Nach Attentat

Belagerung eines Staatsfeindes

In der Doumerc-Kaserne in Montauban haben rund 80 ordengeschmückte Veteranen gerade Aufstellung genommen für die Trauerfeier zu Ehren ihrer ermordeten Kameraden. Heftige Windböen treiben über den Exerzierplatz, als die Meldung aus dem 57 Kilometer entfernten Toulouse die Runde macht. Mohamed Merah, der mutmaßliche Mörder von drei Soldaten, drei jüdischen Kindern und ihrem Lehrer, soll sich der Polizei gestellt haben.

Präsident Nicolas Sarkozy, der zur Trauerfeier in Montauban erwartet wird, befindet sich da nur wenige Hundert Meter von dem Apartmentblock in der Rue Sergent Vigné, wo sich der Täter seit dem frühen Morgen verschanzt hatte. In der Pérignon-Kaserne in Toulouse verfolgt er den Einsatz im Hauptquartier der Polizeikräfte, die den Zugriff koordinierten. Doch die Meldung erweist sich als verfrüht. Mohamed Merah, der 23 Jahre alte, in Toulouse geborene Verdächtige, befand sich auch nach zwölf Stunden Belagerung und Diskussionen mit der Polizei noch immer in seiner Wohnung. Es sollte noch bis kurz vor Mitternacht dauern, bis die Spezialeinsatzkräfte die Wohnung des mutmaßlichen Terroristen stürmten. Drei Explosionen waren zu hören - wie die Polizei bestätigte, sprengte sie die Tür zur Wohnung des Attentäters. Ob der Zugriff erfolgreich war, stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest.

Davor lag ein Tag voller Anspannung und Trauer. Mit rund zwanzig Minuten Verspätung trifft Sarkozy schließlich in Montauban ein und schreitet das Ehrenregiment ab. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande nimmt an der Zeremonie ebenso teil wie der Zentrumspolitiker François Bayrou, die grüne Kandidatin Eva Joly und die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen.

Jeweils acht Fallschirmspringer tragen die Särge ihrer getöteten Kameraden auf den Place d'armes. Porträtfotos neben den Särgen der Toten rufen ins Gedächtnis, dass es sich bei den Opfern um sehr junge Männer handelt. Sie waren 30, 25 und 24 Jahre alt. "Die Mission unserer Soldaten ist es, Frankreich zu verteidigen, ihre Mission ist es, die Werte und Rechte der Republik zu verteidigen", sagt ein sichtlich bewegter Präsident Sarkozy. Ein französischer Soldat wisse, dass er bei der Verteidigung dieser Werte sterben kann, sagt Sarkozy, bevor er die Details der kaltblütigen Ermordung der drei Fallschirmspringer beschreibt. "Das war nicht der Tod, auf den sie vorbereitet waren, sondern eine terroristische Exekution." Im Moment, wo er spreche, sei der Täter von Sicherheitskräften umstellt, sagt Sarkozy.

Der Motorroller verrät ihn

Es ist Dienstagnachmittag, als den Ermittlern ein entscheidender Durchbruch gelingt. Mohamed Merah wird als mutmaßlicher Täter identifiziert. Der Inlandsgeheimdienst DCRI soll den jungen Mann algerischer Abstammung bereits seit Längerem im Visier gehabt haben, weil er mehrmals in die Kampfzone entlang der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan gereist sein soll. Der Polizei von Toulouse war er ebenfalls wegen diverser Delikte bekannt, darunter einem Handtaschenraub mit Gewaltanwendung. So wurde er nach Angaben seines Rechtsanwalts Christian Etelin im Februar zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er ohne Führerschein Auto gefahren war.

Doch es war der Yamaha TMax530, den er bei den drei Anschlägen benutzte, der die Ermittler auf die Spur Merahs brachte. Genau wie die E-Mails, die er mit seinem ersten Opfer austauschte, um den Fallschirmjäger in eine tödliche Falle zu locken. Anhand der Mails konnte die Polizei die IP-Adresse des Computers zurückverfolgen, den Merah benutzt hatte. Der Motorroller gehörte seinem Bruder.

Zusätzlich hatten die Ermittler der Anti-Terror-Einheit alle Yamaha-Vertragshändler im Großraum Toulouse befragt. Nach Informationen französischer Medien soll sich Merah bei einem erkundigt haben, wie man den Ortungssender, mit dem der Motorroller ausgestattet ist, um Diebstähle zu verhindern, ausbauen kann.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gelingt es der französischen Eliteeinheit Raid schließlich, Merah zu stellen. Doch er widersetzt sich der Festnahme und eröffnet von seiner Wohnung aus sofort das Feuer auf die vermummten Polizisten. Zwei von ihnen werden dabei verletzt. Merah, mit einer Kalaschnikow, einer Uzi-Maschinenpistole und anderen Handfeuerwaffen bewaffnet, verschanzt sich in seiner Erdgeschosswohnung in dem sonst so ruhigen Wohnviertel Côte Pavée nahe dem Bahnhof.

Weiterer Anschlag geplant

"Die Person spricht sehr viel", erklärt Innenminister Claude Guéant, der um vier Uhr nachts in der Rue Sergent Vigné vor dem evakuierten Wohnhaus eintrifft. "Er behauptet, zu al-Qaida zu gehören, und sagt, er wolle die palästinensischen Kinder rächen und gleichzeitig gegen die französische Armee vorgehen." Möglicherweise wollte er sich rächen, denn Merah soll sich 2008 beim französischen Militär und 2010 bei der Fremdenlegion beworben haben, aber abgewiesen worden sein. "Unser Ziel ist, ihn lebend festzunehmen", erklärt Guéant. Denn nur so könne Merah vor Gericht gestellt werden. Die Ermittler nehmen seine Mutter sowie seinen älteren Bruder und dessen Freundin ebenfalls in Polizeigewahrsam. Zuvor hatten sie die Mutter zur Wohnung Merahs gebracht, um ihn zu überreden, sich zu stellen. Doch sie weigerte sich und erklärte, sie habe ohnehin keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn. Der festgenommene Bruder soll ebenfalls islamistischen Kreisen nahestehen. Die Polizei soll in seinem Wagen Sprengstoff gefunden haben.

Aus Ermittlerkreisen verlautet, Merah soll für Mittwoch einen Anschlag auf zwei Polizisten geplant haben. Bevor die Ermittler in der Nacht zuschlugen, habe ein Mann eine Journalistin des Nachrichtensenders France 24 angerufen und sich als der Täter ausgegeben.

Jugendfreunde aus dem Toulouser Viertel Izar, wo Merah mit seinen vier Geschwistern aufwuchs, beschreiben ihn als freundlich und großzügig. Er sei gläubig gewesen, aber kein praktizierender Muslim. "Er ist ein sehr sanfter junger Mann mit dem Gesicht eines Erzengels", sagt Anwalt Etelin. "Ich habe ihn mehrmals vor dem Jugendgericht verteidigt - wegen Diebstahls, Gewalt und anderer für die Problemvororte typischer Delikte." Einmal sei Merah zu einer Gefängnisstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt worden. Er habe von den Angehörigen erfahren, dass sich Merah nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis politisch engagierte und nach Afghanistan gereist sei.

Doch bei den mehr als 15 Stunden dauernden Verhandlungen mit der Eliteeinheit der Polizei zeigte Merah sein anderes Gesicht. Die Beamten hätten mehrmals versucht, die Wohnung zu stürmen, doch Merah habe jedes Mal das Feuer auf sie eröffnet, erklärt der für die Anti-Terror-Einheit zuständige Staatsanwalt François Molins am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Merah habe angegeben, er wolle Frankreich in die Knie zwingen. Als Motiv habe er die Präsenz des französischen Militärs in Afghanistan und das Burka-Verbot in Frankreich angegeben. Molins bezeichnet Merah als gewalttätig und psychisch gestört. Zunächst hatte der Attentäter angekündigt, er werde sich am Nachmittag stellen. Doch daraus wurde nichts. Am Abend kündigte er an, er wolle bald aufgeben. Es sollte noch dauern.

Für die Behörden kann der Fall noch etliche Schwierigkeiten bergen: Der mutmaßliche Serienkiller ist bereits im November vergangenen Jahres wegen seiner Aufenthalte in Pakistan und Afghanistan vom französischen Geheimdienst vernommen worden, wie Innenminister Guéant am Mittwochabend im französischen Nachrichtensender TF1 sagte. Der 23-jährige Tatverdächtige habe erklärt, er sei als Tourist unterwegs gewesen.

Am frühen Abend werden in Montauban die Särge der toten Soldaten zu den Klängen von Chopins Trauermarsch fortgetragen. Mit einem Monument auf dem Kasernengelände ehrt das Regiment seine Gefallenen. Hunderte Namen stehen darauf, die seit 1944 für Frankreich ihr Leben ließen. Bald sind es drei mehr.