Lebensweltmodelle

Hart arbeiten, hart feiern

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Miriam Hollstein und Christin Bohmann

Niels Knopf hat schon sehr klare Vorstellungen von seiner Zukunft. Der 16 Jahre alte Gymnasiast aus Lichterfelde will Rechtsanwalt werden, heiraten und einen Sohn bekommen. Es ist das Modell, das er aus seinem Elternhaus kennt. Sein Vater arbeitet als Rechtsanwalt, Niels ist Einzelkind. Überhaupt hat der ehrgeizige Junge nicht viel an seinen Eltern auszusetzen. Sie seien neben seinem Sporttrainer für ihn Vorbilder, sagt er: "Die haben es hingekriegt."

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Niels Knopf gehört damit zur Gruppe der adaptiv-pragmatischen Jugendlichen - leistungs- und familienorientiert und bereit, sich anzupassen. So sagt es jedenfalls die neue Sinus-Jugendstudie, die sieben Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen identifiziert. Von konservativ-bürgerlich über sozialökologisch bis zum experimentalistischen Hedonisten (siehe Kasten rechts).

Anders als Niels Knopf gehen die meisten Jugendlichen heute allerdings auf Distanz zu ihren Eltern. Der Rat der Freunde, der sogenannten Peers, wird zunehmend wichtiger. Online-Netzwerke dienen nicht nur dem Austausch mit Freunden, sondern auch als "elternfreie Zone". Damit reagieren die Jugendlichen auf die Erfahrung, dass die traditionellen Lebensentwürfe der Eltern für sie selbst nur noch begrenzte Gültigkeit haben.

Gleichzeitig empfinden die Jugendlichen einen starken Leistungsdruck. Auf diese Unsicherheiten reagieren die Jugendlichen aber weder mit Protest noch Pessimismus, sondern mit "Bewältigungsoptimismus", wie es die Forscher nennen. Rebellion ist für sie kein Thema. "Die Jugendlichen entfernen sich 'friedlich' vom Elternhaus", heißt es in der qualitativen Studie, die im Auftrag mehrerer Organisationen, darunter die Bundeszentrale für politische Bildung, der Bund der Deutschen katholischen Jugend und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, erstellt wurde. Befragt wurden bundesweit 72 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren in ausführlichen Interviews zwischen Juni 2011 und August 2011.

Leben früh planen - aber flexibel sein

Die Unsicherheit in der Gesellschaft ist laut Aussagen der Forscher bei den Jugendlichen besonders deutlich spürbar. Sie sind bereit, hart zu arbeiten, aber sie wollen auch hart feiern. Sie wollen sparsam sein und sich gleichzeitig etwas leisten können. Als frustrierend empfinden viele Jugendliche, vor allem an ihrer Leistungsfähigkeit gemessen zu werden.

Dennoch verweigern sie sich dem Leistungsdruck nicht. Statt wie andere Generationen die Verhältnisse infrage zu stellen, begreifen sie die hohen Anforderungen auch als Herausforderung. Aus diesem Grund fangen viele von ihnen bereits früh an, ihr Leben zu planen und zwingen sich gleichzeitig dazu, flexibel zu bleiben.

Größer geworden ist das Bedürfnis nach Halt und Sicherheit. Viele der Jugendlichen wünschen sich eine eigene Familie, schätzen es jedoch als schwierig ein, in ihrem Leben den richtigen Zeitpunkt für die Familienplanung zu erwischen.

In puncto Familie und Leistungsbereitschaft ähnelt der Berliner Niels Knopf also den meisten Jugendlichen. Natürlich würden die Anforderungen an einen ständig wachsen, sagt der 16-Jährige. "Aber ich denke immer, das wird schon." Sein Motto: Anstrengen - Ja, sich Stress machen - Nein: "Je mehr man sich Stress macht, umso weniger klappt es."

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) sieht die Entwicklungen positiv: "Viele junge Menschen wollen eher einsteigen als aussteigen. Das Prinzip 'kannst du was, dann hast du was, dann bist du was' hat offenkundig Nachwuchs bekommen", sagt sie. "Allerdings müssen wir auch endlich an diejenigen herankommen, die Erfolgserlebnisse wegen ihrer sozialen Situation zu oft nur vom Zuschauen kennen. Denn aus jugendlicher Enttäuschung wird sonst erwachsener Frust."

Eine Folge der zunehmenden Individualisierung der Lebensentwürfe ist, dass sich die Lebenswelten der Jugendlichen immer stärker unterscheiden. Das führt auch dazu, dass die Schnittmengen geringer werden. Vor allem sozial benachteiligte Jugendliche werden laut Studie von allen anderen Gruppen zunehmend ausgegrenzt. Besonders Jugendliche in der Mitte der Gesellschaft haben kein Interesse daran, sich mit den schlechter gestellten Altergenossen zu solidarisieren. Sie werfen ihnen geringe Leistungsbereitschaft und Arbeitsverweigerung vor. Tatsächlich verbinden die meisten der "Prekären" Schule mit Misserfolg und Konflikten. Die Motivation, sich anzustrengen, ist für sie vergleichsweise gering, weil sie kein lohnendes Ziel darin erkennen. Erfolgserlebnisse suchen sie sich außerhalb der Schule. Sie fühlen sich in wachsendem Maße "abgehängt" und träumen von realitätsfernen Karrieren als Showstars oder Fußballprofis. Die Vorbilder dafür liefern ihnen das Fernsehen und das Internet.

Bei allen Unterschieden fanden die Wissenschaftler auch viele Gemeinsamkeiten bei den Jugendlichen. So haben fast alle ein "abgeklärtes" Verhältnis zum Internet, dessen Nutzung als normal empfunden, aber nicht als Ersatz für reale Kontakte gesehen wird. Allerdings verspüren auch hier viele den Druck, in Online-Netzwerken präsent zu sein und sich dort optimal zu präsentieren.

Von der starken Politisierung früherer Jugendgenerationen ist bei den heute 14- bis 17-Jährigen nicht mehr viel übrig geblieben. Sie sind zwar nicht politikverdrossen, aber weitgehend leidenschaftslos, was politische Fragen betrifft. Das liegt auch daran, dass die Sorge um die eigene Zukunft bereits viel Raum in ihrem Leben einnimmt. Dabei interessieren sie sich durchaus für gesellschaftspolitische Themen, die unmittelbar ihre eigene Lebenswelt betreffen: für soziale Gerechtigkeit etwa oder wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. Aber auch hier wird abgewogen, ob es sich lohnt, sich dafür zu engagieren. Dieser "Kosten-Nutzen-Faktor" ist ein Ansatz, der für die Jugendlichen oft gilt.

Die liebste Freizeitbeschäftigung der 14- bis 17-Jährigen ist laut Studie übrigens weiterhin ein Klassiker: 98 Prozent der Befragten gaben an, besonders gern fernzusehen. Erst dann folgt das Zusammensein mit Freunden (97 Prozent) und die Nutzung des Internets (95 Prozent). Computerspiele landeten nur auf dem elften Platz, hinter sportlichen Aktivitäten wie Schwimmen und Radfahren. Wie fest Medien zum Alltag der Jugendlichen gehören, zeigt ein Blick auf die gesamte Liste. Von den 25 populärsten Freizeitaktivitäten haben elf etwas mit Medien zu tun.

( Mitarbeit: Florentine Anders und Andrea Huber )