Berliner Spaziergang

Aino - das heißt die Einzige

Wer Aino Laberenz kennenlernen will, muss Christoph Schlingensiefs Buch "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" lesen. Im großen Buchladen an der Friedrichstraße ist es schwierig zu finden. Es steht nicht bei "Persönlichkeiten", wo man es vermuten würde, schließlich war er einer der bekanntesten Künstler Deutschlands.

Es steht auch nicht bei "Ratgeber", wo man andere Bücher findet, in denen es ums Sterben geht oder um Abschied. Auf Nachfrage heißt es: "Schauen Sie bei den Krebsbüchern." Und dort steht es versteckt hinter einem anderen Buch namens "Das Leben ist der Ernstfall". Es ist Christoph Schlingensiefs Abschied von der Welt. Es ist sein letztes Buch, bevor er mit 49 Jahren an Lungenkrebs gestorben ist. Aino Laberenz wurde an diesem Tag zur Witwe.

Viele werden das Buch beim Lesen weglegen, weil es anstrengend ist und sehr traurig. Es ist sein Tagebuch vom Jahr 2008, Diagnose, Operation, Chemotherapie, Verzweiflung und Hoffnung. Die Sätze hat er auf ein Tonband gesprochen, abends vor dem Schlafengehen. Die meisten Kapitel enden mit "Gute Nacht". Am 1. Februar 2008 schreibt er: "Meine Aino ist fast immer hier, kümmert sich um mich oder legt ihren Kopf auf meinen Schoß, und dann schlafen wir beide ein. Das ist sehr sehr schön."

Aino Laberenz war Christoph Schlingensief nah, war sein Ein und Alles. Das ist schön, wer möchte nicht für jemanden das Ein und Alles sein. Aber das Wissen um diese Nähe legt sich wie ein Schatten auf ein Treffen mit ihr.

Umso überraschender, dass sich Aino Laberenz für den Spaziergang vor dem Baumarkt am Wittenbergplatz verabredet, ein neonröhren-ausgeleuchteter Ort. Als sie kommt, strahlt sie nichts Trauriges aus, sondern eine Ruhe, um die man sie fast beneidet. Sie hat sich trotz des Vorfrühlings dick angezogen. Mantel und Mütze. Sie habe diesen Ort gewählt, weil sie wahnsinnig gern durch Baumärkte stöbere. "Ich mag es, Dinge zu zweckentfremden." Wenn sie Kostüme fürs Theater schneidert, macht sie das oft. Sie geht in Stoffläden oder Bastelfachgeschäfte, aber am liebsten in Baumärkte. Sie sagt: "Christoph hat Elektro-Märkte geliebt."

Aino Laberenz spricht gern über ihren Mann. Das macht es leichter, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Er sei ein Teil von ihr, das sei eben so. Als sie über sein "Krebsbuch" redet, nennt sie es "Himmelsbuch". Sie habe es lange nicht in der Hand gehabt. Es sei ihr noch zu nah. Man höre so sehr seine Stimme heraus. Außerdem schreibe sie gerade an einem weiteren Buch, einer Autobiografie, das beanspruche sie sehr. Schlingensief, der Tausendsassa, der auf so vielen Bühnen und Bildschirmen gefühlt gleichzeitig aufgetreten war und wegen seiner Energie fast unsterblich wirkte - dieser Mann hinterlässt seiner Frau viel Arbeit.

Monologe am Krankenbett

Aino Laberenz geht vom Eingang des Baumarkts zielsicher zu einer Rolle Klebeband. Jetzt brauche sie nur noch Holzstäbe und eine Schnur. Sie läuft an einem Regal mit Tackern vorbei ("Eine super Erfindung!") und an einer Wandschmuckschablone ("Das ist so unkreativ!"). Sie weiß, was sie aus diesen Dingen zusammenbasteln will: ein Mobile mit Plüschtieren und Spieluhren, in Bläschenfolie gewickelt. Es soll ein Symbol für das Operndorf in Afrika werden, eine Idee von Christoph Schlingensief, die sie zu Ende führt, nicht nur als Symbol-Mobile, sondern ganz in echt, in Burkina Faso, nordöstlich der Hauptstadt Ouagadougou.

Sie redet gern über diesen Ort in 4500 Kilometern Entfernung. Ihr Mann hatte ihr gesagt, wenn es ihr zuviel werde, solle sie die Brocken hinschmeißen. Aber sie fährt gern nach Burkina Faso, mag es, zu sehen, wie dort etwas Gutes entsteht. Sie erzählt, wie die Einheimischen einander begrüßen: Nach dem Händedruck schnipsen sie mit den Fingern. Sie macht es vor und zeigt dann mit derselben Hand eine der Gefahren von Burkina Faso: die Spuckschlange. Sie richtet ihren Arm auf, ihre Hand wird zu einem Schlangenkopf: "Spuckschlangen fokussieren auf die Augen des Opfers und haben eine Trefferquote von 90 Prozent." Wer vom Gift getroffen wird, erblindet. Von Nahem hat sie noch keine gesehen, aber ihre Häute hängen in den Bäumen, wie eine Warnung.

Die Bauarbeiten sind nach Schlingensiefs Tod vorangekommen. Den Bauplan hat er noch mit festgelegt, die Grundsteinlegung noch erlebt. Dann wurde die Schule gebaut, 60 Kinder lernen jetzt dort, der nächste Schritt ist die Krankenstation, zuletzt folgt das Festspielhaus. Die Finanzierung für die zweite Bauphase konnte Aino Laberenz gerade Ende dieses Februars sichern. Bei der großen Benefizauktion in Berlin kam mehr als eine Million Euro zusammen. Schlingensief hatte viele Freunde, die weiter an das Projekt glauben.

Und er hat eine Frau, die selbst für ein Operndorf-Mobile gewissenhaft im Baumarkt stöbert. Als sie die vier strohhalmdünnen Stäbchen findet, hält sie diese wie einen Blumenstrauß. Ganz vorsichtig. Jetzt brauche sie noch eine Kordel für das Mobile. Sie schlendert an Regalen vorbei, als ob sie noch etwas ganz anderes basteln könnte. An einem großen Regal mit Seilen und Stricken nimmt sie mehrere in die Hand, kauf dann eine dünne Rolle.

Auf dem Weg zur Kasse fällt auf, dass Aino Laberenz müde aussieht. Sie habe schlecht geschlafen, deswegen sei sie so dick angezogen. Die Auktion sei anstrengend gewesen, aber auch schön. "Ich hätte das gern mit Christoph geteilt." Den Tag danach hat sie an seinem Grab verbracht. Auf welchem Friedhof, sagt sie nicht. Sie will dort allein oder nur mit Freunden sein. Das ist ungewöhnlich für einen Künstler, der immer alles mit allen teilen wollte. Aber es ergibt Sinn für eine Frau, der zu viel Öffentlichkeit nicht behagt. "Ich fange ja gerade erst an, wieder richtig leben zu wollen."

Draußen am Wittenbergplatz empfängt uns Baulärm. Metallhämmer, die auf Metall schlagen. Das hier ist nicht Ouagadougou, sondern Berlin: grau, laut und kühl. Für das Foto wollen wir auf das Dach des Parkhauses neben dem KaDeWe. Auf dem Weg reden wir darüber, wie das sei, dieses Sprechen mit Fremden über sehr Persönliches. Sie sagt, dass sie anfangs unsicher war bei Interviews, sie nie gern auf einer Bühne gewesen sei. Fernsehinterviews wolle sie nach der Erfahrung bei "Beckmann" in der ARD vorerst nicht noch einmal machen.

Die Fernsehsendung ist noch im Internet zu sehen, Aino Laberenz sitzt neben Reinhold Beckmann, der sie im ersten Teil der Sendung ignoriert, sich lieber mit Markus Lanz über dessen Nordpol-Erfahrungen unterhält. Aino Laberenz spielt verlegen mit ihren Händen, sitzt zusammengekauert auf dem Stuhl, der Moderator unterbricht sie, dreht ihr häufig die linke Schulter zu. Sie sagt, dieser Abend sei das Schlimmste seit Langem gewesen.

Oben auf dem Parkhausdach, sechste Etage, ist Aino Laberenz weit weg von Menschen und Großstadt. Sie legt die Holzstäbchen zur Seite, setzt sich auf einen Stoppstein. Sie weiß nicht, welches Gesicht sie für das Foto machen soll. Sie sei es nicht gewohnt zu posieren. Dann lächelt sie ihr verlegenes Lächeln, streckt den Kopf etwas vor, schaut verträumt zur Seite, dann nach oben, in das Grau.

Schweigend laufen wir die sechs Etagen im Treppenhaus nach unten. Sie mag Treppen lieber als Fahrstühle. Aino Laberenz will sich bewegen, nicht bewegt werden. Als Kind war sie Leichtathletin, hat fast jeden Tag trainiert: 100 Meter Hürden, Hochsprung, Kugelstoßen, 200 Meter Sprint, Weitsprung, Speerwerfen, 800 Meter Laufen. Siebenkämpferinnen sind keine Menschen, die "Brocken" einfach "hinwerfen" können.

Unten auf der Straße erzählt sie mehr über ihre Kindheit, und das Gespräch kommt auf Schlingensief. Geboren wurde sie in der recht tristen finnischen Stadt Turku, die sie aber mag, gerade das Raue an den Fassaden, das Unfertige. Ihr Name Aino bedeutet auf Finnisch "Die Einzige". Aufgewachsen ist sie in der Kleinstadt Wetter an der Ruhr, mit drei Brüdern, gegen die sie sich oft wehren musste. Sie zeigt eine Narbe am Kinn, die entstand, als sie bei einem der Kämpfe vom Stuhl fiel. Ihre Eltern ließen ihr viele Freiheiten, sie fuhr oft allein nach Dortmund. Sie hatte mit 15 ihren ersten Freund, für fünf Jahre. Danach wieder einen, für zwei Jahre. Dann Christoph. Sie war immer in Beziehungen, ist jetzt zum ersten Mal allein.

Ihr Zugang zur Bühne kam auch durch ihren Vater, der sie mit zu den Bayreuther Wagner-Festspielen nahm. Nach dem Abitur wurde sie dort "Blaues Mädchen", also eine Türsteherin in der traditionell blauen Uniform. Nach ein paar Semestern Kunstgeschichte begann sie, Bühnenbilder und Kostüme herzustellen, später für Regisseure wie Armin Petras und Christoph Marthaler. Sie arbeite an Bühnen in Wien, Frankfurt, Berlin. Sie gewann einen Preis als beste Nachwuchs-Kostümbildnerin und traf schließlich in Zürich auf Christoph Schlingensief, bei einer Party. Auf den ersten Blick. Sie arbeiten zusammen, bei ihm darf sie viel "Zweckentfremden".

Aino Laberenz zeigt auf dem Tauentzien plötzlich auf die andere Straßenseite: "Dort drüben ist ein ganz toller Japaner", sagt sie. Im Restaurant "Daitokai" sei sie oft mit Christoph gewesen. Einmal haben sie den Direktor der Staatsoper, Daniel Barenboim, getroffen. "Er kam zu unserem Tisch und hat Christoph angesprochen." So sei das häufig gewesen, dass plötzlich der Abend damit endete, dass neue Ideen für Projekte entstanden.

Nach 589 Tagen

Wenn man im "Himmelbuch" Aino Laberenz durch Christoph Schlingensief gut kennenlernen kann, ist es bei diesem Spaziergang umgekehrt. Das Buch macht traurig und wütend, aber das Reden mit ihr über die gemeinsame sieben Jahre fällt leicht. Sie schwärmt davon, wie sie in Flüssen voller Piranhas und Kaimanen geschwommen sind. Wie sie Horrorfilme und "Germany's Next Topmodel" geschaut haben. Als ein Mädchen ihren Modeltraum beenden musste, habe er einmal geweint, das können auch Nebenwirkungen der Medikamente gewesen sein.

Wir erreichen das "Café Kranzler" am Ku'damm, einen Ort, an dem sich schon vor fast 190 Jahren Menschen getroffen haben, eine Tribüne für West-Berlin. Im Fahrstuhl werfen zwei ältere Damen einen Blick auf Aino Laberenz' Holzstäbe. Sie hält das Bündel jetzt wie einen Zauberstab. Im Café legt sie sie zur Seite, stützt ihre Ellenbogen auf einen Stehtisch, und beugt sich nach vorn, sodass ihre Hände die Narbe am Kinn verdecken. Sie sitzt genauso da wie in bei Beckmann.

Dann spricht sie von den Dingen, die sie in letzter Zeit nur für sich getan hat. Sie war mit Freunden bei Restauranteröffnungen, will mit ihrem Bruder demnächst ein Theaterstück uraufführen, und sie hat wieder angefangen, Sport zu machen. Aus der gemeinsamen Wohnung ist sie ausgezogen. Das sei wie das Verlassen eines Schutzpanzers gewesen. Ein Schlussstrich. Das klingt nach der Pragmatikerin, die Schlingensief im Buch beschreibt. Dabei will auch sie nicht alle Gefühle erklärt wissen, manches bleibt rätselhaft: "In Burkina Faso höre ich den Wind anders, man nimmt ihn mehr wahr. Manchmal geht er durch mich durch. Dann ist das irgendwie auch: Christoph."

Heute, vor genau vier Jahren sprach Christoph Schlingensief abends in sein Aufnahmegerät, machte sich Gedanken, ob die Bühne der richtige Ort ist für Begegnungen zwischen Menschen, wie immer stellte er alles noch einmal in Frage. Im "Himmelbuch" auf Seite 212 steht im Eintrag zum 1. April 2008: "Ich lasse meine Last ab, indem ich jemanden treffe, der mir seine Last zeigt. Mal sehen, ob ich das schaffe, das Bedürfnis ist jedenfalls da." Er beendet das Kapitel mit: "Das war der Zwischenbericht zum 1. April. Kein Aprilscherz, alles harte Realität. Gute Nacht."

Aino Laberenz wird diesen 1. April 2012 in Ouagadougou verbringen. Nicht, weil Christoph das wollte, sondern weil sie es will. Am Flughafen wird sie nicht erwarten, dass er sie abholt, wie sie das noch bei ihren ersten Reisen gedacht hat. Er hat sich nicht nur versteckt. Sie ist seit 589 Tagen seine Witwe. Sie wird nicht frieren, in Burkina Faso sind 35 Grad, Regenwahrscheinlichkeit: fünf Prozent. Sie hat ihre Uhr um zwei Stunden zurückgestellt, wie Christoph das früher gemacht hat, sie wird mit Architekten verhandeln, wird viele Menschen mit dem Fingerschnipsen begrüßen. Sie wird auf dem Boden Ausschau halten nach Spuckschlangen. Aino Laberenz muss gut auf sich aufpassen. Jetzt gibt es ja nur noch sie.