Missbrauch

"Die Kinder stark machen"

Wie sollen Eltern und Lehrer mit einem Fall von sexuellem Missbrauch im Umfeld der Schule umgehen? Florentine Anders hat darüber mit Rosemarie Kreische, Schulpsychologin für Krisenintervention und Gewaltprävention, gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Wie sollten Schulen reagieren, wenn es einen Missbrauchsvorfall durch Fremde im Schulgebäude gab?

Rosemarie Kreische:

Die Schulen wenden sich in solchen Fällen in der Regel sofort an die Schulpsychologie, die dann den Lehrern und Schulleitern beratend zur Seite steht. Wir raten den Lehrern im Umgang mit den Kindern immer ein offenes Ohr für alle Fragen zu haben und auch ohne Umschweife zu antworten. Die Fragen sollten allerdings so beantwortet werden, wie sie gestellt worden sind. Wenn Lehrer viel mehr erzählen als die Schüler wissen wollten, kann das auch Angstphantasien auslösen. Wichtig ist es auch, nach einem solchen Vorfall den Kindern das Gefühl zu geben, dass Schule ein sicherer Ort ist. Dazu kann es hilfreich sein, für eine gewisse Zeit Aufsichten an den Eingängen zu verstärken. Zudem kann man den Kindern erklären, an wen sie sich wenden können, wenn sie einen Schulfremden bemerken. Auf jeden Fall sollten die kleineren Kinder immer zu zweit auf die Toilette gehen.

Auch unter den Eltern gibt es eine große Unruhe. Wie können Schulen auf die Sorgen der Eltern eingehen?

Es ist ratsam nach einem solchen Vorfall einen Elternabend zu veranstalten, am besten auch in Zusammenarbeit mit Ansprechpartnern der Polizei und der Schulpsychologie. Die Sorgen sind real und ernst zu nehmen. Deshalb kann man die Eltern auch ermutigen, ihre Kinder über einen bestimmten Zeitrahmen zum Schultor zu begleiten. Es sollte auch besprochen werden, was getan wird, um die Schule sicher zu machen. Auch wenn es natürlich immer ein Restrisiko geben wird. Gerade deshalb ist es wichtig, auch die Kinder stark zu machen.

Was können Eltern ihren Kindern mit auf dem Weg geben, um sie besser zu schützen, ohne ihnen dabei Angst zu machen?

Natürlich kann man immer wieder an die alte Regel erinnern: Gehe nie mit Fremden mit. Es ist ratsam auch mit kleinen Kindern über die Gefahren zu sprechen, auch wenn man sie nicht in allen Einzelheiten ausmalen muss. Eltern können ihre Kinder bestärken, auf ihr Bauchgefühl zu hören, wenn ihnen eine Person komisch vorkommt. Auch das "Nein" sagen und das "Hilfe" rufen sollte mit den Kindern geübt werden. Es gibt auch freie Träger oder Präventionsbeauftragte der Polizei, die dafür Kurse an Schulen anbieten. Auf dem Schulweg können Eltern ihren Kindern Anlaufpunkte zeigen, wo sie sich in Gefahrensituationen hinwenden können. Das kann ein Bäcker sein, ein Nachbar oder ein Zeitungsladen.