Berliner Spaziergang mit Barbara John

Die Frau zwischen den Stühlen

Ein Leuchten ist das Erste, was man von Barbara John sieht auf der Lohmühlenbrücke. Sie trägt einen pinkfarbenen Schal und eine feuerrote Mütze. Wir treffen uns in der Mitte der Brücke und reichen uns die Hände, ich komme mir ein bisschen vor wie einst auf der Glienicker Brücke.

Auch hier trennte die Mauer einst Ost und West. Jetzt stehen wir im Gewimmel aus türkischen Familien, schwitzenden Joggern und ein paar extrem coolen Jugendlichen. Die Brücke verbindet Kreuzberg, Treptow und Neukölln. Barbara John sagt: "Ich mag das, es ist ein bisschen wie Sydney." Sie betont immer das Verbindende.

Dann stapft sie auf den matschigen Weg zu, der mal der Mauerstreifen war. So ist sie: zielstrebig. Wir reden zunächst über Karpfen. Karpfen sind unser Ziel.

Als ich ein paar Tage zuvor beim Landesverband der CDU um ihre Nummer gebeten habe, hieß es ratlos: Barbara wer? Sie lacht. 22 Jahre lang war sie Ausländerbeauftragte des Senats. Sie war die Erste, die ein solches Amt je innehatte. Es machte sie zur wahrscheinlich ungewöhnlichsten, auf jeden Fall aber bekanntesten CDU-Frau Berlins. Lange war sie auch die umstrittenste. Heute ist die 74-Jährige unter anderem Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin. Vor allem aber ist sie seit Jahresbeginn Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer der rechtsextremistischen Morde. Es ist vielleicht ihre schwerste Aufgabe.

"Barbara John - ich bin für Sie da"

Wir schliddern weiter durch den Matsch Richtung Lohmühleninsel, auf der Suche nach der Stelle, wo früher lebende Karpfen verkauft wurden, wie sie sich erinnert. Sie ist hier aufgewachsen, das Haus ihrer Kindheit stand an der Reichenberger Straße nahe dem Kottbusser Tor. Eine Bombe hat es im Krieg zerstört. Heute ist an der Stelle ein türkischer Supermarkt. "Das mit den Karpfen war in den Siebzigern", sagt sie dann, "als ich hier Wahlkampf machte." Sie lacht und zieht zwei bunte Prospekte aus der Tasche. "Hab ich Ihnen mitgebracht!" Auf dem Faltblatt steht: "Barbara John - ich bin für Sie da." All ihre Lebensabschnitte wird sie so erzählen. Anhand ihrer Arbeit.

1981 machte Richard von Weizsäcker, damals Regierender Bürgermeister in West-Berlin, John zur ersten Ausländerbeauftragen überhaupt. Sie war ihm empfohlen worden, als Expertin. Sie setzte sich als Dozentin für das Fach "Deutsch als Zweitsprache" in der Ausbildung von Pädagogen ein - eine Neuheit. Sprache, das war ihr früh klar, ist der Schlüssel zur Integration. Als man sie 2003 als Ausländerbeauftragte in den Ruhestand schickte, waren aus "Ausländern" "Menschen mit Migrationshintergrund" geworden. An dem Wort "Einwanderergesellschaft" arbeitet sie noch. Es sind Erfolge, die sie zufrieden machen.

Die CDU war nie zufrieden mit ihr. Vielen war sie zu links, zu ausländerfreundlich, zu unbequem und außerdem eine Frau. Man rief ihr nach, sie würde am liebsten jeden Flüchtling persönlich an der polnischen Grenze abholen. Manche nannten sie "Türken-Bärbel". Sie lacht. "Bärbel haben mich zuletzt meine Eltern genannt, es ist die schlesische Form meines Vornamens." Eine türkische Zeitung hat Barbara John "Abla", getauft, große Schwester, weil sie sich nicht nur um Gesetze und Behörden kümmerte, sondern auch um "Einzelfälle", wie Menschen im Bürokratendeutsch heißen. Bei dem Prinzip ist sie geblieben.

Bis heute kann sie tragische Geschichten erzählen von Familien, die wegen stoischer Auslegung der Gesetze nicht zueinanderkamen. Oder von jenem Mann, der drohte, sich aus ihrem Büro auf die Straße zu stürzen. "Wir konnten ihn zum Glück an den Beinen festhalten." Sie habe damals Empathie gelernt, sagt sie: mit anderen Menschen zu empfinden. Schwer fiel ihr das nicht. "Meine Eltern waren ja auch Einwanderer. Sie kamen in den 20er-Jahren aus Schlesien, heute Polen, nach Berlin. Wie so viele waren sie auf der Suche nach Arbeit."

Sie hat immer noch das Faltblatt in der Hand. Es zeigt ein Foto von ihr, die Haare sind etwas kürzer und blonder, und ihr Blick hat nichts von dem spitzbübischen Lächeln, mit dem sie heute erschienen ist. "Damals habe ich fürs Abgeordnetenhaus kandidiert, bin aber durchgerauscht. Die meisten Einwanderer durften in Kreuzberg damals nicht wählen. Und wer weiß, ob die CDU gewählt hätten", sagt sie trocken und dreht den Zettel um. "Kreuzberg darf kein Getto für ausländische Arbeiter werden", steht da. Sie sagt: "Es gab noch schlimmere Parolen." Manche habe sie damals selbst verwendet. In Parteien, sagt sie, gebe es einen Hang zum Nachplappern. "Ich hatte zunächst nur wenig Kontakt zu Einwanderern. Ich wusste nicht, wie es wirklich ist."

Die Getto-Frage sieht sie heute gelassen. "Die Leute ziehen eben dorthin, wo andere aus ihrem Kulturkreis leben. Auch die deutschen Auswanderer in den USA haben es so gemacht." Auch ihre Eltern zogen nach Kreuzberg, weil schon andere Schlesier dort lebten. Sie weiß, dass ihre Familiengeschichte denen heutiger Einwanderer ähnelt. Sie will damit sagen: Einwanderung ist kein Grund für Überfremdungsängste. "Man muss sich fragen, wie Integration gelingen kann."

Wir stehen jetzt am Wasser. Ein einsamer Fischer sitzt vor Buden und Pontons an der Lohmühlenbrücke. Aber: keine Karpfen. Die Lohmühleninsel ist heute ein Szeneviertel, im Sommer sitzen die Kreativen und Lässigen der Stadt hier auf Liegestühlen am Wasser. Barbara John schaut interessiert auf das Badeschiff, das am Ufer ankert. Sie war seit der Karpfen-Zeit nicht mehr hier. Wo sind sie als Kinder schwimmen gegangen? "In Treptow gab es ein Kraftwerk, da war das Wasser immer schön warm." Sie sagt das ohne jede Ironie. Der Berliner Pragmatismus der Nachkriegszeit platzt unvermittelt in unsere gesundheitsbesorgte Gegenwart. Niemand würde es wagen, in der Spree zu baden. Schon gar nicht neben einem Kraftwerk.

Barbara John sagt: Sie hätte lieber Biologie studiert statt auf Lehramt. "Der Naturwissenschaftler will Probleme lösen, Ergebnisse haben. Das war immer mein Grundsatz." Doch ein Biologiestudium hätte zu lange gedauert. "Ich wollte auf eigenen Füßen stehen." Fünf Jahre unterrichtete sie an einer Hauptschule in Hamburg, dann kam sie nach Berlin zurück, um ein zweites Studium zu beginnen: Politikwissenschaft und Anthropologie. "Das interessierte mich eben." Als wissenschaftliche Assistentin unterrichtete sie ausländische Studenten in "Deutsch als Fremdsprache". Das Fremde, das Ankommen in der Gesellschaft, wurde ihr Thema, mit der pragmatischen Herangehensweise der Naturwissenschaftlerin und dem Optimismus jener, die mit nichts anfangen und auf alles hoffen.

Wie ihr Vater, der als Kunstschlosser in Kreuzberg kein Auskommen fand und deshalb eine kleine Kerzenwerkstatt betrieb. "Wir halfen alle mit, anders wäre es gar nicht gegangen." "Wir" sagt John immer, wenn sie ihre eigene Familie meint. Die Mutter war Fleischfachverkäuferin, auch da gibt es Parallelen zu heutigen Bildungsbiografien. "Sie wollte aufs Gymnasium, aber mein Großvater konnte das Schulgeld nicht bezahlen. Sie bestand aber darauf, wenigstens einen Beruf zu lernen." Ihr Bruder wanderte 1956 nach Amerika aus. "Ihn faszinierten schon als Kind in Berlin die amerikanischen Soldaten in ihren großen Autos." Vor Kurzem, sagt Barbara John, habe sie ihn gefragt, warum er damals unbedingt auswandern wollte. "Er sagte: 'Ich wollte Geld verdienen.'" Sie lacht. Es ist echter Großer-Bruder-Satz. Typisch Kreuzberg.

Barbara John wiederum war die Erste in der Familie, die studierte. Als Schülerin hatte sie sich eines Tages eigenständig von der katholischen Mädchenschule abgemeldet, um auf einer staatlichen Schule Abitur zu machen. "Freitags musste man um acht Uhr zur Schulmesse kommen und zur Kommunion gehen. Das wollte ich nicht." Ihre Mutter stand dazu, dass die Tochter ihren eigenen Kopf hatte. John sagt, sie habe damals etwas empfunden, das sie später auch oft von Muslimen hörte: "Es darf keinen Zwang im Glauben geben."

Inzwischen sind wir an der Schlesischen Straße auf der Suche nach einem Café. Wir stehen vor einem schicken, weißen Latte-macchiato-Laden, aber sie deutet auf einen türkischen Bäcker gegenüber. Stimmt es, dass sie Türkisch spricht? "Ja, etwas", sagt sie, holt tief Luft, lächelt und wendet sich an die junge Verkäuferin: "Darf ich Sie mal was fragen? - Aber jetzt bitte nicht umfallen!" Dann sagt sie etwas auf Türkisch, was sich anhört wie "Istandbuldan, Ankaradan, die Eltern!" Die Verkäuferin irritiert das Sprachgemisch nicht, sie antwortet "Bingöl" und fügt dann hinzu: "Aber ich habe mit Bingöl nicht viel zu tun." John antwortet: "Na, ist ja klar, Sie sind schon hier geboren. Ich übrigens auch." Zwei ältere Damen im Kopftuch kommen herein. Barbara John grüßt: "Hallo, günaydin!", und, erklärend zu mir: "Das heißt Guten Morgen." Die Frauen antworten höflich "Günaydin" und schauen sie an, ebenso wie die jungen Leute, die an einem Tisch zu dritt eine türkische Zeitung studieren und uns zulächeln.

Hassbriefe und Drohungen

Wir nehmen unsere Milchkaffees und setzen uns daneben. Sind wir hier Fremde, gehören wir dazu? Es ist ein Ort, an dem Menschen im Fremdsein schnell zueinanderfinden. Im Hintergrund laufen Nachrichten auf einem Flachbildschirm, und Barbara John reibt sich die Hände: Sie seien immer kalt, "schlecht durchblutet, das habe ich von meinem Vater geerbt". Es sind auffallend zarte, schmale Hände. Sie trägt blaue, gestrickte Pulswärmer, die sie verletzlich aussehen lassen. Ein Detail, das einem nicht auffällt, wenn man sie nur von Podien kennt, aus dem Abgeordnetenhaus oder aus dem Fernsehen.

Ich frage sie: Wie hält man das aus, zwischen den Stühlen zu sitzen? Sie hat oft gehört, sie sei in der falschen Partei mit ihren Forderungen zur Integration. Hat sie jemals erwogen, aus der CDU auszutreten? "Nein", ruft sie, die kalten Hände sind vergessen, "den Gefallen hätte ich den Engstirnigen unter ihnen nie getan." Gerade in einer Partei, die noch immer Überfremdungsängste habe, sei es wichtig, dass sich mehr Mitglieder für Integration einsetzten. Wenn sie von der CDU spricht, klingt es ein bisschen wie eine erweiterte Familie. Eingetreten ist sie als Studentin - über ihren Vater. Der nahm sie mit zu Versammlungen in Kreuzberg. Aus einer Familie tritt man nicht aus. Man erwartet, dass sie einen nimmt, wie man ist.

Was Intoleranz bedeutet, hat Barbara John auf sehr unterschiedliche Art erfahren. Es gab Hassbriefe und Drohungen gegen sie, teilweise hatte sie deshalb Polizeischutz. Seit 2007 setzte sie sich für Diskriminierungsopfer ein, als Vorsitzende des Beirats der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Als Ombudsfrau für die Angehörigen der Opfer der rechtsextremen Morde tut sie nun, was sie immer getan hat. Sie vermittelt. So auch am Gedenktag für die Opfer der rechtsextremen Gewalt im Februar: Der Vater eines Opfers hatte auf der Veranstaltung sprechen wollen, das Bundespräsidialamt lehnte das ab, bürokratischer Grund: Das Protokoll könne nicht geändert werden. Konnte es dann doch - dank Johns Intervention. John geht es um die Anerkennung des doppelten Leids, das den Hinterbliebenen angetan wurde. Durch die Morde und durch die einseitigen Ermittlungen, die Opfer und Familien den schlimmsten Verdächtigungen aussetzten. Bis heute würden diese Morde in der Öffentlichkeit nicht als das gesehen, was sie sind, sagt Barbara John, "nämlich als das schlimmste Ereignis unserer Nachkriegsgeschichte nach der RAF-Mordserie".

Als wir wieder Richtung Lohmühlenbrücke laufen, sagt sie, die Gegend hier habe ihr immer gefallen. "Hier öffnen sich die engen Straßen mit all den Hinterhöfen zu einer weiten Landschaft." Sie mag offenbar solche Zwischenorte, zwischen Stadt und Land, zwischen den Kulturen, zwischen den Stühlen. Trotzdem ist sie eines Tages weggezogen. Sie lebt in Wilmersdorf. "Der Kreuzberger Drehtüreffekt", sie lacht, "er gilt für die meisten Einwanderer. Man muss immer weiterkommen im Leben."