wiederum Peter Arndt auftrieb. Gemeinsam gingen sie auf Spurensuche zurück ins Jahr 1962.

Damals steckte Peter Arndt mitten im Abitur. Er hatte eine Freundin in Treptow, die in den Westen wollte. Sie arbeitete wie die Freundin seines Bruders als Krankenschwester an der Charité. Über sie lernte er auch Jürgen Dill kennen, dessen Freundin ebenfalls dort beschäftigt gewesen war, bis er sie mit einem falschen Pass nach West-Berlin geholt hatte.

Nur eine Schaufel und einen Spaten

Gemeinsam planten die drei jungen Männer, die beiden Mädchen und fünf weitere Verwandte und Freunde in die Freiheit zu holen. Sie entschieden sich für den Bau eines Fluchttunnels und machten die Heidelberger Straße als geeigneten Ort aus: Dort war der Grenzstreifen nur rund 18 Meter breit. In der nahe gelegenen Eckkneipe "Heidelberger Krug" lernte Jürgen Dill einen jungen Mann kennen, der in der zweiten Etage des Hauses Nummer 36 wohnte und ihm den Keller zeigte.

Das Graben selbst war mühsam, die drei arbeiteten nur mit einer Schaufel und einem Spaten und mussten ständig darauf bedacht sein, keinen Lärm zu machen. Den Aushub zogen sie in einer Baby-Badewanne aus dem Stollen und türmten ihn in dem kleinen Kellerraum auf. Bis zur Decke reichte der Haufen bald. Auch das Atmen fiel immer schwerer: Der Sauerstoff in dem engen Gang wurde ständig knapp, nach 20 Minuten mussten sie einander abwechseln. Aus Angst, entdeckt zu werden, verließen sie den Raum so wenig wie möglich, aßen und schliefen hier.

Doch ihr Ziel, ein altes Fabrikgelände, erreichten sie nicht. Als sie vorsichtig ein kleines Loch nach oben öffneten und einen Spiegel hindurchsteckten, um einen Rundblick zu nehmen, sahen sie direkt auf die Stiefel eines DDR-Polizisten.

Ihr Plan war entdeckt worden. Eilig krochen die gescheiterten Fluchthelfer zurück und brachen ihr Vorhaben ab. Ob ein Spitzel sie verraten hatte oder sich der Bürgersteig über dem Tunnel abgesenkt hatte und die Stasi aufmerksam machte, lässt sich nicht klären. Später fanden sie allerdings heraus, dass der Vater des jungen Mannes aus dem zweiten Stock Mitglied des West-Berliner Ablegers der SED war. Er könnte sie denunziert haben.

Offenbar wusste das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aber nicht, wer hinter dem Fluchttunnel aus dem Haus Heidelberger Straße 36 steckte. Die sechsseitige MfS-Dokumentation über den Tunnel nennt keine Namen.

Nach dem Scheitern trennten sich die Tunnelbauer - zu groß die Angst, man könnte ihnen auf die Schliche kommen. Das passierte nicht - und der Keller wurde fast 50 Jahre lang praktisch nicht betreten. Das soll sich nun ändern.

Die Freundin von Peter Arndt blieb damals übrigens freiwillig im Osten - sie hatte eine neue Liebe gefunden.