Interview mit Terrorexperte

"Toulouse muss für uns ein Warnsignal sein"

Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse hat jüdische Kinder und muslimische Fallschirmspringer getötet, bekennt sich zu al-Qaida, handelte aber offenbar allein. Guido Steinberg forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zum Schwerpunkt islamistischer Terrorismus.

Mit ihm sprach Dietrich Alexander über terroristische Gefahren - auch in Deutschland.

Berliner Morgenpost: Der mutmaßliche Attentäter von Toulouse hat einen Migrationshintergrund und war in Ausbildungslagern islamistischer Extremisten. Laufen noch mehr solcher tickender Zeitbomben herum?

Guido Steinberg: Es hat in den vergangenen Jahren verschiedene Wellen von Ausreisewilligen gegeben, die sich im Irak, in Algerien und Pakistan ausbilden ließen. Es gibt einen Trend: Die Zahl der Europäer nimmt zu. Das hat mit den Konflikten der vergangenen Jahre zu tun. Ab 2003 gingen viele Arabischstämmige aus Europa in den Irak. Ab 2006 reisten Franzosen, Briten und sehr viele Deutsche nach Pakistan. Tickende Zeitbomben, das ist wohl etwas übertrieben, wenn diese Gruppe auch wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs ist. Von etwa zwei Dutzend Personen aus Deutschland wissen wir, dass sie sich derzeit in Pakistan und Afghanistan bei terroristischen Organisationen aufhalten.

Berliner Morgenpost: Der 24 Jahre alte Amokläufer war lange im Visier der Geheimdienste. Wie konnte er seine Taten planen und ausführen?

Guido Steinberg: Eines lässt sich in Europa beobachten: Die Zahl der Ausreisen in islamistische Ausbildungslager hat enorm zugenommen. In Deutschland ist diese Szene seit 2006 sehr dynamisch. Sicherheitsbehörden besonders in Großbritannien, den Beneluxstaaten, Frankreich und Deutschland haben damit Probleme. Es wurden zu viele, und es fehlten die Mittel, sie so zu überwachen, dass Gefahren ausgeschlossen werden können.

Berliner Morgenpost: Hatten wir in Deutschland bisher Glück, oder sind unsere Sicherheitsdienste besser aufgestellt?

Guido Steinberg: Was die Aufstellung angeht, so sind die Franzosen und die Briten mit Abstand die professionellsten in Europa. In Frankreich hat das mit längerer Erfahrung zu tun: Schon Mitte der 90er-Jahre sah sich das Land einer Anschlagswelle algerischer Dschihadisten ausgesetzt. Die Franzosen haben darauf früh reagiert, hatten durch ihre koloniale Vergangenheit ohnehin mehr Erfahrung, bessere Sprachkenntnisse und gute Kontakte nach Algerien. Deren Terrorismusbekämpfer sind sehr viel besser aufgestellt als die Deutschen. Insofern muss Toulouse für uns ein Warnsignal sein.

Berliner Morgenpost: Muslime in Deutschland haben zumeist einen türkischen Hintergrund. Macht Deutschland diese Tatsache weniger anfällig für islamistische Terrorakte?

Guido Steinberg: Nein, auf gar keinen Fall. Es gibt eine Internationalisierungstendenz in der dschihadistischen Bewegung. Das bedeutet, dass al-Qaida und ihre Verbündeten in den vergangenen sechs, sieben Jahren nicht mehr nur Araber rekrutiert haben, sondern vermehrt Türken, deutsche oder sonstige europäische Konvertiten, Kurden, Afghanen, zum Teil sogar Konvertiten vom schiitischen zum sunnitischen Islam. Dadurch ist in Deutschland die Gefahr eher gewachsen, wenn auch seit 2009 die Zahl der Ausreisen in Terrorcamps rückläufig ist. Wir haben ein ähnliches Problem mit den Pakistan-Rückkehrern wie Frankreich oder Großbritannien. Dass bisher keiner dieser Anschlagspläne erfolgreich war, hat auf keinen Fall mit der besseren Arbeit unserer Ermittlungsbehörden, sondern ganz viel mit der Arbeit der Amerikaner zu tun.

Berliner Morgenpost: Der Amokläufer war offenbar ein Einzeltäter, bekennt sich aber zu al-Qaida. Ist das Terrornetzwerk zu großen operativen Terrorschlägen wie in New York, Madrid oder London nicht mehr in der Lage?

Guido Steinberg: Anschläge wie vom 11. September 2001 kann al-Qaida nicht mehr durchführen, das wird auch von der Organisation als Problem angesehen, bleibt aber ihr Ziel. Bis dahin sollen Anschläge wie der in London ausgeführt werden, der wesentlich weniger Aufwand erforderte. Der neue Trend ist, dass vor allem hier in Europa Muslime eigenverantwortlich tätig werden und dass die al-Qaida ausdrücklich zu solchen Taten auffordert. Das sehen wir gerade in Toulouse.