Job-Studie

Was zählt, sind Emotionen

Thomas Rzesnik, von Beruf Lehrer in Neukölln, lässt sich die Laune am Arbeitsplatz nicht so leicht verderben. Natürlich, sagt er, habe er auch schon stumpfsinnige Arbeiten verrichten müssen. "Doch das war meist gar nicht so schlimm, solange ich sympathische Kollegen hatte", sagt er. Für ihn sei es das Wichtigste: "Mit den Kollegen steht und fällt alles." Nicht alle deutschen Arbeitnehmer haben ein solch stabiles Gemüt wie der Pädagoge.

Denn in deutschen Werkhallen und Büros gärt die Unzufriedenheit. Fast jeder vierte Arbeitnehmer hat innerlich gekündigt, genau 23 Prozent. Das ist die ernüchternde Aussage des "Engagement Indexes" des Beratungsunternehmens Gallup. Und das, obwohl die Deutschen arbeiten, und etwas leisten wollen. 71 Prozent würden sogar ihrer Tätigkeit weiter nachgehen, wenn sie es finanziell nicht nötig hätten. 80 Prozent glauben: Harte Arbeit zahlt sich aus. "Da spürt man nichts von Freizeitpark oder Werteverfall", sagt Marco Nink Studienleiter von Gallup.

Und dennoch sind nach den Ergebnissen der repräsentativen Gallup-Erhebung mehr als 7,8 Millionen Deutsche derart lustlos, dass sie sich nur noch widerwillig ins Büro schleppen. Überträgt man die Gallup-Ergebnisse auf Berlin, dann hätten rund 260.000 der mehr als 1,15 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten innerlich mit ihrem Job gebrochen. Seit 2001 macht Gallup für Deutschland diese Erhebung und von Jahr zu Jahr steigt der Anteil der Frustrierten. Das Hauptproblem sind ihre Chefs. Sie geizen mit Lob und wenden sich ganz allgemein zu wenig ihren Mitarbeitern zu. Personalverantwortung liegt oft in den falschen Händen. Das alles kränkt die Seelen von Arbeitern und Angestellten und fügt dem Land Schaden zu. Unmotivierte Mitarbeiter kosten die Volkswirtschaft nach Schätzung von Gallup rund 124 Milliarden Euro im Jahr.

Fehler in der Personalführung

Viele Führungskräfte sind somit reinste Wertvernichter, was schon etwas seltsam anmutet. Denn Managementliteratur zu Fragen der Führungskultur und Mitarbeitermotivation lässt sich in Regalmetern kaum bemessen. Ein großes Heer von Beratern lebt vortrefflich von Seminaren zum Thema. Dennoch sagen Fachleute: Es tut sich ziemlich wenig in deutschen Werkhallen, Büros und Ladenzeilen. Das wird in einem Land mit schrumpfender Bevölkerung und Arbeitskräftemangel ein noch viel größeres Problem.

"Die Managementausbildung müsste grundlegend geändert werden", glaubt Gallup-Mann Nink. Er fühlt deutschen Arbeitnehmern im Auftrag von Gallup seit Jahren den Puls. Alle Studien der vergangenen Jahre zeigen ihm: Am Verhalten von Führungskräften habe sich in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert.

Seit 2001 macht Gallup seine ausführliche Befragung in deutschen Unternehmen. Dabei ist der Anteil der hoch motivierten Mitarbeiter über die Jahre recht konstant geblieben. 2001 lag er bei 16, vergangenes Jahr bei 14 Prozent. Auch das Gros jener mit "geringer emotionaler Bindung", wie Gallup es ausdrückt, veränderte sich wenig: von 69 Prozent (2001) auf 63 Prozent (2011). Am stärksten wuchs die Problemgruppe: Vor elf Jahren hatten 15 Prozent der Arbeitnehmer innerlich gekündigt, jetzt sind es 23 Prozent.

Angesichts der grundsätzlich hohen Motivation, die sich in der Umfrage zeigt, muss man sagen: Deutschlands Unternehmen haben ein Führungsproblem. Wenn Demotivierte kündigen, dann wegen ihrer Chefs. "Die meisten verlassen nicht das Unternehmen, sondern ihre Führungskraft", sagt Nink. Viele, sagt er, würden sogar ins Unternehmen zurückkehren, wenn sie einen anderen Vorgesetzen hätten.

Michael Tippmann ist ein Mann, der durch seinen Job mit Führungskräften und den Wünschen deutscher Unternehmen für diese gut vertraut ist. Tippmann ist Partner im Berliner Büro der Personalberatung Kienbaum, ein Headhunter, der Manager sucht. "Viele Unternehmen müssten beim Thema Personalführung viel mehr machen", sagt Tippmann. Und vor allem jede Menge Fehler vermeiden. Denn: "Oft wird jemand für seine fachliche Leistungen befördert - ist dann aber völlig ungeeignet, Mitarbeiter zu führen." Egoismus spielt eine weitere Rolle. "Vor allem im mittleren Management beanspruchen viele die Leistungen ihrer Mitarbeiter für sich selbst", sagt Tippmann.

Die Realität hat offenbar wenig mit dem offiziellen Dogma, das an betriebswirtschaftlichen Fakultäten und von Unternehmensberatern gelehrt wird, zu tun. Seit Jahren ist die Rede von flachen Hierarchien, von partnerschaftlichem Führungsstil, von den Mitarbeitern, die man mitnehmen müsse, wie es häufig heißt. "Viele Probleme sind durchaus bekannt. Doch es wird nicht in der Praxis gelebt", sagt Gallup-Mann Nink.

Ungeeignete Leute werden Chef und treffen dann fast folgerichtig falsche Entscheidungen im Umgang mit Mitarbeitern. Wozu das führt, zeigt die Gallup-Studie. Wer etwa ohne innere Bindung ans Unternehmen am Arbeitsplatz verharrt, ist häufiger krank, im Durchschnitt 8,5 Tage im Jahr. Zufriedene fehlen durchschnittlich nur fünf Tage. Allein dadurch entstünden Unternehmen in Deutschland Kosten von 10,5 Milliarden Euro, heißt es in der Gallup-Studie. Wer seine Arbeit mit innerlicher Distanz ausübt, ist auch weniger innovativ und wechselt häufiger den Arbeitsplatz. Das wiederum kostet die Unternehmen ebenfall viel Geld für Ausschreibungen, Bewerbungsverfahren und Einarbeitung. "Fluktuaktionskosten" nennt Gallup das. Pro Jahr betragen die zwischen 1,2 Millionen Euro (Firma mit 500 Mitarbeitern) bis zu 70,8 Millionen Euro (Konzern mit 30.000 Mitarbeitern).

Dabei gibt es einfache und billige Rezepte, um die Unzufriedenheit und die damit verbundenen Kosten zu vermeiden oder zumindest zu verringern. Chefs müssten sich viel häufiger mit ihren Mitarbeitern auseinandersetzen und nachvollziehbar Lob und Anerkennung aussprechen, sagt Nink. Das sei für eine langfristige Bindung ans Unternehmen wichtiger als Gehaltserhöhung und Dienstwagengröße. "Die Freude darüber verpufft nach kurzer Zeit." Allerdings: Die finanzielle Basis müsse aber schon stimmen: Faire Bezahlung und gute Sozialleistungen seien das Fundament, ohne das Zufriedenheit nicht entstehen kann.

Dazu passt auch folgendes Ergebnis der Gallup-Erhebung: 58 Prozent der Arbeitnehmer sagen, dass sie eine angemessene Vergütung erhalten. Bezahlung sei nicht der entscheidende Punkt für die enge emotionale Bindung an das Unternehmen. "Unternehmen, die unter Branchendurchschnitt zahlen, haben von vornherein geringe Chancen auf eine motivierte Mitarbeiterschaft", sagt Nink.

Jeder will wahrgenommen werden

Michael Tippmann sieht vor allem bei Unternehmen mit großer Belegschaft ein Problem. Jeder Mitarbeiter wolle doch mit seiner Leistung wahrgenommen werden. "Wenn ich nicht sehe, was ich beitrage, wird es schwierig." Besser sei es oft bei inhabergeführten Firmen mit rund 500 Mitarbeitern. Ein weiteres Problem ist Personalberater Tippmann zufolge oft auch die eher geringe Wertschätzung von allem, was mit Förderung von Personal und der Verbesserung von Führungskultur zu tun habe. "Das wird oft im Unternehmen etabliert, wenn es geschäftlich gut läuft. Geht es der Firma schlechter, verzichtet man schnell wieder darauf", sagt Michael Tippmann.

Auf den ersten Blick ist das nachvollziehbar. Ist die Auftragslage schlecht, muss ein Unternehmen Kosten sparen. Problematisch ist jedoch die geringe Wertschätzung für den entscheidenden Faktor Belegschaft. Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, kostet Zeit und Geld. Aber wenn es gelingt, ist eine Firma stabiler. "Wer wirklich motivierte Leute hat", so Tippmann, "kann sie beispielsweise auch in schweren Zeiten leichter zum Verzicht bewegen."